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Covid-19 - Fake News: Warnung vor Flyern von Masken-Zweiflern

Kurz und knapp schrieb Strupler zu einem Bild des Flyers: «Fake news!».
Kurz und knapp schrieb Strupler zu einem Bild des Flyers: «Fake news!».

DMZ – BLAULICHT ¦

 

Nachdem Corona-Zweifler am Samstag in Zürich Flyer verteilt haben, auf denen die Maskenpflicht unter anderem als «unsinnig & gefährlich» bezeichnet wird, hat der Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), Pascal Strupler, auf Twitter reagiert. 

 

Die Aktion der Corona-Skeptiker wurde laut «20 Minuten» ebenfalls vom emeritierten Epidemiologie-Professor am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, Marcel Tanner, verurteilt. Er erklärte: «Die Aussagen sind falsch. Sie haben keine wissenschaftliche Grundlage.» Die Wirksamkeit von Masken hätten Studien in mehreren Ländern bereits klar erwiesen.

 

Swiss Propaganda Research ist der frühere Name der Website Swiss Policy Research, einer anonym betriebenen Website mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien. Die Seitenbetreiber geben sich als Forschungsgruppe aus und schmücken sich mit "Referenzen", die keine sind. Gefährlich ist der Flyer, wie auch diese Gruppierung (oder Einzelperson) hinter dieser ominösen "Organisation". Die Herausgeber sind anonym, die Finanzierung unbekannt. 

  • In einer Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2017 über Medienstrukturen in der Schweiz werden „sechs der am meisten diskutierten alternativen Medien analysiert“. Laut Daniel Vogler vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich „greifen sie auf Verschwörungstheorien zurück“. Weiter schreibt Vogler über die Seite Swiss Propaganda Research, dass sie „als pseudowissenschaftliches Medienforschungsprojekt“ auftrete.
  • Die deutsche Tagesschau kritisierte 2017 unter dem Titel „Desinformation statt seriöser Forschung“, dass die Seite seriös wirke, Medienforscher jedoch Mängel an der Herangehensweise sehen würden. Es sei unklar, wer hinter den Studien stehe. 77 Prozent der Abrufe würden aus Deutschland erfolgen.
  • Der Journalist Felix E. Müller schrieb 2018 in der NZZ am Sonntag: „Wir müssen keine Bühne für deutsche Streitereien bieten“ und schätzt ein, dass die Website mit unhaltbaren Behauptungen gegen die hiesigen Medien schiesst und sich weigere, offenzulegen, wer dahintersteckt. Wer die Schweiz mit Denkmustern aus Deutschland verstehen wolle, lande auf dem Holzweg. Die Medien in der Schweiz hätten eine vergleichsweise gute Akzeptanz und er führt mehrere Belege dafür an. Er sieht darin einen Grund, weshalb in der Schweiz im Unterschied zu Deutschland kaum ein Biotop von alternativen Medien existiere. Es würden zwar auf der Schweizer Bühne Debatten ausgetragen, die in Deutschland konzipiert worden seien. Die breite Masse des Publikums in der Schweiz erreiche man damit offensichtlich nicht.
  • Patrick Gensing stellte im April 2020 im ARD-Faktenfinder richtig, dass die Behauptung der Einführung einer Coronaviruszensur per Gesetz in Dänemark durch Swiss Propaganda Research nicht der Wahrheit entspricht, sondern sich das „Gesetz zur Änderung von Straf-, Rechtspflege- und Ausländergesetz“ hauptsächlich gegen Kriminalität in Zusammenhang mit der Coronaviruskrise richtete und keinerlei Umsetzung von Zensur darin erkennbar war.
  • Die Journalistin Andrea Haefely kritisierte im Mai 2020 in der Zeitschrift Beobachter: „Die Website Swiss Propaganda Research unterstellt den Schweizer Medien das, was sie selber tut: Die Leser mit fragwürdigen Informationen zu füttern.“ Wie viel Schweiz tatsächlich in der Site stecke, sei unklar. Die Tatsache, dass der hierzulande nicht gebräuchliche Buchstabe ß ganze 529 mal auftauche, spräche eher dafür, dass deutsche Kreise am Werk seien.
  • Der Journalist Kurt Pelda schätzte im Mai 2020 im Tages-Anzeiger ein, dass durch die Coronakrise auch Swiss Propaganda Research deutlich mehr Zulauf erhalten hat. Demonstranten misstrauen der Regierung und der Presse, Inspiration holen sie bei den «alternativen Medien» im Internet, wozu SPR gehöre. Entsprechendes Material wurde auf einer Demonstration in Zürich verteilt. Pelda wirft der Website vor, „besonders üble Propaganda über den Krieg in Syrien“ zu verbreiten. So behaupte SPR, dass die dortigen Chemiewaffenangriffe inszeniert worden seien, obwohl UNO-Untersuchungen das Gegenteil bewiesen hätten.

