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Persönlich – Die anderen Fragen: Heute mit Tanja Baumberger (Sängerin/Sprachtherapeutin/Darstellerin)

Foto: Rolf Schaffner
Foto: Rolf Schaffner

DMZ - PERSÖNLICH - DIE ANDEREN FRAGEN

#mittellaendische ¦

www.mittellaendische.ch ¦

 

Herzlichen Dank für das Mitwirken für die Rubrik „Persönlich – Die anderen Fragen“ der Mittelländischen.

 

Vorname/Name: Tanja Baumberger

Beruf Funktion: Sängerin/Sprachtherapeutin (i.A. Eid. Kunsttherapeutin Fachrichtung Sprache & Drama)

Bezeichnung für die künstlerische Arbeit: Darstellerin – Sängerin – Musical 

 

Fragen: 

 

Wie geht es dir, ehrlich und unverblümt?

Mein Glas ist halb voll und ich bin sehr dankbar für mein Leben und meine Familie, meinen Beruf!

 

Welche Frage sollte dir schon längst einmal gestellt werden und wieso?

Wieso machst du (noch immer) Kunst und Kultur, wenn man damit nicht „reich & berühmt“ werden will – oder werden kann?

Weil sich diese Frage wohl viele stellen, ohne sie direkt auszusprechen....

 

Wie bist du zu der künstlerischen Tätigkeit gekommen?

Ich war Projektleiterin im Baunebengewerbe, (als Hochbauzeichnerin mit NDS – BWL) habe gut verdient, war jedoch immer der Musik – dem Theater zugetan, hatte aber nicht den Mut „es“ beruflich zu tun. Als ich bei Smart in Biel für MCC gearbeitet habe, daneben am Konsi war und dann alle MCC Mitarbeiter nach Stuttgart verlegt werden sollten - Übernahme Smart durch Mercedes -, war das für mich ein “Zeichen“ es zu wagen.... Ein paar Monate später war ich auf Tour mit der Schweizer Musical Nacht – Sandra Studer, Florian Schneider. Es folgten weitere Engagements: „Melissa“ in Winterthur, Cabaret in Bern und CH – Tour, Paul Burkhard Revue mit Inigo Gallo und vieles mehr. Im Jahr 2000 habe ich fe-m@il gegründet mit der zauberhaften Petra Hereth. Heute sind bei fe-m@il viele Musiker Kollegen dabei – eine feste Truppe, seit fast 20 Jahren : Marlis Walter, als Tastenfee im Kanton bekannt, ebenso Liliane Fluri, sind fester wichtiger Bestandteil der Formation und auch Thomas Dietrich (Sommeroper Selzach) im Bereich Produktionsentwicklung und Regie.

 

Was ist das Schwierigste an der Ausübung?

Disziplin und der ständige finanzielle Drahtseil Akt – in Produktionen und Projekten verdienen wir oft nicht das „warme“ Wasser, das ist auch ein Grund, weshalb ich 2014 mit der Ausbildung zur Sprachtherapeutin begonnen habe, denn ich möchte weiterhin das tun, was ich liebe: die breite Ausbildung medizinisch und fachlich. Psychologie, Pädagogik usw. haben mich überzeugt – die Berufsbezeichnung ist etwas „lang“, aber so heisst sie nun einmal: «Eidgenössische Kunsttherapeutin Fachrichtung Drama & Sprache». Eine Kombination von Schauspiel – Stimme – Techniken des Zusammenspiels. Wen es interessiert: Ein neuer Lehrgang beginnt jetzt – amwort.ch in Dornach.

 

Stimmt es, dass es in der Schweiz sehr schwer ist, von einer künstlerischen Tätigkeit zu leben?

Ja, es ist schier unmöglich, du brauchst einen „Brotjob“, wie wir sagen – Taxifahren, unterrichten oder bei IKEA arbeiten . Im Ernst, es ist „unglücklich“ - entweder kommt die Frage „und was machst du sonst noch?“ oder die noch schlimmere Bemerkung „du hast ja einen Mann, der gut verdient!“

Ganz arg finde ich, dass die Kunst von der Steuerbehörde als normales Unternehmertum behandelt wird. Das heisst ,ich „muss“ gewinnbringend arbeiten, sonst werde ich als „Hobiistin“ eingestuft. Als könne man künstlerische Projekte mit dem ROI bewerten – ich war schon so oft wütend, enttäuscht und finde es einen „Schämer“ für den Kanton. Leider ist es nicht nur im Kanton Solothurn so, ich habe es von Musiker Kollegen aus dem Kanton Bern genauso gehört. Ich muss als freischaffende Künstlerin eine Buchhalterin und Treuhänderin beauftragen, also noch mehr Kosten generieren, weil die Behörden fürchten, ich könnte etwas nicht angeben – also „schwarz“ verdienen...

