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Friedliche Aktionen gegen Scientology

Yolanda Sandoval Künzi und Beat Künzi
Yolanda Sandoval Künzi und Beat Künzi

DMZ – GESELLSCHAFT / WISSEN ¦

 

Immer wieder ist Scientology in vielen Schweizer Städten mit ihren Ständen anzutreffen. Das sind jedoch auch zwei Aktivisten, die seit über einem Jahr aktiv vor den Ständen stehen und Aufklärungsarbeit leisten.

 

Die Sekte Scientology sieht sich als Erlösungsreligion, die dem Menschen den Zustand geistiger Freiheit vermitteln und ihn von seinen Fesseln im physischen Universum befreien will.

Der Gründer von Scientology, L. Ron Hubbard geht davon aus, dass alle Lebewesen das primäre Ziel haben zu überleben. Gesteuert wird das durch eine perfekte Rechenmaschine, die alle Daten verarbeitet: unseren Verstand. Daher stammt auch der Begriff "Dianetik", den man als "durch den Verstand" übersetzen kann.

Der Verstand besteht laut dem Scientology-Gründer Hubbard aus zwei Teilen: einem analytischen oder bewussten Teil sowie einem reaktiven. Bei der Verarbeitung unserer Umwelt sei normalerweise der analytische Verstand zuständig, der für jedes Problem eine Lösung hat.

Bei negativen Eindrücken, körperlichen oder emotionalen Schmerzen schalte sich jedoch der reaktive Verstand ein. Er sei die Quelle von Albträumen, Ängsten, schmerzhaften Emotionen, die Scientology "Engramme" nennt.

 

In sogenannten Auditing-Sitzungen will die Organisation diese fehlerhaften "Datensätze" mithilfe des E-Meters aufspüren und löschen, damit die "Rechenmaschine" Verstand wieder fehlerfrei arbeiten kann.

Wer diesen langwierigen (und teuren) Prozess erfolgreich durchlaufen hat, ist laut Scientology "clear". Wenn eine Person "clear" ist, lebt sie ohne ihren reaktiven Verstand, der – so Scientology – "die versteckte Quelle irrationalen Verhaltens, übertriebener Furcht, Verstimmung und Unsicherheiten" ist.

 

Mit Schildern vor Scientology warnen

Die Freien Anti-SC Aktivisten Yolanda Sandoval Künzi und Beat Künzi, ein Ehepaar aus dem Oberbaselbiet, haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit Schildern vor der Sekte zu warnen: „Scientology zerstört Familien und Menschen“ steht darauf. «Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass man die Leute über die Sekte aufklärt und ihnen sagt, dass sie aufpassen sollen». Dies tun die beiden auch aktiv in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram.

 

„Das Ziel von Scientology ist es, mit ihren Standaktionen neue Mitglieder zu akquirieren, Bücher und DVD’s zu verkaufen und Adressen von interessierten Personen zu erhalten, welche danach noch jahrelang mit Werbung und Kursangeboten belästigt werden“ erklärt Beat Künzi. Dass Standaktionen auch unter Tarnnamen wie „Dianetik“, „Psychiatrie zerstört Leben / „CCHR (Citizens Commission on Human Rights) und „Sag ja zum Leben, sag nein zu Drogen“ geschieht, kritisiert der noch junge Verein. „Zudem gibt es auch andere Tarnorganisationen, die zwar nicht mit eigenen Ständen auftreten, jedoch liegen meistens auch Flyer auf wie z.B. von „Jugend für Menschenrechte“ und „Der Weg zum Glücklich sein“.

 

Aber Scientology schaut nicht ruhig zu, wie sich ihnen Aktivisten in den Weg stellen. Einem Gegner der Sekte wurde letztes Jahr ein Schild aus der Hand gehauen. Der Pressesprecher von Scientology, Jürg Stettler, bezeichnete Sandoval und Künzi in der Presse als «religiöse Rassisten», die reine «Diskriminierung und Nötigung» betrieben. Seit Sandoval und Künzi im Juni anfingen, auf eigene Faust gegen sie zu protestieren, verteilen die Scientologen Flyer, um sie anzuschwärzen. «Wer sind diese Menschen, für die Meinungsfreiheit nicht viel gilt?» Dabei sät Scientology Zweifel um die Distanzierung von Sandoval und Künzi gegenüber der «Gewaltfreien Aktion gegen Scientology».

Hier zeigt sich ebenfalls wie Scientology arbeitet und wie gefährlich diese Sekte ist.

 

Städte und Behörden im Ungewissen

Dass die Sekte Scientology mit Tarnnamen auftritt, ist gesetzlich nicht verboten und müsste auf Bundesebene beschlossen werden. Jedoch wissen noch lange nicht alle Städte und Behörden, wer denn genau hinter den Tarnorganisationen steckt. „Und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir nicht nur direkt vor den jeweiligen Ständen stehen sondern auch Aufklärungsarbeit hinter den Kulissen leisten“ sagt Yolanda Sandoval Künzi. „Wir stellen immer wieder fest, dass vielen Städten und Gemeinden gar nicht bewusst ist, wem sie auf öffentlichem Grund immer wieder Bewilligungen erteilen“.