 

#Faktenfuchs klärt auf: Wie glaubwürdig ist "Swiss Policy Research"?

"Corona-Leugner und -Verharmloser verweisen oft auf die Plattform "Swiss Policy Research", früher "Swiss Propaganda Research". Sie gibt sich den Anschein einer Forschergruppe - doch sie arbeitet unwissenschaftlich und bildet Verschwörungsmythen ab.

 

In Diskussionen über die Gefährlichkeit des Coronavirus taucht wiederholt eine Quelle auf: die Plattform "Swiss Propaganda Research", die kürzlich ihren Namen in "Swiss Policy Research" (SPR) änderte. Neben zahlreichen Akteuren jener Medien, die sich selbst als "alternativ" bezeichnen, bezog sich beispielsweise der mittlerweile freigestellte Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, der unbeauftragt eine "Analyse" zur Coronakrise verfasste und darin die Maßnahmen als einen "globalen Fehlalarm" bezeichnete, mehrfach auf "Swiss Propaganda Research" und der dort abrufbaren Stoffsammlung zu Covid-19. Auch Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann bezogen sich schon auf SPR.

 

"Swiss Propaganda Research" oder "Swiss Policy Research"?

"Swiss Policy Research" existiert nach eigenen Angaben auf der Webseite seit 2016, der erste Eintrag der Seite im Internet-Archiv (archive.org) ist vom September 2017. Noch bis Mitte Mai nannte sich das Portal "Swiss Propaganda Research". 

 

Wer steckt hinter "Swiss Policy Research"?

Auf der Webseite sind weder ein Impressum noch eine Kontaktadresse zu finden. "Ein absolutes Ausschlusskriterium als seriöse Medienquelle", sagt Martin Emmer, Professor für Publizistik- und Kommunikationswissen­schaft mit dem Schwerpunkt Mediennutzung am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Auch eine Domainabfrage über Whois ergibt keine Auskünfte über den oder die Betreiber der Seite.

 

Die NZZ vermutete 2018 den Verschwörungsideologen Daniele Ganser hinter der Seite, was dieser aber kürzlich dementierte.

 

Einer der frühesten Beiträge auf der Seite kritisierte auch die angebliche Diffamierung des bekannten Schweizer Verschwörungserzählers Daniele Ganser, der öffentlich die Untersuchungsergebnisse zu 9/11 in den USA anzweifelt.

 

SPR stellt in einem Medienspiegel auch einige Artikel vor, die sich kritisch mit SPR befassen - die dann aber meist mit dem Hinweis zum "Kontext" als "Nato-nah" oder "amateurhaft" versehen werden. Viele Artikel stammen von Webseiten bekannter Verschwörungsideologen oder selbsternannten alternativen Medien.

 

Auf der Seite heißt es, die "Mitglieder der Forschungsgruppe möchten persönliche Diffamierungen und berufliche Sanktionen vermeiden und haben sich deshalb entschieden, nicht namentlich aufzutreten". Eine BR24-Anfrage, ohne dass auf Fragen nach der Zusammensetzung und der Qualifikation der angeblichen Forschergruppe näher eingegangen wäre, wurde ebenfalls anonym beantwortet.

 

Durch die fehlende Transparenz zur Urheberschaft ist nicht klar, wer für die Inhalte der Seite haftet, wie sie sich finanziert und welche fachliche Qualifikationen sie ausweisen - besonders als "Forscher". Die Gruppe sei aber, so die anonyme Mail-Antwort an BR24, "politisch und publi­zistisch unab­hängig" und erstelle die Arbeit "ohne Beauftragung oder Fremdfinanzierung". Die erfragten Belege dafür lieferte SPR nicht.

 

Was macht "Swiss Propaganda Research"?

Vor der Corona-Pandemie war das Hauptthema von SPR spekulative Kritik an Medien, die angeblich Propaganda zugunsten der USA und der NATO betrieben. "Studien" und "Infografiken" sollten das belegen.

