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Schweden - Das abschreckende Corona-Beispiel 

DMZ – INTERNATIONAL / WISSENSCHAFT ¦ Redaktion ¦

 

Schweden geht in der Coronakrise einen Sonderweg. Dessen Ziel es offenbar ist, Herdenimmunität zu erreichen. Schwedische Forscher sahen das Land schon auf einem guten Weg dahin. Doch unabhängig voneinander wurden nun zwei Studien wegen schwerwiegender Fehler zurückgezogen.

Immer wenn es ja darum ging, schnell Lockerungen durchzusetzen oder Sperren erst gar nicht zu verhängen, wurde Schweden mit dem sehr lockerem Umgang mit Corona als Paradebeispiel genannt. Wie gut doch alles trotz des "Weiterlaufens" des öffentlichen Lebens gehen würde, man brauche gar keine Einschränkungen. Ein ganz schlechtes Beispiel, welches man schnellstens vergessen sollte. Schweden hat rund 10.3 Millionen Einwohner und hat derzeit 18'177 Infektionen bei 2192 Toten. Eine viel höhere Todesrate als die Nachbarländer. Genesen sind 550.

 

Schwedische Forscher kritisieren: "Keine Strategie, kein Trend"

Knapp 2.000 Wissenschaftler haben die schwedische Regierung zuletzt in einem Brief zum Umdenken aufgefordert. Unter ihnen ist Bo Lundbäck, Professor für klinische Epidemiologie von Lungenerkrankungen in Göteborg. Er hält die hohen Todeszahlen für inakzeptabel und den Preis, den Schweden im Corona-Kampf bezahlt, für zu hoch.

Weil es immer noch Hunderte neuer Ansteckungen täglich gebe, forderte Lundbäck die Schliessung aller Schulen und einen besseren Schutz des Personals in den Altersheimen. „Wir in Schweden glauben, wir sind besser als die anderen und müssen nicht auf die WHO hören. Das ist dumm“, sagte Lundbäck.

 

Krasse Fehler

 

Staatsepidemiologe Anders Tegnell – der als Architekt von Schwedens Sonderweg in der Corona-Pandemie gilt – gestand sogleich Fehler ein. Ihm zufolge habe man schlicht "eine falsche Variable verwendet". Diese habe "eine andere Variable erhöht, um den vorgegebenen Richtwert von zweieinhalb Prozent Durchseuchung zu treffen", erklärte Tegnell laut "Tagesschau".

 

Es blieb nicht bei diesem einen Fauxpas. Ein weiterer Irrtum passierte ausgerechnet einer von Europas grössten und angesehensten medizinischen Universitäten: dem Karolinska-Institut.

Forscher des Instituts und der Karolinska-Universitätsklinik zogen am Donnerstag eine auch international viel beachtete Studie zurück. Die Autoren hatten darin behauptet, dass sich schon mindestens 11 Prozent und – unter Einbeziehung eines Korrekturfaktors – eventuell sogar bis zu 30 Prozent aller Schweden mit dem Coronavirus angesteckt hätten und damit immun sein könnten.

Am Donnerstag begründete der klinische Mikrobiologe Jan Albert, einer der an der Studie beteiligten Wissenschaftler, den Rückzug beim schwedischen TV-Sender SVT damit, dass er "nicht überzeugt" von den Ergebnissen sei. Wie die "Tagesschau" berichtet, sei eine Verwechslung von Proben nicht auszuschliessen.

 

 

Die schwedische Regierung gibt der Bevölkerung nur Hinweise, wie sie sich verhalten soll, um eine Verbreitung des Virus zu bremsen. Die Aufforderungen sind aber dieselben wie in anderen Ländern: Bleibt zu Hause, haltet Abstand und wascht die Hände.

 

Corona: Sterberate in Schweden viel höher als in Deutschland

Die Philosophie der Freiwilligkeit steht zunehmend unter Druck. Denn die Zahlen widersprechen dem Eindruck vom schwedischen Erfolgsmodell. Am Freitagmittag wies die Johns-Hopkins-Universität für Schweden 2192 Todesopfer auf – bei einer Gesamtbevölkerung von 10,3 Millionen.

Zum Vergleich: Für Deutschland wurden 5.575 Todesopfer gemeldet – bei achtmal so vielen Einwohnern wie in Schweden.

Schwedens Sonderweg in der Bekämpfung des Coronavirus fordert einen hohen Preis. In keinem anderen skandinavischen Land gibt es sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele Corona-Tote.

 

 

 

Quellen:

"Tagesschau": "Peinliche Pannen bei Corona-Studien"

Tagesspiegel

Deutschlandfunk: "Verwirrung um schwedischen Weg in Coronavirus-Krise"

"The Local": "Coronavirus LATEST: Swedish government 'ready to introduce more restrictions if needed', warns PM     


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