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Covid-19 - Wir tappen im Dunkeln - es scheint besser zu werden, aber vermutlich ist es nur weniger schlecht

DMZ – GESUNDHEIT / POLITIK ¦ Dirk Specht ¦

KOMMENTAR

 

Da heute Nachmittag Vorlesung ist, zugleich aber viele Jubelmeldungen über sinkende Zahlen die Runde in den Medien machen, ausnahmsweise mal Stakkato: Die Lage ist weiter diffus, die Welle ist definitiv höher als die Erste, eine Verlangsamung des Wachstums der Epidemie ist sicher erreicht, ob sie aber sinkt, ist mehr als fraglich. Die höchste Wahrscheinlichkeit ist ein zwar deutlich geringeres, aber unverändertes Wachstum.

 

Im Detail sieht man anhand der Charts, die ich hier nicht einzeln kommentiere, dass die Infektionszahlen wie in vielen Meldungen zitiert, nicht nur eine Kuppe, sondern ein beginnendes Absinken zeigen. Zugleich sehen wir aber, dass die anderen Indikatoren (CFR, Testpositive Quote, Tests pro positivem Fall) allenfalls eine erste Reaktion zeigen. Gar nicht gut ist die Tatsache, dass die Testmenge nun stagniert, weil die Kapazitäten begrenzt sind und die Teststrategie auf Patienten mit starken Symptomen konzentriert wurde.

 

Diese Indikatoren zeigen insgesamt, dass uns die Dunkelziffer entglitten ist, die Infektionszahlen also nicht mehr vergleichbar sind und wir mit der Infizierten-Kurve nun vorsichtig sein müssen. Immerhin zeigen die Indikatoren, dass es in der Tat irgendwann im Fenster vor zwei bis sechs Wochen einen Trendwechsel gegeben hat, dass der aber nicht sehr stark war bzw. noch nicht wirklich erkennbar ist. Wir tappen derzeit im Dunkeln bzw. in der Dunkelziffer!

 

Bei dem Indikator, der als letzter reagiert, den Sterbezahlen, sehen wir leider noch gar keine Reaktion. Die ist auch noch nicht zu erwarten, wir haben hier aber den Beleg, dass die Welle höher ist und dass der Kamm der Sterbezahlen leider auch noch nicht erreicht ist. Sofern es sich tatsächlich nur um eine Verlangsamung und nicht um eine Abbremsung handelt, wird dieser Kamm auch nicht kommen. Wir müssen im Gegenteil damit rechnen, dass die Sterbezahlen noch sehr lange weiter steigen, hoffentlich bald nicht mehr so schnell. Ein Absinken ist aus den übrigen Indikatoren insgesamt ersichtlich, aber keine Trendumkehr. Demnach werden die Sterbezahlen in ca. ein bis zwei Wochen zunächst mal allenfalls nicht mehr so rasch steigen, aber vorerst nicht sinken!

 

Zugleich zeigen die epidemiologischen Modelle in der Tat genau das, was ich hier abgeleitet hatte: Einen wesentlich steileren Anstieg der tatsächlichen Daten, als wir messen konnten. Diese Modelle sind wie oft zitiert sehr unterschiedlich und die für unsere Verhältnisse besseren arbeiten mit vier bis acht Wochen Latenz, die zeigen uns also gerade mal den Spätsommer an. Die aus meiner Sicht etwas zu spekulativen Modelle zeigen hingegen sogar an, dass es eine starke Ausweitung der Dunkelziffer gegeben hat und dass noch keinerlei Trendwechsel erreicht ist. Das ist für mich ein Warnsignal, welches zu der o.g. Einschätzung geführt hat, den Kontra-Indikatoren eher mehr Gewicht zu geben. Nicht mehr, nicht weniger - das ist derzeit so etwas wie eine Obergrenze, die aber so auch nicht stimmen dürfte.

