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Das ‚Manual der Conspiration’ von Bern ist wieder da

DMZ - KULTUR ¦

Marco Perroulaz ¦

#mittellaendische ¦

 

Als Kon­s­pi­ra­teur, politischer Verschwörer, wurde der 48-jährige Schriftsteller und Journalist Samuel Henzi, am 17. Juli 1749 in Bern auf dem Areal des heutigen Inselspitals vor zahlreichen Schaulustigen durch das Schwert hingerichtet. Zusammen mit dem Stadtleutnant Emanuel Fueter und dem Kaufmann Samuel Wernier.

»Eine Verschwörung war ursprünglich „die Verbindung von Personen durch Schwur zu etwas Üblem oder was als Übel angesehen wird, insbesondere gegen Andere.“, eine Verbindung ähnlich einem Treueid, aber in Zusammenhang beispielsweise mit einer Intrige oder dem Ziel einer Revolte, Meuterei oder eines Putsches.« So kann es in Wikipedia nachgelesen werden.

 

Und genau darum ging es. Henzi und die mit ihm angeklagten ‚Konspirateure’ hatten es gewagt, »revolutionäre Forderungen« an die amtierende Regierung zu richten: Sie verlangten unter anderem eine Gemeindeversammlung als oberstes Organ, eine Amtszeitbeschränkung für vom Volk gewählte Magistrate, eine jährliche Abrechnung der Staatskasse sowie die Öffnung der Archive. Eigentlich hatten sie sich wohl dazu völlig legitimiert gewähnt, sie fühlten sich benachteiligt gegenüber den patrizischen Burgern, denen sie rein rechtlich gleichgestellt waren.

 

Angesichts dieser ungeheuren Forderungen zitterte die aktuelle Regierung vermutlich. Es hiess, die Verschwörer wollten die Vorherrschaft des regierenden Patriziats beenden. Dieses reagierte offensichtlich sofort und schlug die ‚Feinde’ mit aller Härte zurück. Dass ihnen jemand ‚am Zeug flicken’ wollte, das hätte noch gefehlt!

Das sonst eher beschauliche Bern soll mehrere Tage in grosser Unruhe gewesen sein. Doch die Verschwörung war bereits in sich zusammengebrochen, allerdings nicht ohne europaweit ein für die damalige Zeit gewaltiges Medienecho auszulösen. Und Gotthold Ephraim Lessing, der als bedeutender Dichter der deutschen Aufklärung gilt und Verfasser von Dramen und theoretischen Schriften ist, die vor allem dem Toleranzgedanken verpflichtet sind, schrieb darüber sogar ein Theaterstück.

 

Kurz nachdem die Verschwörung niedergeschlagen war und die Angeklagten verhaftet waren, begann die polizeiliche und gerichtliche Aufarbeitung der Ereignisse. Die Räte beschlossen, darüber ein gesondertes, geheimes Protokoll anzulegen. Dieses war wohl so geheim, dass es schon bald weggeschafft wurde. War man sich der Ungereimtheiten bewusst? Immerhin hatte man, so heisst es, die entsprechenden Geständnisse durch Folter erpresst, schreckte auch vor Sippenhaft nicht zurück und verwies mitlaufende Verschwörer aus der Stadt.

Jedenfalls stellte Regierungsrat Anton Tillier, der als erster Historiker die Berner Geschichte des 18. Jahrhunderts darstellte, bereits 1834 mit grossem Bedauern fest, dass die Hauptquelle der Regierung – das geheime Ratsmanual – fehlte und im Rathaus nicht auffindbar war. Nun wurde es zufällig im Internet wieder entdeckt. Das Berner Staatsarchiv konnte den Besitzer des Dokumentes daraufhin von dessen historischer Bedeutung überzeugen und hat es in den letzten Tagen ins Archiv zurück führen können. Ein Happy End - für das ‚Manual’.