Eine einfache Rechnung: Wenn ich als Musikerin eine Gage bekomme – Probe dafür, Anfahrt und Rückreise berechne – eventuell noch zusätzlich etwas beschaffen muss, ist es in meinem Interesse alles anzugeben, sonst kann ich die Abzüge nicht geltend machen. Wenn ich das real abrechne, bleibt unter dem Strich meist nicht viel mehr übrig und davon bezahle ich Steuern – AHV – alle Abzüge und Versicherungen etc. Bin ich an einem Theater engagiert, sieht die Summe zwar grösser aus, aber unter dem Strich bleibt es meist genauso! Letzthin war da ein Bericht über die Löhne am Stadttheater Luzern Thema... Auch da weiss ich von meinen Bühnenkollegen, dass die Zeiten sich geändert haben... nicht zum Guten!

 

Was gefällt dir am besten in der Schweiz, was hasst du?

Die Natur ist schon einzigartig, das liebe ich sehr. Die Sauberkeit war immer auch ein Punkt, da haben wir jedoch arg abgegeben... andere Länder aufgeholt!

Ich wünschte mir etwas mehr Fröhlichkeit im Leben, in den Gesichtern auf der Strasse, im Bus und im Alltag. Ich bin im Herzen halbe Niederländerin, habe dort gelebt, verbringe viel Zeit (familienbedingt) dort, spreche auch die Sprache und stelle dort fest: Es geht auch genauso gut mit etwas weniger Verbissenheit und Missgunst ;-)

Wie Ruth Dreyfuss einst sagte: „Wir sind ein Volk von Neidgenossen...“

Auch schön zu sehen im Film mit Mike Müller – Wilhelm Tell, wie wir Schweizer „funktionieren“.

 

Was würdest du als König/in der Schweiz als erstes ändern?

Das Grundeinkommen einführen; es kann nicht sein, dass Menschen mit Ü50 gekündigt wird und sie nicht mehr zu Jobs kommen, u.a. weil sie zu teuer sind im Sozial System - was dann droht, wissen wir...

Steuern anders organisieren – national ,nicht kantonal und die Briefkasten Geschichten soll es bitte nicht mehr geben UND:

Wer viel hat, soll auch mehr abgeben müssen, als diejenigen, die wenig bis nichts haben.

Einheitliche Krankenkasse und Medizin anders „belohnen“ nach dem Anreizprinzip:

Patient gesund = Arzt erhält höheren Tarif.

Die Pharma Lobby abschaffen – so wie das Bierkartell abgeschafft wurde ;-)

 

Welche Person in der Schweiz nervt dich und wieso?

Mich nervt keine eigentliche Person, mich nervt oft, dass Menschen “gross & wichtig“ sind, nicht durch „Können oder Wirken“, sondern durch medialen HYPE . Eigentlich sind wir wie die Menschen vor 2000 Jahren, alle wollen „Brot & Spiele“, Skandale und Skandälchen sind wichtiger, um in den Medien zu „erscheinen“ als das Wirken und Tun! E liegt an jedem Einzelnen. Ich staune über den Beruf der Influencer – das ist so gar nicht „meins“ - dass ich täglich jemandem ins „Müesli“ schauen soll, um es dann ebenso zu tun – ich mach mir mein Leben & Müesli selber im „stillen“ Kämmerlein!

 

Welches bisherige Geheimnis kannst du uns von dir verraten?

Meine roten Haare sind noch ganz so rot von Natur aus, ich bin rot – blond und wohl bald grau, werde auch nächstes Jahr 50 Lenze.

 

Wie engagierst du dich im Sozialen Bereich?

Ich engagiere mich für Kinder ohne Eltern und an der Schule unserer Söhne. Ich bin WWF Mitglied und versuche grundsätzlich Brückenbauerin zu sein zwischen Welten, die man nicht kennt und die mit Vorurteilen belastet sind.

 

Wie nennen dich deine Freunde und wie deine Familie?

Oh, das ist sehr heikel – meine Jungs daheim nennen mich Cleopatra, weil ich schon auch mal den Befehlston anschlage in unserem Männerhaushalt. Als Diva werde ich nicht bezeichnet, obwohl das wohl viele denken, ich bin ganz umgänglich und nur im Bereich Urlaub, da geht nix unter 4 Sternen, da bin ich dann halt Diva ;-)

 

Welche Künstlerin, welchen Künstler findest du in der Schweiz am interessantesten und wieso?

Also ich mag menschlich Sandra Studer sehr gerne – eine sehr smarte Frau, die auch Kinder und Familie mit Beruflichem natürlich verbindet. Wir kennen uns auch schon viele Jahre. Sie ist taff, intelligent und ein „Schatz“ - beruflich eine Bombe!

Musikalisch mag ich „Chanson“ Lieder mit guten Texten und guter Musik. Da gibt es einige Namen: zuerst Stephan Eicher natürlich, dann Sina, Michi v.d. Heide, Vera Kaa. Ich mochte die Innerschweizerin Sängerin sehr, die in den USA lebt(e) ufff der Name...

Wenn sie Schweizerinnen wären, dann stünde hier: Barbra Streisand oder Wende Snijder.

 

Warst du schon einmal finanziell vom Staat abhängig?

Wenn das Theater Sommerpause macht oder eine Produktion Pleite ging und keine Produktion anstand, musste ich auch mal „stempeln“ gehen, habe dabei aber immer im Zwischenverdienst gearbeitet und es ging immer irgendwie weiter...

