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Covid-19 - In der Schweiz wird wieder entschieden, wer leben darf und wer sterben muss

Spital Sion, eines der bereits überlasteten Spitäler in der Schweiz.
Spital Sion, eines der bereits überlasteten Spitäler in der Schweiz.

DMZ – GESUNDHEIT / WISSEN ¦ Anton Aeberhard ¦

KOMMENTAR

 

Wie schon in der ersten Welle der Pandemie dürfte die Hälfte der Todesfälle auf Bewohner aus Altersheimen fallen. Einige stellen sich gegen eine Einweisung ins Spital. Im Wallis musste ein über 80-Jähriger mit Corona-Symptomen abgewiesen werden.

Eigentlich hätte das Spital Sion Platz für vier weitere Intensivbetten. Nur: Es fehlt das Personal.

 

Sicher eine der schwierigsten Fragen überhaupt - die Triage. Vom Moment, wenn nicht mehr genügend Platz und Personal da ist für alle behandlungsbedürftigen Patienten. Triage ist definiert als der Prozess, Notfallpatienten schnell einzuordnen, um die Priorität für die weitere Behandlung festzulegen. Für eine Notfallstation bedeutet dies, den richtigen Patienten den richtigen Ressourcen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zuzuführen. Oft sind es Pflegende, die den ersten Kontakt mit einem neu eintreffenden Patienten haben und die Dringlichkeit abschätzen, mit welcher der Patient versorgt werden muss. Triage durch Pflegende ist ein weltweit – zunehmend auch im deutschsprachigen Raum – verbreitetes Konzept und ein Schlüsselkonzept bei der Versorgung von Notfallpatienten. Den triagierenden Pflegenden/Ärzten stehen unterschiedliche Instrumente zur Ver­fügung. Der Vorteil eines Triagein­struments besteht darin, dass die Vorgehensweise standardisiert wird und Triageentscheidungen nachvollziehbar werden.

 

Triage in der aktuellen Krise

Triage bedeutet aber auch, Patienten wegen Platzmangels, abzuweisen. Im Wallis müssen die ersten Patienten abgewiesen werden. Ein über 80-Jähriger wurde mit schwersten Corona-Symptomen ins Kantonsspital Sion eingewiesen. Behandelt aber wurde er nicht mehr: "Normalerweise hätten wir diese Person aufgenommen, damit sie mindestens eine minimale Überlebenschance hat", sagt Bienvenido Sanchez gegenüber der NZZ am Sonntag. In der aktuellen Situation halte er die letzten Betten lieber für Fälle frei, für Fälle wo mehr Hoffnung bestehe. Dabei gäbe es eigentlich Raum für vier zusätzliche Intensivbetten. Doch das Spital kann diese Betten nicht in Betrieb nehmen, weil das Personal fehlt.

 

Wer erhält lebenserhaltende Massnahmen - und wer nicht?

In den ersten Kantonen sind die Spitäler am Anschlag. In Schwyz, Solothurn oder Freiburg liegt die Belegung schon jetzt über 90 Prozent. In Solothurn werden derzeit die Intensivpflegestationen aufgestockt. Am Freitag standen 15 Plätze zur Verfügung – 17 Personen hätten einen gebraucht. Überlastet war auch das System im Jura: Patienten wurden nach Basel verlegt. Bald schon stellt sich vielerorts die schwierigste Frage überhaupt. Wer erhält die letzten Plätze?

 

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat dazu Richtlinien erstellt. Als Kriterium ist unter anderem auch das Alter 85 aufgeführt. Was bereits für heftige Kritik gesorgt hat. Auf nächste Woche werden die Vorgaben jedoch revidiert, wie Experten bestätigen.

 

Spitäler versuchen, Patienten ins Altersheim zu verlegen

Atemnot. Viele Covid-Infizierte klagen darüber. Älteren Personen mache dies Angst, erklärt eine Expertin für Intensivmedizin. Mit Medikamenten könne man Patienten die Angst nehmen. Eine Heilung bringe das zwar nicht, aber eine Leidenslinderung. Der Tod würde allerdings unter Umständen billigend in Kauf genommen. Andererseits habe auch die künstliche Beatmung gravierende Folgen - je nach Vorerkrankung besteht auch hier ein hohes Risiko zu sterben.