 

Experten kritisieren allerdings sowohl die Selbstbezeichnung als Forschungsgruppe als auch deren Arbeitsweise und Auslegung des Propaganda-Begriffs. Die Begriffe "Research" und "Forschungsgruppe" wecken die Erwartung, auf der Webseite wissenschaftliche Informationen zu finden. Diesem Anspruch werden die Inhalte auf der Webseite allerdings nicht gerecht.

"Wenn man das Angebot der Webseite insgesamt betrachtet, wird schnell deutlich, dass sie einer politischen Seite zuzuordnen ist – während sie sich den Anschein der wissenschaftlichen Objektivität und Neutralität zu geben versucht", sagt Christoph Neuberger, ebenfalls Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin.

 

"Die Inhalte und der Gestus auf 'Swiss Policy Research’ sind pseudowissenschaftlich", sagt Medienforscher Neuberger, der auch publizistische Qualität im Internet lehrt. "Die sogenannten 'Studien' erfüllen an vielen Stellen nicht die wissenschaftlichen Mindeststandards." Für Laien, sagt Neuberger zu BR24, mögen sie auf den ersten Blick eindrucksvoll wirken. Doch seien die Fallzahlen in den Untersuchungen sehr niedrig. "Daraus können keine verallgemeinerbaren Aussagen abgeleitet werden." Zudem sei nicht nachvollziehbar, wie genau die Fragen untersucht wurden – also die wissenschaftliche Methode. Das schließe die Nachprüfbarkeit der Ergebnisse aus. Für Forscher sei so nicht ersichtlich, wie sie die Studien wiederholen könnten.

 

"Auch eine lange Liste von Quellen bedeutet nicht, dass der Forschungsstand angemessen wiedergegeben ist", sagt Neuberger. Dessen Kollege Emmer weist darauf hin, dass in der sogenannten Studie "Der Propaganda-Multiplikator" zu drei Nachrichtenagenturen die meisten angegebenen Quellen keine wissenschaftlichen Quellen seien. Wo sich die Studie aber auf eine wissenschaftliche Quelle beziehe, würden Aussagen selektiv zitiert und aus dem Kontext gerissen. "Das verzerrt und ist unseriös", sagt Emmer. "Zu dem Thema gäbe es tausende Quellen - die werden alle nicht genannt."

 

Den Propagandabegriff, der auf der Website verwendet wird, hält der Publizistik-Experte Neuberger dabei für unzulässig weit und undifferenziert. "Es wird alles als 'Propaganda' bezeichnet, was nicht dem eigenen Standpunkt entspricht", sagte er. Journalismus könne gar nicht anders, als auszuwählen und verknappen. "Das ist nicht automatisch mit Propaganda gleichzusetzen."

In SPR sieht Neuberger deshalb ein Beispiel für unfaire Medienkritik. "Der Journalismus ist nicht nur ein passiver Spiegel, der alles wiedergeben muss, was irgendwo irgendjemand behauptet und meint – und sei es noch so abwegig.""

 

 

Quelle:

  • Wikipedia ¦ 
  • Andrea Haefely: Verschwörungstheorien. Anonyme Warner mit scharfem S, beobachter.ch, 7. Mai 2020.
  • Felix E. Müller: Wir müssen keine Bühne für deutsche Streitereien bieten. In: NZZ am Sonntag vom 20. Januar 2018.
  • Silvia Stöber: Desinformation in der Schweiz Propaganda statt seriöser Forschung. Tagesschau, 1. November 2017 (Webarchiv)
  • Marlon Rusch: Alternative Ansichten, shaz.ch, 12. April 2020
  • Evelyn Finger, Holger Stark: Warum ein Beamter in der Corona-Krise den Aufstand wagt. Die Zeit vom 11. Mai 2020.
  • Daniel Vogler: Qualität der Medien. Schweiz – Suisse – Svizzera. Jahrbuch 2017. Basel: Schwabe, 23-39
  • Patrick Gensing: Corona-Krise Zensur in Dänemark eingeführt? , tagesschau.de, 8. April 2020
  • Kurt Pelda: Wer steckt hinter den «Corona-Rebellen». In: Tages-Anzeiger, 13. Mai 2020.
  • https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/faktenfuchs-wie-glaubwuerdig-ist-swiss-policy-research,S128XLH

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