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Inspiration

DMZ - KULTUR ¦

Sarah Weya ¦

#mittellaendische ¦

 

Das schlimmste, was einer Künstlerin oder einem Künstler passieren kann, ist der Verlust der Inspiration, und genau das ist mir passiert. Ich weiss nicht, ob sie mit dem Tod von meinem geliebten Grossvater mit gestorben ist, oder ob sie sich einfach so aus dem Staub gemacht hat. Also ging ich auf die Suche nach ihr. Zuerst schaute ich in der Natur nach, dort zeigte sie sich ab und zu, vor allem in Blumenwiesen. Mein Atelier ist aber voll mit Farben und mit Farbkombinationen habe ich keine Mühe.

 

Danke Naturinspiration, aber Du bist es nicht, die ich suche.

Mein nächstes Ziel waren die Menschen. Wo findet man inspirierende Menschen? Facebook! Also ging ich ins Internet und forschte nach, und siehe da, ich wurde schnell fündig. Ich fand einen Künstler aus Zürich, mit dem ich mich letztes Jahr im Sommer getroffen habe. Also sprachen wir über das Kunstbusiness und über Inspiration. Nach dem Gespräch war ich platt, nicht nur weil ich für ein Glas Wasser CHF 6.- bezahlen musste, sondern weil ich den ganzen Kunstkampf vor Augen sah. Erfolg muss man sich nicht nur erarbeiten sondern vor allem erkaufen! Das Renommee ist teuer! Nach Zürich fühlte ich, wie meine Inspiration ausgewandert war, an einen geheimen Ort hinter Schloss und Riegel. Ohne Renommee und finanzielle Investitionen in eine Galerie - kein Erfolg! Als alleinerziehende Mutter und selbstständige Grafikerin, hat man diese Mittel aber nicht. Also stand mal eine Entscheidung fest, ich muss mich selbst vermarkten!

 

Facebook! Internet öffnen, Bilder rein, warten was passiert. Nichts. Also entschied ich mich für die Schnäppli-Variante. Ältere Werke rein, zu einem Schnäppli-Preis, warten was passiert! Oha, jetzt kommen die „wie viel kostet dieses Bild“ Fragen. In diesem Moment fühlt man sich als Künstlerin entwürdigt. Aber irgendwie konnte ich es verstehen, wir leben in einer Rabatt Gesellschaft. Die Leute sparen wo sie können, bis auf die Vegetarier, die geben ihr ganzes Geld für BIO aus.

 

Aber zurück zur Inspiration. Gemalt habe ich ja immer noch nicht.

Gespräche haben mich schon immer inspiriert vor allem in Kombination mit Essen. Meine Erfahrung dazu ist folgende: Es gibt Fondue und Raclette Gespräche, die inspirieren mich meistens zur Flucht. Man hört sich endlos langes oberflächliches Zeug an, bis der letzte Käse verzerrt wird. Es wird viel gelacht und es werden schlechte Witze erzählt, die man schon kennt. Ich bin dann die, die nicht lacht, so wie ich in der Kirche auch nicht singe, wenn ich mal in dieses Gebäude gezwungen werde. Ich stehe zu meinem anderen Humor und zu meiner konfessionslosigkeit ebenfalls.

 

Inspirierend sind eindeutig Austern Gespräche. Nur kann man mit niemandem in der Schweiz solche Gespräche führen, da die Austern zum einen mit dem Wort „grusig“ verbunden werden oder das isst man nur, wenn man reich. Da haben die Schweizer zum teil recht. Ich als nicht reiche Frau muss dafür immer ständig nach Frankreich reisen, dort gibt es sogar Austernpartys mit Piraten-Motto. Bedauernswert ist, dass ich als Jurassierin kein Französisch kann, und die Gespräche ausfallen! Was mir auch aufgefallen ist, dass man als Inspirationssuchende den Menschen auf die Nerven geht. Entweder man stellt zu persönliche Fragen oder man wirkt zu penetrant. Die Natur sagt: SCHAU MICH AN, DAS BIN ICH. Der Mensch macht das nicht, dafür hat man ja ein Profilbild.

 

Ich beneide Frauen, die keine Kunst machen, die sind die ganze Zeit inspiriert. An Weihnachten ist es am schlimmsten oder an Ostern. In unserer Wohnung gab es noch nie saisonale Dekorationen. Wahrscheinlich wird meine Tochter mal ein IKEA Freak, da bin ich mir sicher! Auch Kindergeburtstage scheinen einen hohen Inspirationswert zu haben, ich habe Torten gesehen auf Facebook, die mein Vorstellungsvermögen an Kreativität gesprengt haben! Einhorn-Torten, Eisprinzessinnen-Torten, Lokomotiv-Smarties-Torten usw. Ich gebe Torten in Auftrag, und zwar an meine Grossmutter, denn die macht wirklich gute Torten! Torten müssen schmecken und nicht aussehen als hätte man sie bei Toys‘R‘us gekauft!

Ich habe vor zwei Tagen einen Flug nach Portugal storniert, ich dachte die Inspiration sei dort. Das wäre aber gewesen wie Pilze suchen im Winter. Ich glaube momentan zu wissen, dass sie weder dort noch dort ist, sondern IN MIR.

 

...und ich persönlich habe sie hinter Schloss und Riegel verbannt! Ich muss nämlich gar nicht die Inspiration suchen, sondern den Schlüssel! 

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