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Armut in der Schweiz – ein allgegenwärtiges Problem

DMZ – SOZIALES ¦ David Aebischer ¦

KOMMENTAR

 

Je nachdem, welche Statistiken man bemüht, ist in der Schweiz jeder siebte, bzw. zehnte Mensch arm. Aber was genau bedeutet arm sein?

Armut bedeutet laut dem BFS die Unterversorgung in wichtigen Lebensbereichen (materiell, kulturell und sozial), so dass die betroffenen Personen nicht den minimalen Lebensstandard erreichen, der im Land, in dem sie leben, als annehmbar empfunden wird.

 

Es geht also nicht bloss um's Geld. Trotzdem ist Geld in vielerlei Hinsicht das grösste Problem, welches alle anderen zwangsläufig mit sich bringt.

 

Es gibt leider keine nationale Armutsstatistik, eigentlich eine weitere Schwäche der modernen Schweiz. Sollten nicht gerade solche Zahlen klar sein? Deshalb muss man in der Schweiz die Zahlen der Sozialhilfestatistik, der Working-Poor-Statistik und der Armutsquote von Personen im Erwerbsalter zwischen 20 und 59 Jahren entnehmen. Alle anderen Angaben beruhen auf Schätzungen – so auch diejenigen von Caritas. Schätzungen fallen aber auch gerne und erfahrungsgemäss beschönt aus.

 

Mindestens 260'000 Kinder in der Schweiz sind von Armut betroffen

Caritas geht davon aus, dass etwa jede zehnte Person in einem Haushalt lebt, der von einem Erwerbseinkommen unterhalb der Armutsgrenze leben muss. Das sind zwischen 700 000 und 900 000 Personen. Mehr als die Hälfte von ihnen leben in Haushalten mit Kindern. Multipliziert man sie mit der durchschnittlichen Anzahl Kinder pro Haushalt, erhält man eine minimale Anzahl von 260 000 Kindern, die von Armut betroffen sind. Minimal ist die Schätzung deswegen, weil in armutsbetroffenen Familien die Kinderzahl über dem Durchschnitt liegt. Eine eigentliche Ungeheuerlichkeit für die „reiche“ Schweiz. Wo ist die Schweiz eigentlich reich und worin, wenn man dieses Elend erkannt hat?

 

Lösungen sind klar, werden aber nicht umgesetzt

Dabei wäre es doch eigentlich einfach, die Armut in der Schweiz von einem auf den anderen Tag zu eliminieren. Geld ist genügend vorhanden, um einen ersten Schritt zu machen. Etwas länger würde dann das Stabilisieren des Neuzustandes dauern. Darüber zu philosophieren, mag nicht viel bringen, wenn man ebenfalls erkannt hat , dass Armut auch ein riesiges Geschäft ist für die andere Seite. Gerade deshalb wird es wohl nie zur Problemlösung kommen, es sei denn via Gesetz. Aber ein solches Gesetz wird niemals eine Chance haben, da genau die an der Armut verdienende Gruppe dies zu verhindern weiss und schon immer zu verhindern wusste.

 

Die häufigsten Armutsrisiken sind grundsätzlich systemgemacht

Eine Absicht der Obrigkeit scheint erkennbar, wenn man sich im Detail die Entwicklung der Armut in der Schweiz genau ansieht. Armut, die täglich wächst. Die vier Hauptrisiken für Armut sind nicht nur ein tiefes Bildungsniveau, wie dies Politiker gerne als Argument anführen, noch die Zahl der Kinder, der Wohnort und die soziale Herkunft. Klar verstärken diese Risiken die Gefahr zur Armut. Aber man darf nicht vergessen, dass uns die Geschichte zeigt, dass alle Menschen in der Schweiz modernen Risiken wie Arbeitslosigkeit oder Scheidung ausgesetzt sind. Sie können uns alle jederzeit treffen. Vor diesem Hintergrund sollte man sich der Problematik nähern und nicht von oben nach unten.

 

Die Armut verschont niemanden

Die Gefahr, arm zu werden, ist für Angehörige der obersten Schichten sicher am kleinsten. Aber auch hier zeigt die Vergangenheit, dass grundsätzlich niemand verschont bleibt, hat man noch so viel Geld. Meist genügt ein Schicksalsschlag und die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Für Angehörige der untersten Schichten sind alle diese Risiken am grössten. Demnach sind 70 Prozent der Bevölkerung nie arm, 20 Prozent sind armutsgefährdet und 10 Prozent dauernd arm. Also kennt sich in der „reichen“ Schweiz bereits jeder dritte Mensch mit Armut aus. Natürlich ist auch die regelrechte Kostenexplosion bei den Krankenkassenprämien der letzten Jahre mit ein weiterer Grund.

