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“Erzähl uns etwas von dir“ - Die Geschichte von B. S.

DMZ - GESELLSCHAFT ¦ HISTORISCHES ¦ Amanda Baeriswyl ¦

 

Sich zu öffnen und sich somit seinen Ängsten zu stellen, braucht unglaublich viel Mut, aber wir wissen, dass es da draussen nur so von mutigen Menschen wimmelt. Wir alle kämpfen gegen irgendetwas an. Wir alle fühlen uns manchmal alleine und einsam. Wir alle haben Sorgen, Nöte und Ängste, sehnen uns nach Liebe, Freundschaft und Geborgenheit.

Amanda Baeriswyl zeichnet Ihre Geschichte nach.

 

"Erzähl uns etwas von dir" - Die Geschichte von B.S.

 

Ich bin 56 Jahre alt und schloss mit 25 Jahren die KV-Ausbildung ab und arbeitete danach rund 25 Jahre bei einer Bank. 17 Jahre war ich bei der Nachwuchsausbildung tätig und während dieser Zeit, liessen meine Ex-Frau und ich uns scheiden. Der gesamte Scheidungsprozess war der Horror. Ein Verfahren jagte das andere. Ich geriet dadurch in die Schulden und psychisch ging es mir auch immer etwas schlechter. Kurz nachdem die Scheidung rechtskräftig war, erhielt ich die Diagnose Speiseröhren- und Magenkrebs. Ich musste mich einer Chemotherapie unterziehen gefolgt von einer riesen OP die ca. 9.5 Stunden dauerte. Bei der OP musste man mir die halbe Speiseröhre und praktisch den gesamten Magen entfernen. Die Folge davon ist, dass ich gewisse Nährstoffe und Vitamine nicht mehr gut aufnehmen kann und ich deshalb schnell unterzuckert bin. Mit regelmässigem Essen versuche ich der Unterzuckerung zu entgehen, was eine grössere Erholungszeit mit sich zieht. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass ich nicht gleichzeitig Essen und Trinken kann. Ich muss immer entscheiden was wichtiger ist, da mindestens 30 Minuten dazwischen sein sollten.

Das Debakel wollte aber nicht enden. Bei der Bank in der ich arbeitete gab es laufend Reorganisationen. Schlussendlich verlor ich meine Anstellung. Nach der Kündigung bin ich dann komplett zusammengebrochen. Ich war mehrere Wochen stationär und anschliessend mehrere Wochen ambulant in einer Klinik in Behandlung wegen einem Burn-Out, schweren Depressionen und Suizidgefährdung. Durch meinen Zusammenbruch erhielt mein Arbeitgeber eine Kündigungssperrfrist, wodurch diese erst sechs Monate später gültig wurde. Daraufhin kam ich auf das RAV, war zwischendurch arbeitsunfähig und dann wieder teilweise arbeitsfähig. Während diesen beiden Jahren beim RAV habe ich hunderte von Bewerbungen geschrieben. Ich habe aber keine neue Arbeit gefunden. Einerseits, weil ich den Arbeitgebern zu teuer bin und andererseits, weil man heutzutage für dieselbe Anstellung einen Fachhochschulabschluss benötigt. Daraufhin wurde ich zwei Jahre später ausgesteuert und musste mich gezwungenermassen beim Sozialamt melden.

Das ist der absolute Horror, unter anderem wegen dem willkürlichen Handeln seitens des Sozialamtes. Beschlüsse z.B., werden so verfasst, dass ich mit meinen Beschwerden kaum eine Chance habe, wenn überhaupt. Ich habe bereits acht Beschwerden eingereicht. Mit sechs davon bin ich abgeblitzt und die weiteren beiden sind noch offen. Diese Beschwerden musste ich selber verfassen, wie auch einreichen, da ich wegen den Schulden, die durch Scheidung und Verfahren entstanden sind, keine finanziellen Mittel habe, um mir juristische Hilfe leisten zu können. Das Problem ist, dass die Sozialhilfegesetze und Verordnungen schwammig und breit auslegbar sind. Dadurch bestehen immer Möglichkeiten um beispielsweise Gelder zu kürzen oder diese erst gar nicht auszubezahlen. Ich lebte z.B. 2.5 Monate lang von 10.00 CHF Nothilfe/Tag und 3 Monate lang bekam ich nicht einmal mehr die Nothilfe. Aktuell wurde rückwirkend die Sozialhilfe sogar ganz eingestellt. Dadurch wird auch meine Krankenkasse und meine Miete nicht mehr bezahlt. Ich werde aus meiner aktuellen Wohnung raus müssen. Wann genau steht noch offen, sicher ist aber, dass es geschehen wird. Wo ich dann hingehe weiss ich nicht, da ich ja unter anderem kein Geld für eine neue Wohnung habe. Ich habe nichts. Ich werde demnächst also obdachlos sein, wenn sich nichts ergeben sollte. Alles hat sich total akkumuliert. Wie es weiter gehen soll und wie ich aus diesen Dingen rausfinden soll, weiss ich nicht. 

 

 

 >>> Die Idee zu “Erzähl uns etwas von dir“


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