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Kulturschaffende unzufrieden mit Bundesrat und Massnahmen

DMZ – KULTUR / POLITIK ¦

 

Kulturschaffende kritisieren erneut den Bundesrat in einem offenen Brief für dessen Corona-Massnahmen. Nachdem Bundesrat bereits am 1. Mai 2020 Post erhielt, folgt nun ein zweites Schreiben (10.06.2020). Die Unterstützungsmassnahmen für Opfer des Lockdowns kämen gerade nicht jenen zugute, die sie am dringendsten brauchen.

 

"Die bis jetzt angebotenen Massnahmen des Bundes und der Kantone verfehlen das Versprechen, diese Verletzlichen zu schützen. Wer bisher viel verdiente, bekommt jetzt viel", heisst es in dem Brief, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Unterschrieben ist er von den Schriftstellerinnen Monica Cantieni und Bettina Spoerri (ausserdem Kuratorin), dem Schriftsteller Sunil Mann sowie dem Schriftsteller und Regisseur Rudolph Jula.

 

Situation der professionellen Kulturschaffenden wird im Schreiben erörtert

"Im Kulturbereich sind die Einkommen pyramidenförmig ungleich verteilt. Nach Erhebungen, die Suisseculture Sociale 2016 machte, liegt das Medianeinkommen der Kulturschaffenden - also die breite Basis - bei 40'000 Franken (inkl. sog. Broterwerb). Das Zahlenwerk belegt, dass etwa die Hälfte der professionellen Kulturschaffenden in prekären Verhältnissen lebt - unter normalen Bedingungen durchaus auch auf Eigenrisiko. Die Einkommensschwäche ist dabei nicht Ausdruck von mangelndem Fleiss oder Talent, sondern sie ist systembedingt.

Honorare bilden in der Regel weder das Risiko noch die Tatsache ab, dass genau diese 50% einen grossen Teil des Inhalts liefern, von dem der gesamte Kulturbetrieb lebt, von Kleinveranstaltern bis zur Leuchtturm-Kulturinstitution.

Diese 50% gehören zur Gruppe der Verletzlichsten, und gerade sie warten bisher vergeblich auf adäquate Unterstützungsmassnahmen. So stirbt die Basis der Kultur ökonomisch einen stillen Tod."

 

  • Wir sind Profis: Durch unsere Ausbildung, unser Fachwissen und unser tägliches Engagement in dem, was wir in der Kulturszene tun.
  • Wir sind solidarisch: unabhängig von unseren unterschiedlichen Rollen und Interessen haben wir uns zusammengeschlossen, um unsere Branche als Wirtschaftssektor zu verteidigen.
  • Es gibt viele von uns, und wir alle haben Anteil an einem reichhaltigen und aktiven Ökosystem zum Nutzen der gesamten Gesellschaft.
  • Unsere Strukturen leiden unter der Wucht dieser Krise und wir sind gefährdet

So kämen bei vielen Kulturschaffenden, die schon vorher in prekären Verhältnissen lebten und damit auch kaum Rücklagen hätten bilden können, aus der Corona-Erwerbsersatzentschädigung bisher nur Kleinstbeträge an, heisst es in dem Brief.

 

"Wer einen Antrag stelle, müsse lesen: "Es existieren keine Rechtsmittel", oder: "Es besteht kein Rechtsanspruch" - oder auch: "Es besteht keine Möglichkeit zur Wiedererwägung". Selbst wer bei kantonalen Stellen einwandfreie Belege für entgangenes Einkommen einreiche, habe keine Gewähr, eine entsprechende Vergütung zu bekommen, heisst es weiter. Kulturschaffende würden damit ihres Rechtsstatus’ beraubt und zu Bittstellern degradiert."

 

Weniger Bürokratie gefordert

Der Verwaltungsaufwand sei enorm, das Kosten-Nutzen-Verhältnis unwirtschaftlich, und als Ergebnis werde bestehende Ungleichheit potenziert. Die bisherigen Massnahmen machten auch sozial keinen Sinn. Die angebotene Hilfe könne nämlich mit dem gegebenen Regelwerk vom Gros der Kulturschaffenden nicht in Anspruch genommen werden.

 

"Wir brauchen jetzt eine unbürokratische, schnelle und praktikable Lösung", appellieren die Kulturschaffenden an den Bundesrat. "Um den gigantischen Verwaltungsaufwand zu vermeiden und gleichzeitig jenen Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen, schlagen wir einen Festbetrag von mindestens 2300 Franken ohne Festlegung eines Mindesteinkommens über einen Zeitraum von sechs Monaten vor." Genaue dieser punkt stösst vielen Selbständigerwerbenden sauer auf: "Die Hilfe für Selbständige wurde bereits geregelt. Kulturschaffende sind Selbständige, verlangen nun zusätzlich ein garantiertes Grundeinkommen von mindestens 2300.- über 6 Monate. Etwas überheblich, diese Forderung." Gar von dauernder Bevorzugung von "Künstlern" gegenüber Selsbtändigerwerbenden wird gesprochen. "Diese Forderung ist per se ein Affront gegenüber jedem arbeitenden Selbständigen. "Kulturschaffend..." ist man freiwillig. und da gibt es auch keine Extra-Würste."