 

Harte Realität

Die wahrscheinlich dramatischste, jedenfalls am unmittelbarsten erlebbare und in den Nachbarländern und im Tessin ja leider bereits auch erlebte Herausforderung der aktuellen Krise. In Situationen echter Knappheit – hier geht es vor allem um Beatmungsplätze – ist die Verteilungsentscheidung im Wortsinn existentiell. Mit dieser Entscheidung wird bestimmt, wer leben darf und wer sterben muss. Ein Horrorszenario, aber harte Realität. Wie viele Schicksale an einer solchen Entscheidung hängen, wird extrem unterschätzt, wie die Härte, die jemand erfährt, der dieses Los zieht. Eine Entscheidung, die im reichen Europa nicht getroffen werden müsste, hätte man das längst zu überholende Gesundheitssystem bereinigt und endlich auf die Bedürfnisse ausgerichtet und ausgebaut. Die Ignoranz und fehlende Empathie sind die Hauptsäulen dieser Fehlplanung, Profitgier und Egoismus, die Abbruchmaschinen, die diese Säulen zum Einsturz bringen. 

 

Prof. Dr. med. Paul R. Vogt sagt dazu: "Das Gesundheitswesen soll gerecht, funktionell und effizient sein. Es soll „ethisch“ sein und den Vorstellungen von „gut“ entsprechen. Das Primat im Gesundheitswesen besteht in den medizinischen Leistungen, welche zum Nutzen der Patienten erbracht werden. Das aktuelle Chaos in der zukünftigen Strategie für unser Gesundheitswesen basiert auf fundamentalen, krassen Fehlinterpretationen der Politik, der Ökonomie und der Gesellschaft als Ganzes, welche eine adäquate Reorganisation unseres Gesundheitswesens aus Eigennutz zum Schaden aller verhindern." (Auszug aus dem Manuskript 

"Zur Reform des Gesundheitswesens - Ein auf Ethik und Medizin basierendes Konzept" von Prof. Dr. med. Paul R. Vogt).

 

Die Corona-Pandemie hat uns die katastrophalen Konsequenzen der unterfinanzierten udn schlecht organisierten Pflegeversorgung in ganz Europa nochmals brennglasartig vor Augen geführt. Anfang des Jahres ereigneten sich in Europa die Hälfte der Coronavirus-Todesfälle in Pflegeheimen. Manchen Menschen wurde sogar die medizinische Hilfe verweigert und sie wurden damit ihrem Schicksal selbst überlassen. In Madrid kamen Krankenwagen gar nicht erst zu den Altersheimen und in vielen EU-Staaten wurden ältere Menschen Opfer von dieser Triage. Nun sind wir also erneut so weit. Das sind Zustände, die klar gegen die Menschenrechte verstossen und teilweise immer noch herrschen. 

Erklärtes gesellschaftliches Ziel sollte ist die Vermeidung des Dilemmas einer Triagierung von bedürftigen COVID19-Patienten bei der Vergabe von intensivmedizinischen Plätzen sein.


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Kommentare: 1
  • #1

    Franziska Hulliger (Montag, 02 November 2020 10:17)

    Das ist eine riesen Sauerei was jetzt da passiert. Wie kommen die Ärzte dazu über Menschenleben zu entscheiden? Das kann und darf nicht sein. Wo sind wir den da eigentlich. Da werden Spitäler zugemacht, gute Pflegekräfte ab alter 45+ entlassen nur aus einem Grund, weil angeblich das Spital nicht rendiert. Jetzt Jammert man im grossen Stiel man habe zu wenig Betten und kein Pflegepersonal mehr. Bitte holt das Pflegepersonal wieder zurück und macht die geschlossenen Spitäler wieder auf. Aber flott bitte. Es kann nicht sein, das man ältere Menschen einfach abweist und zum Tode verurteilt, obwohl sie noch gut 10 Jahre und länger leben könnten wenn ihnen geholfen würde.
    Franziska Hulliger