 

Es gibt aber auch Städte, die die Bewilligungsauflagen für Scientology verschärft haben, wie z.B. die Stadt Weinfelden (TG) oder Rotkreuz (ZG). Sie haben von der Sekte verlangt, dass der Stand auf allen Seiten klar ersichtlich mit Scientology angeschrieben ist. Und die Polizei in St. Gallen hat explizit darauf hingewiesen, dass von jedem Buch in Zukunft nur noch ein Exemplar am Stand aufliegen darf und der Verkauf von Büchern wie bei anderen Religionsgemeinschaften verboten sei.

 

Fragwürdige Datenschutzbestimmungen

Die Freien Anti-SC Aktivisten treten in vielen Deutschschweizer Städten auf – dort wo sie willkommen sind. Es gibt jedoch Städte, die ein Zusammentreffen der beiden Kontrahenten verhindern wollen, wohl aus Angst vor Konflikten. Dass dabei fragwürdige Datenschutzbestimmungen vorgeschoben werden, nimmt das Ehepaar irritiert zur Kenntnis und wehrt sich jedoch gegen die Vorwürfe. „Unsere Einsätze sind immer friedlich verlaufen, wir haben einen einwandfreien Leumund und es gab nie eine Anzeige gegen uns. Wir arbeiten eng mit den Stadtverwaltungen und mit der Polizei zusammen, halten alle Vorschriften ein und melden unsere friedlichen Aktionen immer im Voraus per E-Mail an“ sagt Beat Künzi. Und er ergänzt: „In der Schweiz gibt es ein Recht auf Meinungsfreiheit und dies gilt überall in der Schweiz – auch in den Städten, die uns keine Angaben über Scientology Stände machen wollen“.

Im Dezember 2019 zogen sich die Freien Anti-SC Aktivisten sogar bis auf Weiteres aus St.Gallen zurück, weil die Hürden zu hoch seien. Dies sei schade, weil nicht nur von Passanten, sondern auch von Geschäftsinhabern ermutigende Zeichen gekommen seien, dass das Engagement geschätzt werde. St.Gallen werde, und das sei von Sektenexperten bestätigt, als «Scientology-Hochburg» bezeichnet.

Sektenexperte Georg Otto Schmid von der Informationsstelle relinfo findet, dass die Städte zu wenig aus ihrem Handlungsspielraum machen. Er fordert zahlenmässig klare und kleinere Kontingente als heute. Und er verlangt auch, dass die Städte alle Scientology-Aktivitäten - auch die von Tarnorganisationen - zum gleichen Kontingent rechnen. «Sonst erziehen wir Scientology dazu, die Strategie mit den Untergruppen weiterzuführen», sagt er. Sein Ziel: Die Einschränkung der Aktivitäten von Scientology. Susanne Schaaf von der Fachstelle für Sektenfragen verlangt «klare Transparenz». Dass dort, «wo Scientology drin ist, auch Scientology draufstehen soll, und zwar auch bei allen Unterorganisationen». Ihr schwebt eine gut sichtbare Deklaration am Stand vor.

 

Kritiker sind für Scientology Freiwild

Scientology-Gründer Ron Hubbard duldete keine Kritik. Feinde waren für ihn vogelfrei, die man allenfalls vernichten könne. So schrieb er: "Wir fanden niemals Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit hatten." Hubbard baute denn auch ein Büro für spezielle Angelegenheiten auf, das man durchaus als eine Art interner Geheimdienst bezeichnen kann. Dieser wurde stets in Bewegung gesetzt, wenn Journalisten oder Sektenangehörige die unmenschlichen Methoden von Scientology kritisierten.Ich selbst bekam die Wühlarbeit dieser Abteilung immer wieder zu spüren. Ein paar Beispiele aus einer langen Liste: So setzte die Sekte früher Privatdetektive auf mich an, die meine angebliche kriminelle Vergangenheit ausspionierten und dabei sogar meine Chefs verunsichern konnten. Scientology organisierte auch eine Demonstration gegen mich, die vom Stadthaus zur Redaktion des Tages-Anzeigers führte. Auf grossen Transparenten wurde ich diskreditiert. Die Sekte verlieh mir weiter den Hexenhammerpreis, weil ich religiöse Minderheiten verfolge. Ein Scientologe klebte leuchtend rote Totenkopfkleber an Zürichs Kandelaber, die meinem Namen trugen.Inzwischen hörten die Repressionen weitgehend auf, weil die Zürcher Scientologen realisierten, dass ich mich nicht einschüchtern lasse. Der totalitäre Geist Hubbards weht aber immer noch durch ihr Zentrum. (Text: Sektenexperte Hugo Stamm) 

 

 

 

Quellen: 

Mark Sommer: Scientology Tests' Purpose and Validity Are Questioned. In: The Buffalo News, 2. Februar 2005. Auf cs.cmu.edu (englisch), 

L. Ron Hubbard: "Testing Promotion Revised," HCO Policy Letter of 24 November 1960. In: HCOPLs. Bridge Publications, 4. Juni 1960, ISSN 0096-4018

https://en.wikipedia.org/wiki/Dianetics:_The_Modern_Science_of_Mental_Health


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