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Auf ein Wort - Lampenfieber hinter dem Vorhang

DMZ – KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni ¦

 

Der Applaus ist das Lebenselixier für die Schauspielkunst, doch dieser gilt auch einem Team, das verantwortlich ist für die optische Erscheinung. Dazu gehört die Ankleiderin Franziska Drossaart, die uns buchstäblich hinter die Kulissen führt, denn jetzt hat sie Zeit wegen Corona...

 

Urs Heinz Aerni: Sie sind Ankleiderin oder auch Angestellte im Ankleidedienst. Nun nicht in einem Modegeschäft, sondern hinter der Bühne von Theatern. In welchem denn aktuell?

 

Franziska Drossaart: Ich arbeite seit zehn Jahren am Schauspielhaus Zürich, sowohl am Pfauen als auch im Schiffbau. Wir gehen mit den Produktionen auch ins Ausland, auf sogenannte Abstecher.

 

Aerni: Wie darf man sich das vorstellen? Sie müssen parat stehen, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler während des Stückes hinter den Vorhang kommen?

 

Drossaart: Ja genau. Wir positionieren uns direkt hinter dem Vorhang, oder auch in einer improvisierten Garderobe in der Nähe der Bühne, Hinterbühne, Unterbühne oder Gang, da eben wo der nächste Auftritt am schnellsten gewährleistet ist, und - ganz wichtig - genug Platz zum Umziehen vorhanden ist. Es kommt auch vor, dass wir für den Zuschauer sichtbar auf der Bühne umziehen, falls es vom Regisseur oder der Regisseurin gewünscht wird.

 

Aerni: Sie machen einen Job im Hintergrund, der genauso wichtig ist, wie derjenige im Rampenlicht...

 

Drossaart: Wir helfen der Schauspielerinn oder dem Schauspieler von einem Kostüm ins andere. Dabei ist Fingerfertigkeit gefragt und Nervenstärke. Es geht oft um Sekunden und es muss beim ersten Mal klappen, sonst hat der Schauspieler ein echtes Problem. Wir unterstützen mit unserer Arbeit ganz direkt den reibungslosen Ablauf der Aufführung.

 

Aerni: Muss hektisch zu und her gehen, oder?

 

Drossaart: Wir treffen mit den Schauspielern in einem Moment zusammen, der potenziell heikel ist. Meistens herrscht Zeitdruck, Nervosität und Unsicherheit, zumal bei den finalen Proben, bei denen zum ersten Mal die Original-Ausstattung dazu kommt, neben Requisite und Bühnenbild, eben auch Maske und Kostüm.

 

Aerni: Also ähnliche Herausforderungen für Sie wie für die Spielerinnen und Spieler?

 

Drossaart: Für alle ist das erstmal eine gewisse Überforderung. Auch wir müssen uns ins Zeug legen um möglichst schnell einen Überblick zu bekommen, wer wo was und zu welcher Zeit aus-und wieder anzieht. Dabei werden wir von der Kostümassistentin unterstützt, die bis zu diesem Zeitpunkt die Produktion kostümtechnisch begleitet hat.

 

Aerni: Wie ist das für die Schauspielenden?

 

Drossaart: Auch für sie ist verständlicherweise nicht einfach, sich vor uns bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Da braucht es Taktgefühl, die richtige Distanz und Empathie. Außerdem rückt die Premiere in greifbare Nähe. Der Druck auf die Darsteller ist enorm. Das versuchen wir durch Ruhe und Sicherheit was unsere Arbeit betrifft, auszugleichen.

 

Aerni: Sie spielen eigentlich im Hintergrund das Stück kleidertechnisch nach...

 

Drossaart: Es ist erforderlich, eine genaue Reihenfolge der Handgriffe einzuüben um wertvolle Zeit zu sparen und die Abläufe mit den Kolleginnen aus unserem Team und der Masken-Abteilung zu koordinieren, die meist auch bei den Umzügen dabei sind. Damit der Ablauf unserer Arbeit einen permanenten hohen Standard entsprechen kann und das Stück im Notfall auch von einer anderen Kollegin übernommen werden muss, werden sämtliche Aktionen genauestens dokumentiert mit Text und Fotos, vom Einrichten vor Vorstellungsbeginn, über sämtliche Umzüge und Handgriffe bis zum Aufräumen nach der Vorstellung. Natürlich sind wir oft die letzten die das Theater verlassen, weil wir uns noch um die Wäsche kümmern die nach der oft schweißtreibenden Aufführung anfällt.

 

Aerni: Welche Arbeiten und Vorbereitungen gibt es jeweils vor der Aufführung?

