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UPDATE - Corona-Skeptiker sehen sich mit dem Beitrag der ARD bestätigt - bestätigt werden allerdings nur Fakten

Dr. med. Thomas Bregenzer Chefarzt Innere Medizin  Facharzt FMH für Innere Medizin Facharzt FMH für Infektiologie Spital Lachen (Foto: Spital Lachen)
Dr. med. Thomas Bregenzer Chefarzt Innere Medizin Facharzt FMH für Innere Medizin Facharzt FMH für Infektiologie Spital Lachen (Foto: Spital Lachen)

DMZ – WISSENSCHAFT ¦ David Aebischer ¦

KOMMENTAR

 

ARD Extra berichtet am 5.10.2020 über die aktuellen Einschränkungen bei Urlaubsreisen. In vielen Nachbarländern Deutschlands gibt es hohe Zahlen an Neuinfektionen mit dem Sars-Cov2 Virus, einige der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen sind zu Risikogebieten erklärt worden.

Ausserdem geht ARD Extra in dieser Sendung der Frage nach, wie gut die neuen Vorschriften für Partys und private Feiern funktionieren. Eine Analyse der neuesten Zahlen zu Covid19 gibt zudem einen Einblick in den gegenwärtigen Stand der Pandemie in Deutschland. Und genau hier sehen sich anscheinend die Corona-Skeptiker in ihren Theorien bestätigt. Dazu haben wir verschiedene Experten befragt, wie sie den Beitrag von ARD Extra sehen. Gibt der Beitrag Skeptikern recht?

 

Fakten
In Deutschland sind im August sechs Prozent mehr Menschen gestorben als in den Vorjahren. Das Statistische Bundesamt wies bereits im Frühling eine Übersterblichkeit aufgrund der Corona-Pandemie aus. Im Sommer aber war die Lage anders.

 

Das Statistische Bundesamt hat die Sterbefallzahlen in Deutschland untersucht – und für August überdurchschnittlich viele Todesfälle festgestellt. Im August 2020 sind nach vorläufigen Ergebnissen mindestens 77.886 Menschen in Deutschland gestorben – sechs Prozent oder rund 4200 Fälle mehr als der Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.

Die Statistiker führen die erhöhte Sterblichkeit auf die Hitzewelle im August, nicht aber auf die Corona-Pandemie zurück.

  • Die Zahl der Gestorbenen lag insbesondere in der 33. Kalenderwoche (10. bis 16. August) mit 19.499 Fällen deutlich (+20 Prozent) über dem Durchschnitt der vier Vorjahre. Auch in den Jahren 2018 und 2019 hatten heiße Sommer einen Einfluss auf die Sterblichkeit – allerdings etwas früher im Jahresverlauf.
  • Die Daten zu bestätigten Covid-19-Todesfällen, die beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden, können die überdurchschnittlichen Sterbefallzahlen im August nicht erklären, so das Statistische Bundesamt weiter. Im August starben nach Angaben des RKI 135 Personen an oder mit Covid-19.

Für den April hingegen haben die Statistiker bereits einen Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und einer erhöhten Sterblichkeit ausgemacht. Mit 6034 bestätigten Covid-19-Todesfällen lagen die gesamten Sterbefallzahlen zehn Prozent (rund 7300 Fälle) über dem Durchschnitt der Vorjahre. Eine Auswirkung der Pandemie auf das gesamte Kalenderjahr 2020 lässt sich laut Statistischem Bundesamt gegenwärtig noch nicht abschätzen.

 

Hinweis: Diese Sonderauswertung enthält Sterbefallzahlen nach Tagen, Wochen und Monaten seit dem 1. Januar 2016. Die Auswertung für die Jahre 2016 bis 2019 basiert dabei auf den endgültigen plausibilisierten Daten dieser Berichtsjahre. Daten ab dem 1. Januar 2020 sind vorläufig – hierbei handelt es sich um eine reine Fallzahlauszählung der eingegangenen Sterbefallmeldungen aus den Standesämtern – ohne die übliche statistische Aufbereitung. Die Daten wurden nicht plausibilisiert und es wurde keine Vollständigkeitskontrolle durchgeführt. Zudem liegt nur ein begrenzter Merkmalsumfang vor (Rohdaten).