 

Dein Lieblingsort in der Schweiz?

Solothurn an der Aare, auf der Aare im Wanderkanadier oder in St. Ursen und in unserem Garten.

Unser Lied „mis Soledurn“ zeigt musikalisch, wo ich daheim bin.

 

Was ist aktuelle deine grösste Sorge?

Uffff, dass ich meine medizinische Modul Prüfung bestehe – und meinem Diplom einen grossen Schritt näher bin!

„Weltliche“ Sorgen mache ich mir - wie alle andern - um unsere Umwelt und darum, wie wir miteinender umgehen in dieser Frage. Wenn ich „alte“ Menschen brüllen höre, wenn Junge für das Klima auf die Strasse gehen „göht zersch goh schaffe dir fule Hüng“ oder noch derber, dann zweifle ich an der Weiterentwicklung des Frontalen Hirns der Spezies Mensch!

Beruflich : Dass viele Menschen neugierig sind auf unsere neue Produktion „Lilli Palmer“. Nach erfolgreicher Uraufführung im TOBS Solothurn im März 19 ist Tourstart am 9.11. in Zofingen. Dann geht’s am 23.11. nach Grenchen ins sooooo GROSSE Parktheater und am 1.2. noch nach Dornach.

 

Welche Person repräsentiert die Schweiz aus deiner Sicht am besten?

Politisch mag ich Alain Berset gerne, als Titelheld - politisch bin ich nicht immer einig mit ihm – sonst mhhhhhh, schwierig auf dem Gebiet die Schweiz repräsentieren: Musik Stephan Eicher, Kabarett – Comedy? Da hab ich’s schwer in der Schweiz mit meinem NL-Humor, der nahe dem britischen, schwarzen und dem jüdischen liegt – keine Ahnung?

 

Welches ist dein aktuelles Projekt und worum geht es?

Meine Kurse starten Ende August wieder – atem-stimme-sprache.ch. Da biete ich seit 3 Jahren Kurse für Erwachsene auf 3 Gebieten im Bereich Sprechtechniken, – Präsentationstechnik & Körpersprache und Gesundung, Achtsamkeit mit dem Atem an. Gruppen und Einzellektionen – ich freue mich sehr darauf!

Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen sind wieder dabei: Ärzte, Lehrer, HR Bereiche, Verkauf, GL Funktionen, aber auch Menschen, die ganz „einfach“ lernen möchten, wie man Geschichten erzählt....

UND es stehen spezielle Konzerte an:

30. Oktober in Baden an der Bühne Heimat „Lieder-isch“

Dann kommt eben „Lilli Palmer“, die musikalisch inszenierte Lesung am 9.11. in Zofingen & 23.11. in Grenchen und 1.2. in Dornach.

Besonderes Weihnachts - Special im Gartencenter Wyss am 15.12. -

„alles Weihnachten oder so - „Luja – sog i“.

Und dann 2020 hätten wir 20 Jahre fe-m@il, feiern aber wohl erst 2022 - 2 x 11 Jahre mit etwas Besonderem, das braucht „ä bissl Zeit“.

Was wir aber schon wissen: YENTL kommt wieder im Oktober 2020.

 

Deine Mitteilung an unsere Leserinnen und Leser?

In meiner medizinischen Ausbildung habe ich begriffen, dass wir als Zellhaufen starten, wir werden, was wir essen, was wir denken und was wir fühlen, dass vieles im Kopf geschieht, was uns vermeintlich „krank“ macht und dass das heutige Tempo bestimmt nicht gesund ist, denn wer weiss schon, dass, wenn wir im Stress sind, unser System auf „Fluchtmodus“ steht und alle Körperfunktionen – besonders das Immunsystem - herabsetzt werden. Damit wird einiges klar, auch weswegen Krankheiten so inflationsmäßig zunehmen. Nur einen Kurs oder ein Coaching oder verbissen Sport machen helfen da wenig, es muss im Kopf, in der Denkweise etwas geändert werden!

Gönnt euch regelmässig nichts tun – nichts denken, einfach nur sitzen, wie schon Loriot so schön sagte;-) „Ich will doch nur hier sitzen!“

 

Wofür sollten sich Künstlerinnen und Künstler unbedingt stark machen?

Dass national rechtlich etwas passiert mit Pensionskassen, Steuern, Löhnen etc. und vor allem: Übt euch in Zusammenarbeit und Zusammenhalt, nicht im Angst verbreiten – Duckmäusern und Kopf einziehen! Die Angstmacherei ist eine Tugend der Populisten – ich will dem keinesfalls folge Leisten!

 

Deine persönliche Frage an dich und Antwort dazu?

Diese eine Frage stelle ich mir regelmässig: “Wenn ich morgen sterbe oder wissen würde, es geht nicht mehr lange – war ich zufrieden....?

Solange ich diese Frage laut und deutlich mit JA beantworten kann, ist mein Glas eben mindestens immer halb voll! Und meine persönliche Bucketlist ist Gott sei Dank überschaubar ;-) und realistisch....

Persönlich – Die anderen Fragen - die interessante Rubrik der Mittelländischen.