Im Brief heisst es dann weiter, dass als Vorlage das Modell der Militär-Erwerbsersatzordnung dienen könnte.Es scheint festzustehen, dass Kunstschaffende und Institutionen ein wesentlicher Teil des geistigen Wohlbefindens sind und brauchen jetzt eine klare zeitliche und finanzielle 

Perspektive, damit sie planen und ihre Existenz nach Möglichkeit selbstständig sichern können.  Wie und ob sich der Bundesrat noch äussert, wird sich zeigen.

 

Coronavirus: Informationen für Kulturschaffende, Selbständige und Unternehmen

Der Z-Kubator hat eine Übersicht zu nützlichen Informationsquellen zusammengestellt. Die Liste wird laufend aktualisiert.

 

Update: Corona Nothilfe der ZHDK - komplette Liste inkl. weiterführenden Links auf der Website der Zürcher Hochschule der Künste 

  • Soforthilfe für Kulturschaffende kann ab sofort und bis zum 20. September 2020 über das Gesuchsportal von Suisseculture Sociale beantragt werden.
  • Die Vergabe von Nothilfe für Selbständige erfolgt durch die Ausgleichkassen der Kantone. Auch freischaffende Künstler*innen, die bei einer Ausgleichkasse als selbständigerwerbend angemeldet sind, können Anträge auf Erwerbsausfall-Entschädigung einreichen. Details für den Kanton Zürich finden sich auf der Website der SVA Zürich.
  • Soforthilfe für nicht-gewinnorientierte Kulturunternehmen wird über die Kantone abgewickelt, in Zürich durch die Fachstelle Kultur des Kantons Zürich. Dort können auch Ausfallentschädigungen für Kulturunternehmen und Kulturschaffende beantragt werden. Die Gesuchformulare sind ab sofort auf der Website der Fachstelle Kultur verfügbar.
  • Details zur Unterstützung von Kulturvereinen im Laienbetrieb im Bereich Musik und Theater finden sich auf der Website des Bundesamtes für Kultur.
  • Ausweitung und Vereinfachung von Kurzarbeit: Neu kann Kurzarbeit u. a. auch für Mitarbeitende mit befristeter Anstellung, Gesellschafter*innen einer GmbH und Mitarbeitende mit finanzieller Beteiligung am Unternehmen beantragt werden. Die Antragstellung erfolgt bei den kantonalen Ämtern für Wirtschaft und Arbeit. Mehr Infos für den Kanton Zürich finden sich hier. Kurzarbeit bedeutet eine Reduktion des Betriebs und dadurch Einsparung von Personalkosten für das Unternehmen. Der Verdienstausfall der Angestellten wird teilweise durch den Staat kompensiert.
  • Einzelunternehmen, Personengesellschaften und juristische Personen können Überbrückungskredite als Liquiditätshilfen und einen Zahlungsaufschub bei Sozialversicherungsbeiträgen beantragen. Ein Zahlungsaufschub bei Sozialversicherungsbeiträgen wird bei den kantonalen AHV-Ausgleichkassen beantragt - in Zürich bei der SVA Zürich. Liquiditätshilfen können ab sofort über https://covid19.easygov.swiss beantragt werden.
  • Das SECO hat ausserdem eine Info-Hotline für Unternehmen eingerichtet: +41 58 462 00 66 (Montag bis Freitag 7 bis 20 Uhr).
  • Nothilfe der Stadt Zürich für Selbständige und Kleinstunternehmende: Antrag bis zum 16. Juni 2020 stellen. Mehr Infos hier.
  • Liquiditätshilfen für Startups können ab sofort über https://covid19.easygov.swiss/fuer-startups beantragt werden. Die Liste der teilnehmenden Kantone findet sich hier.
  • Überbrückungseinkommen für Selbständige von der privaten Crowdfunding-Initiative Together Now: Anträge können ab sofort online eingereicht werden.

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Umfragen zu Honorarausfällen

  • IG Kreativwirtschaft: Umfrage-Ergebnisse zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kreativschaffenden
  • Schweizerischer Musikerverband SMV: Gagenausfall Statistik
  • SONART: Umfrage zu Gagenausfällen von Kulturschaffenden

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Weitere nützliche Links

  • Covid Kompass: Übersicht und Hilfestellungen zu praktischen Fragen
  • Fachstelle Kultur Kanton Zürich: Informationen für Kulturschaffende und Kulturveranstalter*innen
  • Pro Helvetia: Infopoint Covid-19
  • Schweizerischer Bühnenkünstlerverband SBKV: Not-Darlehen für SBKV-Mitglieder
  • Suisseculture: Laufende Updates und Links zu Informationen von Kulturverbänden
  • t. Theaterschaffende Schweiz: Merkblatt zu abgesagten Veranstaltungen
  • Verbände der Kreativwirtschaft: Handlungsempfehlungen
  • Vitamin B: Merkblatt für Vereine

 

 

 

Quellen:  

  • https://cultureismyjob.ch/de/
  • https://www.zhdk.ch/meldung/coronavirus-informationen-fuer-kulturschaffende-selbstaendige-und-unternehmen-3142
  • http://www.buero-dlb.ch/de/archiv/kulturfoerderung-kulturvermittlung-kultur-und-medienpolitik/wir-duerfen-nicht-hinnehmen-dass-wir-in-eine-zeit-zurueckfallen-in-der-es-ausschliesslich-den-privilegierten-vorbehalten-war-kultur-zu-gestalten

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