 

Corona-Skeptiker sehen sich bestätigt - Mainstreammedien sind plötzlich Lieblinge

Faktenbasierte Beiträge haben es zuweilen schwer und werden gerne als Bestätigung von Verschwörungstheorien gebraucht (Ausschnitte oder aus dem Kontext gerissen, sowie einzelne Aussagen, die alleine für sich stehend ins Verschwörungskonzept passen"). In unserem ersten Beitrag haben wir Patientenvertreter Andreas Keusch und Prof. Dr. Michael Nippa befragt.
Im Update dieser Reihe kommt Dr. med. Thomas Bregenzer, 
Chefarzt Innere Medizin Spital Lachen, Facharzt FMH für Innere Medizin und  für Infektiologie, zu Wort.

Bereits am 27. April hat sich Dr. med. Thomas Bregenzer bei uns geäussert: "Covid-19 Pandemie - Und jetzt?"

 

Wie ist der Beitrag von ARD Extra zu sehen und gibt er Skeptikern recht?

"Nein, ARD macht nicht auf Verharmlosung sondern versucht, sich in einem Zahlenwald zu orientieren und die verfügbaren Zahlen zu verstehen." Das sei eine wichtige Aufgabe - eigentlich für alle: Alle seien mit einer Situation konfrontiert, die niemand von uns kennt. Wir könnten wohl Parallelen ziehen zu historischen Pandemien wie der Pest oder der spanischen Grippe. Dies sei auch häufig gemacht worden und sei angesichts einer komplett anderen Ausgangslage nicht die beste Strategie. Und natürlich könne man auch das Gegenteil leicht machen: die Pandemie ignorieren, sie leugnen, einen Schuldigen suchen, etc. Auch diese Strategie sei nicht geeignet, weil auch sie sich nicht um ein Verständnis der aktuellen Situation bemühe.

 

"Wir können nur mit den bereits verfügbaren Zahlen, früheren Erfahrungen aus Pandemien (die zu relativieren sind) und einem ernsthaften Bemühen diese Informationen zu verstehen und interpretieren, mögliche Szenarien antizipieren. Prognosen leiten wir eben aus Vergangenem ab. Gut wäre es, wir könnten sie auf künftige Fakten stützen..."

Dr. med. Thomas Bregenzer, Chefarzt Innere Medizin Spital Lachen, Facharzt FMH und  Infektiologie

 

Was hat sich nun seit dem Frühjahr geändert?

"1. Wir haben eine Erfahrung und eine Angst, die aus schrecklichen Bildern entstanden ist. Wir haben aber auch Zahlen und stellen zunehmend fest, dass die "gleichen Zahlen", die im Frühjahr mit grossen Probleme einhergingen, jetzt andere Folgen haben.

 

2. Weil wir die Gefahr besser kennen, macht sie weniger Angst. Entsprechend wollen wir uns weniger einschränken lassen wegen einer Gefahr, die ja jetzt doch nicht so gross zu sein scheint, wie man befürchtet hat.

 

3. Wir haben die bittere Erfahrung gemacht, dass Massnahmen gegen eine Gefahr, neue Risiken schaffen. Das ist keine neue Erkenntnis aber eine, die wir in der Idee, dass eine "absolute Sicherheit" erstrebenswert und erreichbar sei, immer wieder als Enttäuschung akzeptieren müssen.

 

4. Weil wir ein wenig hinzugelernt haben, können wir schwere Krankheitsverläufe besser behandeln und günstig beeinflussen. (Das ist aber wohl der kleinste Teil der Veränderungen seit der ersten pandemischen Welle)."

 

Warum haben wir andere Zahlen als im Frühjahr?

Weil man diese mit einer anderen Aufmerksamkeit und mit anderen Methoden und Mitteln erarbeiten würde. Denn im Frühjahr seien wegen der Knappheit der Tests Personen mit milden Symptomen nicht getestet und die leichten Fälle deshalb nicht erfasst worden.

 

"Wir haben sie auch nicht konsequent in Isolation geschickt und ihre Kontaktpersonen nicht in Quarantäne. Das führte zu einer anderen Ausbreitungsdynamik und zur Erfassung eines anderen Kollektives."