 

Was bedeutet Armut finanziell gesehen?

Im Jahr 2017 betrug die Armutsgrenze durchschnittlich 2259 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3990 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren. Wer sich diese Zahlen ansieht, wird sehr viele Menschen persönlich kennen, bei denen es so aussieht. Bzw. viele Menschen liegen hier weit darunter.

Trotz einem moderaten Wirtschaftswachstum ist die Armutsquote gestiegen. Parallel zur Zunahme der Bevölkerung ab 65 Jahren haben sich auch die Sozialausgaben für Alter und Krankheit erhöht.

 

2017 galten 8,2% der Schweizer Wohnbevölkerung und 4,3% der Erwerbstätigen als einkommensarm. Bei den Kindern und den 46- bis 64-Jährigen verzeichnete die Sozialhilfequote einen Anstieg. Ausserdem ging der Anteil der erwerbstätigen Sozialhilfebeziehenden zwischen 2008 und 2017 zurück und die Dauer des Sozialhilfebezugs hat sich verlängert. Wirtschaftliche Wachstumsphasen oder eine rückläufige Wirtschaftsentwicklung haben kaum Auswirkungen auf die Sozialhilfequote. Also steht fest, dass auch hier die Gründe anderswo zu suchen sind. Das sollte auch schleunigst getan werden. Schliesslich nutzt es nichts, sich hinter Statistiken zu verschanzen, die man immer wieder etwas positiver gestaltet, wenn es notwendig wird die Bevölkerung zu beruhigen.

 

Entlassen mit über 50

Eine weitere Gruppe, die überdurchschnittlich unter Armut leidet, sind die Langzeitarbeitslosen. Davon sind Personen über 50 speziell betroffen. Dazu sagt Franz Schultheis (Soziologe und Armutsforscher, emeritierter Professor Universität St. Gallen): «Man weiss, dass diese älteren Arbeitnehmenden auch wegen der Sozialabgaben teurer sind. Bei ökonomisch bedingten Entlassungen sind sie als erste dran.» Zudem hat es Altersgruppe 50+ dann auch besonders schwer, wieder eine Stelle zu finden. Armut wird in der Schweiz als Problem unterschätzt. Sie führt auch zur sozialen Ausgrenzung.

 

Armut in der Schweiz

In einer Gesellschaft wie in der Schweiz werden Lebenschancen und sozialer Status massgeblich durch materielle Verfügbarkeiten wie dem Einkommen bestimmt. Armut hat aber viele Facetten. Eine Armutsdefinition ist und war immer abhängig von der Betrachtungsperspektive. Diese beeinflusst die Messung von Armut in der Schweiz.

 

Die mediane Armutslücke

Hier misst man den mittleren Abstand der verfügbaren Haushaltseinkommen der armen Bevölkerung zur Armutsgrenze und gibt dadurch an, wie stark die arme Bevölkerung von Armut betroffen ist. Die mediane Armutslücke beschreibt die Armutsintensität und liegt in der Schweiz bei 17,3%. Ein unübersehbares Alarmzeichen. Da stellt sich mit Recht die Frage, wie lange hier noch zugesehen wird? Es ist zu befürchten, dass, wie bei den Einzelschicksalen, die die Abwärtsspirale nicht mehr aus eigener Kraft aufhalten können, auch die Schweiz als Nation bald einmal an diesen Punkt gelangen wird und es für jede Hilfe zu spät sein wird.

 

 

Quellen: Bfs.admin.ch ¦ Caritas ¦ gegenarmut.ch ¦ SRF ¦ admin.ch


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Kommentare: 2
  • #1

    Sefiu Cirro (Freitag, 10 April 2020 09:22)

    Muss aufhören!���

  • #2

    Maria (Freitag, 10 April 2020 14:54)

    Als Alleinstehende mit mehreren Kinder ist man in der Schweiz noch bestrafft. Es werden einem immer wieder Steine in den Weg gelegt. Und auch die klugen Tips und Vorschläge von Leuten die noch nie in so einer Situation waren. Ich glaube nicht, dass man sich so eine Situaton freiwillig aus sucht.