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Das Interview mit Janosch Tröhler zum Ende von "Negative White"

Janosch Tröhler (Bildquelle: m4music.ch / Pressedienst 2019)
Janosch Tröhler (Bildquelle: m4music.ch / Pressedienst 2019)

DMZ – KULTUR ¦ David Aebischer ¦

 

Lieber Janosch

Mit dieser Meldung hast du dich gestern an die Öffentlichkeit gewendet: „Schweren Herzens habe ich mich entschieden, eine Auszeit von Negative White zu nehmen. In den letzten Monaten fehlte mir immer öfter die Zeit und Energie, welche diese Plattform gebraucht und verdient hätte.

Als das Online-Magazin vor zehn Jahren entstand, hätte ich mir nie erträumt, dass es solange Bestand hat. Das ganze Team hat nun entschieden, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. Ein klares Ende, kein maues Pianobar-Geplänkel, das langsam im Rauschen ausbleicht.

Am 30. Juni stellt Negative White nach 126 Monaten den Betrieb ein. Zum Schluss bleibt Schmerz in der Brust. Und unendliche Dankbarkeit allen, die Negative White möglich gemacht haben: alle Mitarbeiter*innen, alle Leser*innen, allen Veranstaltern und Promotern und allen Künstler*innen. Danke für euren Einsatz, für eure Treue, euer Vertrauen und eure Kunst.“

 

Wie geht es dir, nach Bekanntgabe, dass dein Baby vom Markt kommt?

Es ist wie nach einer Trennung: Man blickt mit der rosaroten Brille zurück und erinnert sich an die schönen Momente. Und man zweifelt, ob die Entscheidung richtig war. Gleichzeitig sage ich: Es war der richtige Zeitpunkt, um – das tönt unfassbar grausam – das Baby zu begraben.

 

Wie geht es dir als Mensch, auch im Zusammenhang der aktuellen Krise. War dieser Umstand Zünglein an der Wage zu deiner Entscheidung? Wie bist du selbst von der Krise betroffen?

Nein, diese Entscheidung hatte nichts mit der Krise durch Covid-19 zu tun. Persönlich spüre ich die Krise eigentlich nur dadurch, dass sich mein Arbeitsweg drastisch verkürzt, dafür der Kaffee- und leider auch der Zigarettenkonsum frappant erhöht hat. Trotzdem: Das Home-Office find ich gar nicht mal so übel.

 

Die Meldung kam für sehr viele Menschen sehr überraschend. Nach 10 Jahren machst du Schluss. Was ist der Grund?

Das Leben. Als mein Bruder und ich 2009 an der Idee eines Online-Magazins herumzubasteln begannen, waren wir naseweise Jünglinge. Er wollte fotografieren, ich den Einstieg in den Journalismus finden. Heute ist er selbständiger Fotograf, ich arbeite in einem grossen Medienhaus. Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass ich schlicht nicht mehr die Zeit und Energie aufbringen kann und mag, die es für den Fortbestand von Negative White gebraucht hätte. Es ist brutal, aber da muss man ehrlich zu sich selber sein.

 

Gibt es für dich ein absolutes Highlight?

Oh, da gibt es viele. Das Interview mit Paul McCartney 2012 gehört sich weit nach oben. Doch eigentlich war es ein Moment im letzten Jahr: Die Managerin einer Band, die ich schon seit zwölf Jahren intensiv verfolge, kam nach einem Konzert zu mir. Sie fragte, ob die Stimme des Sängers untergegangen sei. Ich verneinte und fragte zurück, weshalb sie das wissen wollte. Der Grund: Weil ich im letzten Bericht geschrieben hätte, dass die Stimme untergegangen sei, und sie seither an diesem Problem gearbeitet haben. Da war ich sprachlos.

 

Wie bewertest du die Wertschätzung von solchen innovativen und ehrenamtlich betriebenen Unternehmungen?

Waren wir innovativ? Keine Ahnung. Wir haben einfach viel ausprobiert, weil wir niemandem ausser uns selbst etwas schuldig waren. Die Wertschätzung kam nach und nach. Die Szene hat irgendwann gemerkt, dass wir nicht einfach ein weiteres Blog sind, sondern nach Qualität streben. Das kippte dann und wann auch mal: Die Erwartungshaltung war gross, weil Promo-Agenturen oder Künstler*innen annahmen, dass wir das vollberuflich machen. Auch jetzt, nach dem Ende, fragten mich wieder einige Leute, was ich denn jetzt mache. Ganz einfach meiner täglichen Arbeit nachgehen – und etwas mehr Erholung und Freizeit haben.

 

Wie war der Kontakt mit den Kulturschaffenden?

Eigentlich hatten wir mit den meisten ein gutes, herzliches Verständnis. Nicht mal eine Handvoll wirklich negative Erlebnisse gab es. Und wenn, dann eher mit Veranstaltern oder den Managements und ihren irrsinnigen Fotoverträgen. Ab und zu sind wir auch der Branche etwas auf die Füsse getreten. Das ist gefährlich, denn es ist ein kleiner Kuchen in der Schweiz. Aber es gilt die Pressefreiheit.

 

Wieso, denkst du, gibt es in der Schweiz kaum mehr Acts, die es auf einen grünen Zweig schaffen?

