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Ein schweizerisch-italienischer Thriller

Piero Schäfer fotografiert von Urs Heinz Aerni
Piero Schäfer fotografiert von Urs Heinz Aerni

DMZ - KULTUR ¦ Gastbeitrag von Jean-Pierre Reinle (insidenews) ¦

 

Der Inhalt in Kürze vorab: In Apulien lernen sich der erfolgreiche Zürcher Werber Robert Rufer und der pensionierte Vorarbeiter Francesco Maranzano kennen. Obwohl völlig gegensätzlich, freunden sie sich an. Allerdings bringt Rufer die Affäre mit der Geliebten eines Mafioso in höchste Gefahr, während Maranzano von seiner Vergangenheit eingeholt wird…

 

Mit dem früheren Journalisten und heutigen Autor Piero Schäfer offenbart sich einer, der wirklich schreiben kann und es versteht, sich der integralen Klaviatur gepflegten Germanismus’ zu bedienen. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten der allgemeinen Verluderung der reichhaltigen deutschen Sprache selbst bei preisgekrönten AutorenInnen vermeintlich renommierter Spezies sowie trivial und repetitiv oberflächlich parlierenden Radio-Moderatorinnen und –Moderatoren… «Bittere Erde» ist nach autobiografischer Retrospektive «Falkenschloss» und im 16. Jahrhundert angesiedeltem Roman «Piratinnen» nunmehr das dritte Buch und zugleich der zweite Roman von Schäfer.

Der eloquente Autor erzählt den schweizerisch-italienischen Thriller "virtuos und temporeich, ohne dabei je in ausufernde Erklärungen und Langeweile abzudriften. Ganz im Gegenteil. Anfänglich ist es zwar für Lesende aufgrund wiederholter Wechsel der Epochen des Geschehens nicht immer ganz einfach, sich zurecht zu finden. Jedoch leistet das Inhaltsverzeichnis vor dem Prolog zu Beginn des Buches Unterstützung darin, nicht jeweils temporär den Kontext zu verlieren – und die Leser gewöhnen sich über die ersten Kapital hinweg daran. So kann auch ‘mal die zwischenzeitlich vergessen gegangen scheinende Anklage einer der Haupt-Protagonistinnen die Lesenden über einige Seiten hinweg ratlos stimmen, um von Schäfer einige Kapital später wiederum aufgenommen zu werden. Auf diese Art baut er in seine Belletristik so nebenher wiederholt eine raffinierte Szenerie ein.

 

Im Weiteren lassen Sätze wie die nachstehenden jeweils unmittelbar Bilder im Kopf entstehen, und /oder ein gravierenderes Ereignis einleiten. So z.B. «Irgendwie brachte er gar Verständnis für die vorlauten Rüpel im karierten Jackett auf.» «Trotz rauchgeschwängerter Luft ging das erstaunlich flott vonstatten.» «Er atmete tief durch und schaute leicht verträumt den Möwen nach, die kreischend ihre Kreise in den hochnebelartig bewölkten Himmel zogen.» «Auf der Fahrt über die von Pinien beschatteten Wege des Golf Resorts verspürte sie eine gewisse, jedoch trügerische Heiterkeit.» Oder «Die Reifen knirschten auf dem Kiesweg, als die Limousine vor der Villa vorfuhr.» «Eine gefühlte Ewigkeit liess sie das Wasser über ihren makellosen Körper gleiten, wusch sich die Haare und fühlte sich danach fast wie neugeboren.» «Dies war einer dieser fatalen Momente, in denen sich die Prioritäten verschoben, und moralische Bedenken in den Hintergrund traten.» «Schon bald nahm er den ätzenden Geruch des weissen Gepards wahr.»

 

Als Gegensatz zur in putzigen italienischen Dörfern spielenden Haupthandlung sind jedoch auch die sich in der Stadt Zürich abwickelnden Kapitel packend, welche für manche Lesenden Reminiszenzen an ihre eigene, in dieser Stadt verbrachte Zeit aufleben lassen dürften. So etwa die polarisierende, wenngleich irgendwie «familiäre» und lebhafte Niederdorfwelt mit Lokalitäten wie der Bodega Espanola für alle Arten von StudentenInnen, Intellektuellen, Kunstschaffenden und Bonvivants; ob diese nun glückselig waren oder gerade eine private oder berufliche Krise durchlebten. Oder dem Italo-Restaurant «Commercio» mit nicht nur im Sommer stets gut besetztem Wintergarten beim Bahnhof Stadelhofen. Dem ehemals verruchten „Odeon“ am Bellevue als Spiegelbild des Lebens. Dies um nur drei darunter namentlich zu benennen.

Spannend aber ebenso die vom Autor in „Bittere Erde“ unterschwellig versteckten, kleinen Seitenhiebe, wie etwa gegen den Berufsstand der Landwirte, wenn er seinen Protagonisten Francesco M. sinnieren lässt: „Es war nicht das erste Mal, dass er sich über das (unethische) Verhalten und die privilegierte Situation der Landwirte ärgerte. Wie in der Schweiz auch, wurden die Bauern vom Staat finanziell unterstützt und seiner Ansicht nach richtiggehend gehätschelt. Warum soll jemand, der mit Tieren, Gemüse und Agrarland zu tun hat, finanziell unterstützt werden, und solche, die auf dem Bau oder in einem Büro arbeiten, nicht?“… Oder: „Vor allem mit den meist biederen Bankern hatte die attraktive Frau leichtes Spiel.“ Auch: „„Wie in Italien üblich, war das Frühstück aus weissem Toastbrot, Süssgebäck, gummigem Käse aus Holland und versalzenem Rohschinken aus der Region ziemlich frugal: „Die lernen das nie“, ärgerte Roberto sich in Gedanken und …““ Sowie „Roberto waren die geschwätzigen Italiener zuwider, welche ihre Frauen, Mütter, Kinder, Cousins, Onkel, kurz die halbe Verwandtschaft anriefen, um den Unfall ausschweifend und gestenreich zu schildern.“

 

Eine reich befrachtete Achterbahn an Vorkommnissen zwischen Thriller und Glückseligkeit erlaubt es Schäfer schlussendlich in den Hafen des Roman-Schlusses einzufahren: Allenfalls etwas abrupt, noch nicht erwartet und wohl einige Fragen bewusst offen lassend. Insgesamt allerdings eine belletristische Lektüre, welche die Lektüre rundum lohnt, keine Frage: Wozu auch eine der vielen, vom Autoren in diversen Schweizer Städten abgehaltenen Lesungen entsprechende Motivation bieten! www.insidenews.ch wohnte neulich gespannt derjenigen in der „Agentur für Schr-Ott & Kreativität“ von Monika Luck an der Schaffhauserstrasse 299 in 8050 Zürich bei.

 

 

„Bittere Erde“ 2019, Format 13,5×20.5cm, Klappenbroschur, Klebebindung, 308 Seiten,

– www.werdverlag.ch

Von Jean-Pierre Reinle in freundlicher Zusammenarbeit mit insidenews


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