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60 Millionen handbemalte Sonnenblumenkerne

DMZ - KULTUR / INTERNATIONAL ¦

 

Der weltweit als Künstler, Architekt, Kurator, Filmregisseur und Fotograf gefeierte Ai Weiwei präsentiert in Düsseldorf seine aktuelle Ausstellung. Unter dem Motto „Alles ist Kunst, alles ist Politik“ zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen seine bisher grösste Werkschau in Europa

Das ist die grösste Ai-Weiwei-Ausstellung, die Europa je gesehen hat. Und diesmal ist Grösse auch Programm: Im K20 und K21 zeigt der chinesische Künstler über 40 seiner bedeutendsten Werke.

 

Mit grossflächigen Installationen macht Ai Weiwei auf Missstände und Widersprüche der Gegenwart aufmerksam. Ziel sei es gewesen, seine politischsten Arbeiten zu zeigen, so Susanne Gaensheimer, Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und Mitkuratorin der Ausstellung. Entstanden ist eine Werkschau, die den schlichten Namen „Ai Weiwei“ trägt, inhaltlich die Unterdrückung durch politische Systeme thematisiert und mit der Wechselwirkung von Element und Masse spielt. Kurzum: Ai Weiwei fragt nach der Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft.

In den grossen Hallen des K20 zeigt Ai Weiwei seine Schlüsselwerke „Straight“ und ­„Sunflower Seeds“ zum ersten Mal in ihrer vollständigen Form gemeinsam in einer Ausstellung.

 

Die Installation „Straight“ besteht aus 164 Tonnen Armierungseisen, die der Künstler nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan 2008 aus eingestürzten Schulgebäuden bergen liess. Rund 5000 Schulkinder verloren damals ihr Leben unter den Trümmern. In einem zeit- und kostenaufwendigen Bearbeitungsprozess wurden die verbogenen Stahlstäbe wieder geradegebogen – daher auch der englische Titel „Straight“, der so viel wie „zurechtgerückt“ oder „geradeheraus“ bedeuten kann. Die eindrucksvolle Arbeit, deren Schlichtheit und Monumentalität einen eigenen, sehr grossen Raum verlangt, ist eine Mahnung an die Katastrophe und den Verdacht, dass Verantwortungslosigkeit, Schlamperei und Korruption Gründe für den Einsturz der Schulgebäude gewesen seien.

 

In der benachbarten Ausstellungshalle präsentiert Ai ­Weiwei ­„Sunflower Seeds“ – ein Meer aus über 60 Millionen handgefertigten und individuell bemalten Sonnenblumenkernen. Das chinesische Porzellan wurde von 1600 Kunsthandwerkerinnen und -handwerkern in Jing­dezhehn, einer traditionsreichen Produktionsstätte für Porzellan, in einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren hergestellt. Auf rund 650 Quadratmetern spielt das Werk mit dem Gegensatz von Einzelelement und Gesamtform, von Individuum und Masse. Auch eine politische Interpretation liegt nahe, weil Mao Zedong, ehemaliger Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, in der Propaganda des Staats als Sonne dargestellt wurde.

 

Die Bevölkerung sollte sich nach dem Diktator ausrichten, wie es die Sonnenblume nach der Sonne tut. Immer wieder verweist Ai Weiwei auf Vorstellungen individueller Freiheit in politischen Systemen. So auch mit Arbeiten, die im K21 ausgestellt werden. Dieser Teil der Werkschau zeigt Kunstwerke aus den vergangenen fünf Jahren, die vor allem das Schicksal von Geflüchteten thematisieren, und spannt einen Bogen von Ai Weiweis frühesten künstlerischen Schritten über seine Zeit in New York (1983–1993) bis hin zu seiner Verhaftung 2011 und der darauffolgenden Überwachung. Nachdem der Künstler 81 Tage in Haft verbrachte, verlangte der chinesische Staat von seiner Firma die umgehende Begleichung einer angeblichen Steuerschuld von umgerechnet 1,7 Millionen Euro. Mithilfe privater Spenden konnte diese Summe bezahlt werden. Im Gegenzug hat Ai Weiwei künstlerisch gestaltete Schuldscheine entworfen, die im Rahmen der Ausstellung als Wandtapete dienen. Neben dem Namen der Spender sind Sonnenblumenkerne und Alpaka-Briefmarken zu sehen. Sämtliche Spenden wurden von Ai Weiwei zurückgezahlt.

 

Rechtsstreit mit VW

Fast schon als Markenzeichen Ai Weiweis gilt der ausgestreckte Arm mit Mittelfinger-Pose, den er plakativ an symbolischen Orten wie Regierungsgebäuden aus der eigenen Perspektive ablichtet. Das Weisse Haus, der Eifelturm oder der Bundestag – sie alle wurden unfreiwillig zum Projektionsobjekt seiner Ablehnung. So auch das VW-Logo, das er jüngst mit Stinkefinger und ernster Miene auf Instagram veröffentlicht hat. Der Künstler kritisiert den Volkswagen-Konzern dafür, dass er dauerhaft bestrebt sei, seine Marktanteile in China zu vergrössern, gleichzeitig aber die prekäre Menschenrechtslage in der Volksrepublik ignoriere. Ai Weiwei selbst befindet sich derzeit mit dem Wolfsburger Autobauer aber deshalb im Rechtsstreit, weil Volkswagen sich auf vermeintliche Urheberrechtsverletzungen im Zusammenhang mit einer Werbung im Vordergrund eines Kunstwerks Ai Weiweis lediglich in „arroganten Gesten geübt hat, um die eigene Schuld zu trivialisieren und die ganze Sache herunterzuspielen“, so der Künstler. Bei dem Kunstwerk namens „Soleil Levant“, das auf ein Gemälde gleichen Namens des französischen Impressionisten Claude Monet anspielt, handelt es sich um eine Installation aus 3500 Schwimmwesten, die an der Fassade von Kopenhagens Kunsthalle Charlottenburg angebracht wurden.

 

Mit dieser Aktion wollte der Künstler auf die Flüchtlingsproblematik, die sich thematisch durch eine Vielzahl seiner Arbeiten zieht, verweisen. Weil Volkswagen Ai Weiwei offenbar weder fragte, ob das Werk in der Werbung gezeigt werden darf, noch den Namen des Urhebers nannte, hat sich Ai Weiwei zur Klage entschlossen, über die nun in Dänemark verhandelt wird – Ausgang offen.

Kritiker werfen Ai Weiwei vor, er würde sich mit Teilen seiner Werke an der Grenze zum Peinlichen, als Märtyrer, inszenieren und mit seiner Person zu viel Aufmerksamkeit absorbieren, wodurch die eigentliche Intention der Arbeiten verloren gehe. Auch die sechs minimalistischen Eisenkisten, deren Innenleben den durch Menschenrechtsverletzungen gekennzeichneten Haft-Aufenthalt des Künstlers dokumentieren, rücken die Person Ai Weiwei in den Mittelpunkt der Betrachtung. Tatsächlich bewegt sich der Künstler damit nicht an einer Grenze peinlicher Selbstdarstellung, sondern bleibt seiner künstlerischen Linie treu: der Einzelne im Kontext der Gesellschaft. 

 

 

Quelle: Wirtschaftskurier - https://www.wirtschaftskurier.de/lebensart/artikel/ai-weiwei-zeigt-goesste-werkschau-in-europa.html


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