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Coronavirus? Wir haben weitaus grössere Probleme

Kinder der Insel Bothoni im Südsudan essen ein Fischgericht.   •   © Andy Spyra / Welthungerhilfe
Kinder der Insel Bothoni im Südsudan essen ein Fischgericht.   •   © Andy Spyra / Welthungerhilfe

DMZ - GESELLSCHAFT / LEBEN ¦ Marco Perroulaz ¦

KOMMENTAR 

 

Alle drei Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Hunger, rund 9 Millionen Menschen jedes Jahr. Dreiviertel von ihnen werden keine fünf Jahre alt. An Hunger sterben mehr Menschen als an HIV/AIDS, 

Malaria und Tuberkulose zusammen. Ingesamt hungern weltweit rund 815 Millionen Menschen. Das ist wirklich übel. Warum schreibt niemand mehrmals täglich darüber, so wie über den Coronavirus? Ist es ein Tabuthema, worüber man nicht spricht oder interessiert nur das, was sich direkt vor der eigenen Nase abspielt?

 

Denkt man an Hunger, denkt man an Afrika. Doch leben in Realzahlen die meisten Hungernden in Asien: Von den weltweit 815 000 000 hungerleidenden Menschen leben dort 520 Millionen. Im weniger dicht besiedelten Afrika sind es rund 243 Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben. So steht es im Bericht 2019 des ›UN World Food Programme WFP‹, das in über achtzig Ländern weltweit arbeitet, Millionen Menschen durch nachhaltige Entwicklung hilft und Menschen ernährt, die von Konflikten und Katastrophen betroffen sind.

 

Die minimal erforderliche Nahrungsmenge für einen Menschen variiert zwischen Ländern sowie zwischen Altersgruppen und Geschlechtern und liegt je nach Quelle durchschnittlich zwischen 1800 und 2100 Kilokalorien am Tag. Doch sind es nicht die Kalorien allein, Hunger ist mehr als ein leerer Magen. Es gibt auch einen so genannten versteckten Hunger. Es geht auch um Unterernährung, bei der zu wenig essentielle Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen und verwertet werden, um eine stabile Gesundheit und Entwicklung zu gewährleisten. 

 

»Seit dem Jahr 2000 wurden zwar weltweit Fortschritte bei der Bekämpfung von Hunger erzielt, nach wie vor bleibt aber viel zu tun. In 47 der 117 Länder mit WHIWerten [Welthunger-Index] ist die Hungerlage weiterhin ernst oder sehr ernst und in einem Land [Zentralafrika]  sogar gravierend. Der diesjährige Bericht beleuchtet die Folgen des Klimawandels – eine stetig steigende Gefahr für hungernde Menschen auf der ganzen Welt, die umgehende politische Massnahmen erfordert.« schreibt Welthungerhilfe im ›Welthungerindex 2019‹.

 

Leider ist oft das Gegenteil wahr. Swissaid machte erst neulich darauf aufmerksam, dass der Bundesrat die Zuwendungen sogar gekürzt hat. Um 120 Millionen Franken. Ob es jenes Geld ist, das landesweit für ganzseitige Inserate bezüglich Coronavirus in allen Tageszeitungen gebraucht wurde? Swissaid hielt fest: »Im Sinne einer nachhaltigen und gerechten globalen Entwicklung sollte die Schweiz ihre Stimmrechte in diesen Institutionen [Anm: Dort, wo die Zuwendung global beschlossen wird] dafür nutzen, den Fokus zu verschieben – weg von riesigen Infrastrukturvorhaben und der Förderung ausländischer Privatinvestitionen, hin zu einer Unterstützung lokaler KMUs in Entwicklungsländern, dem Aufbau lokaler Märkte und einer dezentralisierten nachhaltigen Energieversorgung. Dazu gehört auch der konsequente Schutz von zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort, die bei der Bekämpfung von Korruption und 

Menschenrechtsverletzungen eine zentrale Rolle spielen.« Kurz, statt in gewinnorientierte Banken und Privatunternehmen würde man die Fördergelder besser direkt da investieren, wo sie gebraucht werden und wohl mehr bewirken können.

 

Jedenfalls ist das tägliche Gejammer um die aktuelle Virus-Plage - angesichts des nicht nachlassenden Welthungers - bloss ›Jammern auf sehr hohem Niveau‹. Dabei hätte es mehr als genug Nahrungsmittel, würde man sich bloss endlich bemühen, sie besser zu verteilen. Dies predigen alle Funktionäre von Helvetas bis Vereinte Nationen seit Jahren. Die Gesetzgeber der westlichen Länder kümmert das wenig, sie haben aktuell mehr als Genug damit zu tun, die Panik bezüglich Coronavirus anzuheizen. Bis zur Hysterie verängstigten Bürgern kann man alles unterjubeln. Der Virus bringt Politiker aufs Tapet und lässt munter die Kassen klingeln. Mit dem Welthunger mag man sich bestenfalls halbherzig beschäftigen, er führt hierzulande nicht zu kassennfüllender Panik.

 

 

Quelle: welthungerhilfe.de; fastenopfer.ch; swissaid.ch; UN World Food Programme (WFP); Recherche 


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