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Die Lyrik läuft dem Lockdown davon

Marion Panizzon ist Juristin in Bern. Sie hat die Ausschreibung für Gedichte zur Lyrik in der Corona-Krise von PRO LYRICA mitinitiiert.
Marion Panizzon ist Juristin in Bern. Sie hat die Ausschreibung für Gedichte zur Lyrik in der Corona-Krise von PRO LYRICA mitinitiiert.

DMZ – KULTUR ¦

 

Corona-Literatur muss nicht naiv und beliebig sein: Was bleibt von der Poetik der Pandemie? Von Marion Panizzon

 

Als «Corona-Literatur» wurde das Literaturschaffen in der Covid-19-Pandemie von Kritikern etikettiert. Prosa und Lyrik würden ungefiltert konsumiert und genauso ungehemmt produziert. Es gibt Stimmen im deutschsprachigen Raum, die den Corona-Gedichten, -Aphorismen oder-Kurzgeschichten jeglichen literarischen Wert absprechen.

 

Weder ist die in der Pandemie entstandene Poesie naiv, noch sind deren Lesende regrediert. Im Gegenteil, vieles deutet darauf hin, dass die Lyrik des Lockdown erstaunliche Perspektivenwechsel zustande bringt. Natürlich bleibt sie auch Bewältigungsstrategie in der Krise. Denn Schreiben im notrechtlich verordneten Daheimbleiben ist für jene, die in beengten Verhältnissen wohnen, zu einer Art Social Distancing mutiert, indem Distanz zu sich und den anderen Hausbewohnern erdichtet wird, um sich aus der Enge zu befreien. Umgekehrt erlaubt Corona-Literatur, die Nähe zu sich und den anderen, wenn nicht physisch erlaubt, so doch schreibend neu zu erfinden. Deshalb ist Poesie in der Pandemie alles andere als beliebig und unreflektiert. Im Gegenteil, Lyrik hat sich in der Corona-Krise zu einem Antikörper gegen die unliebsamen Folgen des Lockdown, die Einsamkeit, die Hemmungen, die Angst entpuppt. Zudem ist sie so demokratisch konsumiert, rezipiert und produziert worden wie schon seit langem nicht mehr.

 

Das Literaturmagazin «Rattle» hat mit «Dichter antworten» («Poets Respond») für die Corona-Krise eigens eine neue Eingabemaske für Gedichte eröffnet und einen Youtube-Kanal für digitale Lesungen geschaffen. In einigen Ländern wurde Lockdown-Lyrik zuerst über gestandene Poeten und Poetinnen verbreitet: Der «Guardian» brachte Grossbritanniens gekröntes lyrisches Haupt Simon Armitage dazu, das Coronavirus dichtend zu besiegen, und in der Coronavirus-Anthologie der schottischen Dichterin Carol Ann Duffy publizieren bekanntere Lyrikerinnen und Lyriker. Aber auch den Laien eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten des Publizierens: Quartierzeitungen und Lyrikzeitschriften in Frankreich, den USA oder Grossbritannien veranstalteten Lyrikwettbewerbe zu Corona, und Livestreams oder Online-Foren eröffneten der Dichtkunst virtuelle Räume.

 

Auch die Schweizerische Lyrische Gesellschaft, PRO LYRICA, lancierte ein offenes Forum zum Virus und sammelte zunächst wertungsfrei alle eingehenden Gedichte. Mittlerweile sind mehr als 250 Gedichte, Aphorismen oder Tagebucheinträge eingegangen. Darunter etwa «Klima Vista» von Kuno Roth, das der Klimakrise gewidmet ist und aufzeigt, wie in der Krise die Flucht oft eine Zuflucht ist, ein Rückzug, zum Beispiel in die Natur oder in die vogelsichtige Beobachterrolle.

 

Schon Ovid besang in den «Metamorphosen» den Perspektivenwechsel als Alternative zur Flucht. Die Corona-Gedichte von Ruth Weber oder Gertraud Wigglis entwerfen schaurig-traurige Momentaufnahmen unseres gewandelten Alltags in Zeiten des Notrechts. Während man im 14. Jahrhundert vor der Pest in die Landhäuser flüchtete, zieht es Menschen im Lockdown ins Chalet oder zum Tomatenbeet im Garten. Es lässt sich ein Wiedererwachen der Naturlyrik beobachten: Irène Hähne, Ursula Sommer oder Marlies Vontobel suchen in ihren Gedichten den Trost in der Beständigkeit der Jahreszeiten. Oliver Füglister oder Ralph Hilbert hingegen verwenden die erblühenden Bäume als Metapher, um das innere, krankhafte Wachstum und Sterben von Lungenbläschen eines Corona-Erkrankten besser zu verstehen, und Katja Schmidlin trifft im Gehölz des Coronavirus auf Wurzeln und Knospen, die uns besser über die Krankheit Aufschluss geben könnten.

 

Im Lockdown schlägt die Stunde der Laiendichtung. Deren Anerkennung kann durch das Sammeln beginnen, mittels einer lyrischen Chronik der Corona-Krise – auch dann, wenn die Grenzen des Alltags wieder offen sind.

 

Marion Panizzon ist Juristin in Bern. Sie hat die Ausschreibung für Gedichte zur Lyrik in der Corona-Krise von PRO LYRICA mitinitiiert. Hier geht es zur Website…


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