 

Drossaart: Mindestens zwei Stunden vor der Vorstellung richten wir die Garderoben ein. Danach bringen wir die Kostümteile, die direkt auf der Bühne oder für die schnellen Umzüge gebraucht werden an ihren Bestimmungsort. Oft kleiden wir nun die Künstler in den Garderoben ein, die beim Anziehen Hilfe brauchen, wie zum Beispiel ein Mieder schnüren oder einen Fatsuit – ein Anzug, der dick macht - am Rücken schliessen oder eine Krawatte binden.

 

Aerni: Das heisst, Ihr Kontakt zu den Schauspielenden ist recht nah?

 

Drossaart: Ja, bevor dann er berühmte Vorhang hochgeht, werfen wir im Bühnenvorraum ein Auge auf den angekleideten Ensemblemitgliedern und zupfen da und dort noch einen Kragen zurecht oder holen den vergessenen Schal in der Garderobe. Dieser Moment der Kontaktaufnahme mit den Künstlern ist wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die blitzschnellen Umzüge umso besser funktionieren. Man stimmt sich gemeinsam ein.

 

Aerni: Gehört dazu auch da was zu stopfen und dort was zu nähen?

 

Drossaart: Wir sind spätestens ab der Premiere dafür verantwortlich, dass die Kostüme in tadellosen Zustand sind. Das heißt kleinere Reparaturen und Pflege der Kostüme sind unsere Aufgaben. Dazu kommt wachsam zu sein, und für genügend Nachschub zu sorgen, falls Verschleiß-Teile zur Neige gehen, wie zum Beispiel besondere Damenstrümpfe. Auch die Schuhe bringen wir zum Schuhmacher, falls nötig. Es ist gefährlich für die Künstlerinnen und Künstler, wenn das Schuhwerk zur Stolperfalle wird.

 

Aerni: Wie viel müssen Sie für Ihren Job vom aufgeführten Stück eigentlich wissen?

 

Drossaart: Für uns ist das Wissen um den Inhalt der Aufführung nur in Bezug auf die Umzüge relevant. Es kann aber hilfreich sein, die Zusammenhänge zu verstehen um sich Abläufe schneller einprägen zu können. Und natürlich macht es unsere Arbeit interessanter je mehr wir über den Inhalt und die Ausstattung der Aufführung wissen.

 

Aerni: Bei Musicals wären Sie eine sogenannte Dresserin. Wie groß sind die Unterschiede für Ihre Arbeit zwischen Musical, Oper und Theater?

 

Drossaart: So ganz genau weiss ich das nicht. Bei der Oper habe ich auch gearbeitet, da aber ausschliesslich beim Chor. Dort war das anziehen und aufräumen der oft schweren und umfangreichen Kostüme auch eine körperlich anstrengende Arbeit. Ich nehme an, die Unterschiede zwischen den Sparten sind klein. Sobald Tanz dazukommt, sollte man kein Problem mit viel fremden Schweiß haben.

 

Aerni: Was könnten so Pannen sein, in Ihrem Alltag?

 

Drossaart: Da gibt es einiges. Zum Beispiel klemmende Reissverschlüsse, blöderweise dann, wenn es wirklich pressiert, Stoffe die reissen, vergessene Kostümteile, Kollisionen mit der übrigen Technik, also enge Platzverhältnisse hinter der Bühne. Aber auch Schauspieler, die noch unsicher sind was die Umzüge betrifft und am falschen Ort abgehen und das gleiche kann am Anfang auch uns passieren.

 

Aerni: Welche Fähigkeiten und Interessen wären am passendsten für diesen Beruf?

 

Drossaart: In unserem Team arbeiten ausschliesslich Frauen vom Fach. Damenschneiderinnen beziehungsweise Herrenschneiderinnen oder wie das heute heisst: Bekleidungsgestalterin.

Nebst der fachlichen Kompetenz ist sicher ein gutes Gespür für Künstlerseelen und Situationen unter Druck von Vorteil. Bereitschaft zu ungewöhnlichen Arbeitszeiten und keine Scheu vor Abenddiensten, ist Voraussetzung.

 

Aerni: Wie sind Sie persönlich zu diesem nicht alltäglichen Job gekommen?

 

Drossaart: Ich wurde von einer ehemaligen Arbeitskollegin angefragt für diese Stelle. Ich bin Damenschneiderin und habe am Opernhaus und in der freien Szene gearbeitet. Auch war ich schon in anderen Funktionen am Schauspielhaus Zürich, so als Dramaturgie- und Regie-Praktikantin, und auch als Statistin.

 

Aerni: Kennen auch Sie für Ihre Arbeit jeweils ein Lampenfieber?

 

Drossaart: Durchaus. Gerade an der Premiere, wenn knifflige Umzüge auf mich zukommen, die keinen Verzug vertragen und die Abläufe noch nicht ganz klar sind, wird es auch mir manchmal heiß! Außerdem lass ich mich auch gerne anstecken von dieser besonderen, belebenden Nervosität bevor der rote Vorhang den Blick auf die Bühne frei gibt.


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