Ist das so? Ich würde das Gegenteil behaupten. Und wer es wirklich will, schafft es auch heute noch irgendwie. Die Schwierigkeiten sind eher systemisch und haben nichts mit der Schweiz zu tun. Es gibt kaum mehr Einnahmen aus Verkäufen, Streaming kannst du eh vergessen. Es bleiben nur noch die Konzerteinnahmen. Allerdings ist Musik für viele halt auch einfach ein teures Hobby. Über den Job bei der Bank oder der Versicherung wird querfinanziert. Das führt zu mittelmässigem Material. In anderen Ländern leistet man sich das Studio erst, wenn man ausreichend starke Songs hat.

Grundsätzlich muss ich sagen, dass sich die Schweizer Musiklandschaft sehr positiv verändert hat. Als wir 2010 an den Start gingen, hiess es oft: «Die klingen gar nicht wie eine Schweizer Band. Eher so international.» Heute hört man das zurecht nicht mehr. Die Musikbranche hat den Provinzmuff ablegen können – dank starken und renommierten Acts.

 

Wer macht es deiner Ansicht nach in der Schweiz richtig?

Oh, da gibt’s viele, die Grandioses hinlegen: Black Sea Dahu, Zeal & Ardor, Al Pride, Tim Freitag, Tompaul, Dachs, Faber, True… Ich könnte noch mehr aufzählen. Sie alle liefern grandiose Musik ab. Ob’s finanziell stimmt, weiss ich natürlich nicht. Es gibt wohl auch nicht den goldenen Weg: Was für eine Band funktioniert, stimmt für eine andere nicht. Ein adäquates Marketing ist hier der Schlüssel.

 

Wie bewertest du das aktuelle „Geheule“ von den Kulturschaffenden wegen der Krise? Berechtigt, oder waren viele einfach zu schlecht vorbereitet?

Eine merkwürdige Frage. Das könnte man ja auch die Gastronomen fragen – oder jede andere Branche. Geheule habe ich von niemandem aus der Musikbranche gehört, eher aus der neoliberalen Ecke. Und dass, obwohl die Kulturschaffenden – insbesondere die Musiker*innen – allen Grund hätten: Sie waren die ersten, die durch die Massnahmen getroffen wurden, und werden die letzten sein, die wieder in den Normalzustand kommen. Hunderte Konzerte und Festivals wurden abgesagt. Dazu war auch Musikunterricht untersagt – für viele ein fixes Einkommen. Und dann hat man noch den ganzen Longtail: Die Barkeeper, die Tontechnikerinnen, die Stagehands. Die sind voll in der «Gig Economy» – keine Events, keine Aufträge. Das ist schon brutal.

 

Sind Kulturschaffende generell schlechte Geschäftsleute?

Absolute Aussagen sind gefährlich. Vielleicht sind Künstler*innen tatsächlich etwas weniger strukturiert als der Rest, dafür umso kreativer. Deswegen braucht’s eben nach wie vor Promoter, Labels und Manager, die sich um die Excel-Tabellen und Kalender kümmern. Auch wenn viele das Gegenteil herbeischreiben wollen. Diese Aufgabenteilung ist sinnvoll, damit die Acts sich auf das Wesentliche konzentrieren können: Die Kunst.

 

Spielen Rezensionen nicht mehr die entscheidende Rolle?

Definitiv. Bei gewissen Konzeptalben lohnt sich das noch. Aber der Musikjournalismus wurde durch den digitalisierten Markt verändert: Kuration heisst das Zauberwort. Playlists haben entscheiden heute, ob ein Song erfolgreich ist oder nicht.

 

Wie muss man sich die immense Arbeit hinter einem solchen Magazin vorstellen?

Zeitraubend. Viel Koordination und Administration auch. Jede Woche erreichten uns über 100 E-Mails mit neuer Musik. Gleichzeitig mussten die Website und die Playlists gepflegt und Social-Media-Kanäle bespielt werden. Wir haben Newsletter verfasst und Akkreditierungsanfragen für Konzerte gestellt. Es waren mehrere Stunden Freizeit, die jede Woche draufgingen. Immerhin: In den letzten Jahren wurde das Portemonnaie durch Kooperationen und Mitgliedschaften der Community nicht mehr belastet.

 

Wie geht es bei dir weiter? Du bist ja professionell als Journalist tätig, kannst du dich weiter voll entfalten?

Ich habe einen intensiven Job als Ressortleiter. Dazu leite ich im Unternehmen diverse redaktionelle Projekte und verantworte einzelne journalistische Produkte. Ich schreibe also nicht mehr so viel, aber mir bereitet das Team-Management und die konzeptionelle Arbeit am Journalismus unheimlich viel Spass. Die Erfahrungen, die ich mit Negative White gemacht habe, helfen mit beim ganzheitlichen Denken eines Mediums. Die Schweizer Musiklandschaft liegt mir weiter sehr am Herzen. Ich werde sie nun passiv unterstützen: als Konsument, als Fan, als kritischer Beobachter.

 

Welche Magazine kannst du empfehlen, die nun gelesen werden sollten, nachdem dein Magazin leider weg ist?

Spontan kommen mir da «artnoir.ch», «rockette.space», «null41.ch» oder auch «rocknews.ch» in den Sinn. Gedruckt lohnen sich natürlich auch das «Saiten Magazin» oder das «Coucou» aus Winterthur. Es gibt aber noch einige mehr.

 

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