 

Tatsächlich halte ich derzeit die Intensivbelegung für den besten Datenstrom überhaupt und das ist alles andere als eine positive Feststellung, denn es belegt den Kontrollverlust und das Versagen unserer Überwachungsstrategie. Die Intensivbelegung habe ich daher etwas genau untersucht und komme hier zu einem Bild, das die o.g. Einschätzung erneut stützt: Wir sehen in dem Chart der Tagesschwankungen seit Anfang Oktober, dass wir ca. vom 23. Oktober bis zum 07. November einen längeren Peak mit hohen Zuwachsraten täglich hatten. Danach ist es aber signifikant zurück gekommen auf ein Niveau von Anfang Oktober.

 

Da diese Daten jeweils durch Infektionen von ca. sieben Tagen vorher dominiert werden, lässt sich daraus folgendes vermuten: Es gab ab Anfang Oktober eine erste Reaktion der Gesellschaft auf die steigenden Zahlen. Die hat vermutlich die komplette Eskalation der Epidemie verhindert und diesen Peak auf hohen Niveau stabilisiert. Danach hat der Lockdown light das Wachstum reduziert.

 

Sehr ähnlich ist das im Frühjahr verlaufen, wobei der weitreichendere Lockdown und vermutlich auch die eher breitere Vorsicht der Bevölkerung, da niemand wusste, ob wir in Verhältnisse wie in Italien, Spanien und Frankreich geraten, hat ebenfalls geholfen. So ist im Frühjahr das Wachstum in eine Negativrate übergegangen, die Epidemie damit exponentiell zusammen gebrochen. Die Welle konnte also wirksam gebrochen werden und ist entsprechend schnell ausgelaufen.

Das sehe ich aktuell leider nicht. Das sieht nicht nach einem Wellenbrecher, sondern nach einer Verlangsamung aus. Allenfalls die Zahlen der Intensivstationen werden uns das zeigen. Die wachsen weiter exponentiell, hingegen nicht mehr auf dem extremen Niveau von Ende Oktober/Anfang November, sondern auf dem Level vom Anfang der zweiten Welle.

So lange dieses Wachstum nicht deutlich zurück geht und hier stabil negative Zahlen kommen, können wir nicht von einem Wellenbrecher ausgehen – die Infektionszahlen sind für die Bewertung nicht ausreichend.

 

Fazit: Eine präzise Analyse ist weiter unmöglich, weil wir unverändert einen Kontrollverlust bei der Testung haben. So lange die Intensivbelegungen weiter wachsen, ist keinerlei Wellenbrecher belegt. Allenfalls deutet sich eine Verlangsamung an. Erst mit Negativraten bei der Intensivbelegung können wir davon ausgehen, dass der Kamm der zweiten Welle erreicht ist. Ebenfalls erst dann werden wir bewerten können, wie rasch die Welle ausläuft.

Die Todeszahlen werden auch dann noch einige Zeit weiter steigen. Da ist ein Ende noch lange nicht in Sicht. Wir haben bereits im September die zweite Welle auf einem viel zu hohen Niveau begonnen und wir haben bereits im Oktober einen Schub erzeugt, den wir noch sehr lange spüren werden, von dem wir nicht mal wissen, ob wir ihn mit dem Lockdown light überhaupt stoppen können.

 

Die Ruhe des Sommers war trügerisch, wir haben seit Mai alles, aber auch wirklich alles falsch gemacht! Es wäre leider verkürzt, den Fehler jetzt im Herbst zu suchen. Das war absehbar und daher auch vermeidbar.

 

Wer wie Lindner, Streeck et al. nun unverändert nach anderen Wegen ruft, muss endlich die richtigen Antworten erhalten. Asien läuft uns schon genug den Rang ab, insbesondere Wirtschaftlich. Wir haben die Impfstoffe vor der Tür, es ist nun an der Zeit, endlich auch mal was richtig zu machen!!


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Kommentare: 2
  • #1

    Bernd (Mittwoch, 18 November 2020 20:02)

    Perfekt geschrieben!

  • #2

    Andrea Furrer (Freitag, 20 November 2020 11:55)

    Das ist wohl genau so. Danke.