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Das Coronavirus und Singapurs „Foreign Workers“

Gastarbeiter in Singapur zählen den grössten Anstieg der Infektionsfälle (Bildquelle: AsiaNews)
Gastarbeiter in Singapur zählen den grössten Anstieg der Infektionsfälle (Bildquelle: AsiaNews)

DMZ – INTERNATIONAL ¦ Patricia Jungo ¦

 

Lange Zeit sah es so aus, als würde das Leben in Singapur trotz Corona ziemlich normal verlaufen und das Land galt im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus sogar als Vorbild. Dennoch grassiert nun seit zwei Wochen bereits die dritte Infektionswelle in Singapur.

 

Wie lässt sich das erklären? Es scheint Tatsache zu sein, dass der Regierung ein schwerer Fehler unterlaufen ist: Für die Viertelmillion Bauarbeiter des Landes gab es keine strikten Regeln. Demnach ist aus dem „Modell Singapur“ im Kampf gegen Covid-19 nun ein Staat geworden, der sehr stark steigende Infektionsraten aufweist. Erstmals wurden nun Zahlen zu einer Risikogruppe publiziert, von der bisher kaum gesprochen wurde. In den letzten Tagen kam es bei den Gastarbeitern in Singapur zum grössten Anstieg der Infektionsfälle. Doch bereits seit Ende März steigen diese Zahlen exponentiell. Man muss sich vorstellen, dass Singapur eine grosse Baustelle ist, auf der 284'000 ausländische Arbeiter im Einsatz sind. Diese Menschen brauchen Unterkünfte, welche über das ganze Staatsgebiet installiert werden.

 

Erst seit Anfang April herrscht fast überall Baustopp

Die riesigen Projekte bestehen oft für Jahre und es wird ohne Unterhalt gebaut, renoviert oder abgerissen. In den zahlreichen Schlafsiedlungen sind bis zu 20'000 Arbeiter aus Indien, Pakistan und Bangladesh auf engstem Raum untergebracht. Prinzipiell sind die Baufirmen und die Regierung verantwortlich dafür. Die Siedlungen sind nun bei der Eindämmung der Infektionen die eigentliche Abwehrfront geworden. Die Zeiten, in denen Singapur ohne „Lockdown“ durch die Krise zu kommen schien, sind vorbei. Die Aussengrenzen sind zu, die Wirtschaft auf Sparflamme. Gearbeitet wird zu Hause. Mehrmals am Tag heulen die Sirenen der Krankenwagen als Warnsignal an die Bevölkerung. Die Regierung macht sich Sorgen und Premierminister Lee Hsien Loong spricht regelmässig zum Volk und ermahnt zur Einhaltung der Sicherheitsregeln. Man erklärt den überraschenden „Lockdown“ vor einer Woche mit der scheinbar mangelnden Disziplin bei der Befolgung der Empfehlungen wie beispielsweise das Einhalten der Sicherheitsabstände.

 

Massiv steigenden Infektionen unter den Gastarbeitern

Das wirkliche Problem, nämlich die massiv steigenden Infektionen unter den Gastarbeitern, ist zu dieser Zeit noch kein Thema. Zahlen dazu werden erst jetzt, eine Woche später genannt. Auch, wenn die Regierung die Herausforderung des Covid-19 bis anhin gesamthaft sehr vorbildlich gehandhabt hat, ist der Vorwurf durchaus berechtigt, dass die „Foreign Workers“, die traditionell am Rande des Gesellschaft stehen, schlicht vergessen wurden. Wochenlang schärfte man den Einwohnern Singapurs alle wichtigen Sicherheitsregeln ein und vergass dabei die fünf Prozent der Bevölkerung, welche eng zusammengepfercht der Ausbreitung des Virus ausgeliefert blieb. Trotz Warnungen von verschiedenen Seiten reagierte das Gesundheitsministerium erst am 5. April und riegelte drei Arbeitersiedlungen, die als Infektionsherde identifiziert wurden, hermetisch ab. Bis heute sind noch fünf weitere isoliert worden. Die Quarantäne, unter der dort nun Zehntausende stehen, wird sicherlich mindestens einen Monat dauern. Die strikte Ausgangssperre wird von der Polizei streng kontrolliert. Die betroffenen Menschen erhalten dreimal täglich Verpflegung, auch medizinische Betreuung wird gewährleistet sowie das Internet zum Kontakt mit den Angehörigen im Ausland. Die Armee leert die Kasernen, um die überfüllten „Dormitories“ zu entlasten.

 

Letzte Welle zählt schon jetzt knapp die Hälfte alle bisherigen Ansteckungen

Zurzeit ist unklar, mit welcher Geschwindigkeit und Intensität sich das Coronavirus unter den Gastarbeitern verbreitet und wie stark Singapur nun in seinem Kampf gegen das Virus zurückfällt. Bekannt ist jedoch bereits jetzt, dass die letzte Welle schon jetzt knapp die Hälfte alle bisherigen Ansteckungen von 2532 Fällen ausmacht. Im internationalen Vergleich steht Singapur dabei immer noch ziemlich gut da. Was aber auch ohne Statistik von der letzten Entwicklung in Singapur an den Tag tritt, ist die Tatsache, dass das Virus keine sozialen Klassen kennt...

 

 

Quellen: nzz ¦ zeit.de


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