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“Erzähl uns etwas von dir“ - Die Geschichte von Dr. Barbara Müller

DMZ - GESELLSCHAFT ¦ HISTORISCHES ¦ Amanda Baeriswyl ¦

 

Sich zu öffnen und sich somit seinen Ängsten zu stellen, braucht unglaublich viel Mut, aber wir wissen, dass es da draussen nur so von mutigen Menschen wimmelt. Wir alle kämpfen gegen irgendetwas an. Wir alle fühlen uns manchmal alleine und einsam. Wir alle haben Sorgen, Nöte und Ängste, sehnen uns nach Liebe, Freundschaft und Geborgenheit.

Amanda Baeriswyl zeichnet Ihre Geschichte nach.

 

"Erzähl uns etwas von dir" - Die Geschichte von M.B.

 

1990 wurde bei mir „Retinitis Pigmentosa“ diagnostiziert, eine genetisch bedingte degenerative Netzhauterkrankung, welche auch als Tunnelblick bekannt ist. Meine Sehschärfe beträgt inzwischen weniger als 20% (stark abhängig von den jeweils herrschenden Lichtverhältnissen), das Gesichtsfeld ist stark eingeschränkt, wobei ich stets mit einer Verschlechterung rechnen muss. Zudem erlitt ich am 19.1.2007 eine doppelte zentrale Lungenembolie, die ich dank einer

Extrem-OP im letzten Moment überlebt habe. Nun zeigen sich leider nach Jahren Folgeschäden hiervon, die höchstwahrscheinlich daher rühren, dass ich im Jahre 2007 keine der nach solchen Eingriffen vorgesehenen Rehabilitationstherapien, bzw. keinerlei medizinische Nachsorge erhalten habe.

Ich bin promovierte Erdwissenschaftlerin mit einer grossen Leidenschaft für meinen Beruf und im Nebenamt auch Kantonsrätin der SP im Kt. Thurgau. Ich wünsche mir sehr, meine Restarbeitsfähigkeit verwerten zu können. Glücklicherweise kann ich mein Geld teilweise als selbständige Forscherin verdienen, eine Anstellung an einer Forschungsinstitution wäre anzustreben, leider hat es damit aber trotz vieler Bewerbungen und sehr guter Referenzen bis heute nicht geklappt.

Vor zwei Monaten habe ich das neueste Medas-Gutachten über mich, meine Sehbehinderung und die Spätfolgen der Lungenembolie erhalten. Es macht mich traurig und wütend, ja ich bin zugegebenermassen frustriert, wie Gutachter mit mir und weiteren Betroffenen umspringen. Hier einige Beispiele dazu:

  • Im Gutachten schwingt der Vorwurf mit, ich würde die Sehbehinderung und auch die genannten Spätfolgen der Lungenembolie nur vortäuschen. Der Gutachter schreibt z.B. «Es besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen den von der Versicherten angegebenen eingeschränkten Sehfähigkeit und den Aktivitäten der Versicherten… Dabei sei auch auf die Fotografien der Versicherten (beispielsweise im "Der Bund" vom 16.05.2019) verwiesen, wo die Versicherte - obschon aus ziemlicher Distanz fotografiert - immer genau in die Richtung des Fotografen blickt." Natürlich blicke ich in die Richtung des Fotografen, damit richte ich mein Gehör auf den Fotografen aus – das machen Menschen mit einer Sehbehinderung ebenso wie Menschen, die sehen.
  • Meine Erkrankung ist sehr komplex, es gibt unzählige Arztzeugnisse und Berichte. Beim Lesen des Gutachtens musste ich feststellen, dass nur punktuell und völlig willkürlich Berichte, Gerichtsurteile oder bestehende Gutachten einbezogen und zitiert werden. Aus dem Zusammenhang gerissen, verfälscht es das Bild. Das IV-Dossier umfasst mittlerweile 5000 Seiten! Deshalb waren sechs der sieben Gutachter mit der komplexen Situation völlig überfordert und dies widerspiegelt sich nun im Gutachten selber.
  • Wie ich eingangs geschildert habe, wünsche ich mir sehr, meine finanziellen Mittel selber verdienen zu können. Ich unternehme viel (nehme demnach die sogenannte Eigenverantwortung wahr), damit ich erwerbstätig sein kann (Mittelsuche für mein selbständiges Forschungsprojekt und Bewerbungen). Mit dem Gutachten wird also v.a. geklärt, ob die EL, die IV oder die Sozialhilfe mich unterstützen muss, weil ich aufgrund meiner Behinderung nur teilweise erwerbsfähig bin. Die Begutachtung mit dem Ziel der Zuständigkeitsklärung kostet unverhältnismässig viel.
  • Im übrigen wurden von der IV Stelle Thurgau (Wohnkanton) seit 2004 17 Gerichtsfälle gegen mich angezettelt, wobei es bei 12 Fällen um sehbehindertentechnische Hilfsmittel ging. Der Grossteil der Urteile fiel zu meinen Gunsten aus... Im Juli 2019 musste dann aus diesem Grund und auf Druck des Direktors des BSV Bern und des zuständigen Regierungsrates im Kt. Thurgau mein Dossier zur Beurteilung an die IV des Kt. Zürich abgegeben werden. Damit wird die IV Thurgau bevormundet. Dieser ganze Aufstand wurde inszeniert, weil man mir quasi verbieten wollte, weiterhin als Wissenschafterin tätig zu sein, da dies gemäss Aussage im Dossier der IV Thurgau nicht in den Kram passte, die IV-Stelle jedoch rechtlich nichts dagegen unternehmen konnte.

Das Gutachten erweckt den Eindruck, dass ich mich für die Sehbehinderung, weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen und gegen eine vollständige Erwerbstätigkeit entschieden habe. Nichts wäre mir wohl lieber als gesund zu sein, noch so gerne würde ich voll arbeiten, ohne die täglichen Sorgen wegen meiner Gesundheit, Muskelschmerzen und ohne die vielen Hürden und Diskriminierungen im Alltag.

 

 

 

 >>> Die Idee zu “Erzähl uns etwas von dir“


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