 

"Im Frühjahr blieben die Tests gewissermassen den Schwerkranken vorbehalten: Dann erfasst man eben auch überwiegend solche (wir erinnern uns alle an die Aufrufe der Epidemiologen, dass man unbedingt mehr testen müsse). Dass von den schliesslich erfassten Fällen viele ins Spital mussten und einige starben, ist nicht erstaunlich. Jetzt testen wir grosszügig, die milden Fälle werden erfasst, ihre Kontaktpersonen werden in Quarantäne geschickt und die Ausbreitung hat eine andere Dynamik. Offensichtlich resultiert sie in tieferer Hospitalisationsrate und weniger Sterblichkeit.", führt Dr. med. Thomas Bregenzer weiter aus.

 

"Gleiche" Zahlen würden nun eben etwas anderes bedeuten. Darum seien andere Massnahmen nötig, also kein neuer "lock down". Aber was denn? "Genau diese Frage muss man jetzt klären. Während man die Zahlen weiter genau beobachtet, muss man sich vortasten und herausfinden, was möglich ist, ohne die Krankheitsrisiken aber auch ohne die sozialen und wirtschaftlichen Risiken zu vergrössern. Wir können weder von den Politikern noch von den Wissenschaftlern fordern, dass sie genau wissen, was zu tun ist. Wir dürfen aber fordern, dass sie die Entscheidungen mit genau diesem Ziel - Risiken so klein wie möglich zu halten - sorgfältig abwägend fällen. Morgen werden wir aufgrund der Daten von heute wissen, was wir gestern hätten besser entscheiden können, nur um dann übermorgen aufgrund der Zahlen von morgen die Entscheidungen von heute korrigieren zu können. Oder anders: Morgen kann jeder sagen, wie das Wetter heute war. Das war gestern noch deutlich schwieriger.

 

Während also die einen sich ärgern und die Politik als verantwortungslos beschimpfen, weil Grossveranstaltungen wieder erlaubt werden, und andere sich ebenso stark ärgern, weil sie sich durch die Vorsichtsmassnahmen ihrer Freiheit beraubt fühlen, sind wir vermutlich auf diesem Mittelweg, den wir jetzt gehen müssen, immer bestrebt, schwere Schäden durch die Pandemie aber auch durch die einschränkenden Vorschriften zu vermeiden."

 

Jeder urteile selbstverständlich aus seinem Blickwinkel. Das sei auch gut so. "Nur wünschte ich mir, dass wir uns dessen bewusst sind: Wer mit einer Familie in einer 4-Zimmerwohnung lebt und die Herbstferien wegen der auferlegten Isolation oder Quarantäne in der Wohnung verbringen muss, wird unglaublich herausgefordert! Wer die Wochenenden mit Bergwanderungen verbringt, kann leicht fordern, dass die Partymeilen schliessen müssen, weil dort zu häufig Ausbrüche verursacht werden. Und wer selber nur eine leichte Erkältungskrankheit hatte, als er mit SARS-CoV-2 krank war, kann leicht anderen vorwerfen, sie seien neurotisch, wenn diese den unerwarteten Tod eines Angehörigen durch Covid-19 noch nicht verkraften können."

 

Wenn man also kritisiere, dass nur die Zahlen der neu diagnostizierten Fälle (häufig fälschlicherweise als "Neuansteckungen" bezeichnet) und damit ein unvollständiges Bild kommuniziert würden, sei diese Kritik nicht ganz unberechtigt. Allerdings sei es schwierig, differenziert aufzuzeigen, dass 1'334 Neudiagnosen am 7. Oktober nicht das gleiche bedeuten wie 1'308 Neudiagnosen am 23. März.

 

"Das ist eine Herausforderung für die Produzenten und die Konsumenten dieser Information. Umso mehr ist es wichtig, dass wir uns um diese Differenzierung immer wieder bemühen und den Unterschied erklären - nicht um die aktuelle Situation zu beschönigen, auch nicht um sie zu dramatisieren, sondern um sie möglichst realistisch einzuschätzen, mit dem Ziel die bestmöglichen Massnahmen abzuleiten - als Empfehlungen und Vorschriften durch die Behörden für uns alle aber auch eigenverantwortlich durch jeden Einzelnen von uns."

 

 

Weiteres zu Thema
- Unser 1. Beitrag vom 09.10.2020 

 

 

Beitrag ARD Extra: https://www.daserste.de/information/nachrichten-wetter/ard-extra/videosextern/ard-extra-die-corona-lage-344.html

 

Quellen:


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