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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Kannst Du zuhören?

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

In meiner neuen Kolumne geht es um das richtige Zuhören,

den tollen Podcast des «Hallo Tod» Festivals, das Krimi Hörspiel von Sunil Mann und Sibylle Baumanns Radiosendung «Scheherazades Schwestern».

Dann machen wir doch gleich mal einen Hörtest. Deinen Vor- und Nachnamen bitte. Deine Adresse, die Straße, laaangsam, so komme ich doch gar nicht nach. Kannst Du den Namen der Strasse buchstabieren?

 

Herzlichen Dank. Die Postleitzahl und den Wohnort hätte ich ebenfalls gerne. Wunderbar. Deine Telefonnummer, Deine Emailadresse und Deine Krankenkasse bitte nicht vergessen. So, dann wären die Formalitäten schon mal erledigt. Während ich mir zwei knutschblaue Handschuhe überstreife, kannst Du Dich ja schon mal auf die Pritsche legen. Werfen wir nun also einen Blick auf Deine Ohren. Ich mache dies auch wirklich nur von aussen. Also nichts wirklich im Ohr. Keine Angst, ich fange auf Deiner linken Seite an. Nicht erschrecken, einfach nur geradeaus kucken und bitte nicht bewegen. Wunderbar. So, hallo erstmal. Mein Name ist Alon. Mit der Betonung auf n. Nicht auf A. Also nicht AAAAlon. Sondern Alonnn. Zurück zu Deinem Ohr: Das sieht ja alles soweit in Ordnung aus. Ist gut. Andere Seite bitte. Wie gesagt, gaaanz entspannt. So. Ja, hier befindet sich ebenfalls ein Ohr. Das sieht ja wieder einmal aus. Das ist der Wahnsinn! Solch schöne Ohren habe ich selten gesehen. Fantastisch.

 

Sinn und Zweck dieses Hörtestes ist Deine Hörleistung zu überprüfen. D.h ob Du irgendwelche Schwächen hast. Schliesse bitte mal die Augen und achte auf die Geräusche in Deiner Umgebung. Was hörst Du? Was nimmst Du wahr? Und warum hast Du bis anhin nicht darauf reagiert? Du hast dies einfach ausgeblendet, stimmts? Aber wie geht das?

 

Hören geschieht im Gehirn. Das Gehirn trennt die wichtigen Töne von den störenden Geräuschen und kann sich beliebig fokussieren. Seine Fähigkeit Klänge und Sprache zu erkennen ermöglicht erst das Verstehen. Das Gehirn gibt den Klängen Sinn. Damit das Gehirn sich orientiert, Töne trennt, fokussiert und erkennt, setzt es ganz bestimmte Fähigkeiten ein: Es selektiert und kombiniert.

 

Wir hören jeweils mit unterschiedlicher Intensität und Qualität zu. Es gibt verschiedene Stufen des Zuhörens. Zum Beispiel Weghören der uns umgebenden Geräusche beim Lesen dieser Kolumne. Oder das Vortäuschen des Zuhörens, wenn wir in Gedanken woanders sind und beiläufig nicken und brummeln um dem Gegenüber, häufig am Telefon, vorzugaukeln wir würden auf sie oder ihn eingehen. Dann gibt es das Projizieren, d.h. das selektive Zuhören. Man hört nach wie vor nicht richtig zu, reagiert aber auf Schlagwörter. Fällt beispielsweise der Name «Sunil Mann», kommt einem der berühmte Kirimiautor in den Sinn. Um was es aber genau geht, darauf wird nicht geachtet. «Kürzen» ist auch so eine Taktik, um dem Anderen nicht richtig zuhören zu müssen. Man hört den Anfang des Satzes und zieht dann seine ganz eigenen Schlüsse. Den Anderen unterbrechen ist eine weitere Methode. Da muss man zwar 100% zuhören, aber nicht den ganzen Text zulassen. Wichtige Informationen werden so nie gehört...

Ganz anders gestaltet sich das aufmerksame Zuhören. Man ist konzentriert, nimmt das Gegenüber wahr und macht sich je nach dem sogar Notizen. Beim aktiven Zuhören wird nachgefragt und beigepflichtet. Und beim empathischen Zuhören lassen wir unser Mitgefühl spielen. Wir verstehen nicht nur was jemand fühlt, wir erleben dieses Gefühl auch mit. Dies ist die ideale Voraussetzung für ein Gespräch, kommt aber viel zu selten zur Anwendung. Anders verhält es sich dagegen, wenn wir nur zuhören. D.h. ausschliesslich zuhören. Wenn kein Gegenüber da ist. Beim Lauschen von Musik zum Beispiel. Oder beim Entdecken von Geschichten und Gesprächen in Podcasts.

 

So, nun kannst Du Deine Augen wieder öffnen. Denn Du musst jetzt diese Website besuchen: www.hallo-tod.com Dies ist die offizielle Website des «Hallo Tod» Festivals, dass Ende Mai 2021 in Zürich stattfindet. Und die haben einen eigenen Podcast. Den Tod & Leben Podcast https://www.hallo-tod.com/podcast, den man sich im Übrigen auch auf Spotify anhören kann. Darin interviewen Andrea Keller und Patrick Bolle, zwei der drei Festivalmacher, zahlreiche Zeitgenossen. Von Rachel Gotsman, einer Musiktherapeutin, die im Kinderspital Zürich mit Neugeborenen arbeitet, die wenig Überlebenschancen zeigen, über Jan Graber, der mit seiner Band auf Friedhöfen spielt bis zu Nadja Zela, Witwe, Musikern und Mutter zweier Kinder, die ihr neues Album, ein Requiem, ihrem verstorben Mann gewidmet hat.

Während Andreas helles und herzhaftes Lachen einen mit Leichtigkeit durch die schwere, tiefe und spannende Thematik trägt, bezirzt Patrick die Hörgänge mit einer Schonungslosigkeit, dass sich das Glas Whiskey neben dem iPhone schneller leert, als die Asche einer Urne über dem offenen Meer. Bei seinem Interview mit Nadia Zela musst ich weinen. Und dies, obwohl mir Nadia zunächst alles andere als einnehmend erschien. Sie klang seltsam abgeklärt, distanziert... Und je länger ich ihr lauschte, desto mehr schämte ich mich für meine Gefühle. Denn da sprach jemand die sich sichtlich Mühe gab, nicht an der Unfassbarkeit ihres Schicksals zu zerbrechen. Eine liebenswerte und vor allem auch warmherzige Frau. Eine Frau, die der grossen Liebe ihres Lebens auf grausamste Art und Weise beraubt wurde. Und ich Vollidiot machte mir doch tatsächlich Gedanken über ihre Sprechweise.

 

Ihre Stimme war ihr fast abhanden gekommen. Eine Stimme, die sie mit grösster Mühe aus den Tiefen ihres Seins zusammenkratzen musste...

«Greetings to Andromeda. Requiem.» nennt sich ihr Album. Arrangement, Chöre, Gitarre und ihre wunderbare, vielfältige Stimme, ja genau dieses Organ, nehmen Dich auf eine wunderbare Reise durch die psychodelischen Jahre der Rockmusik, von den 60ern, über die 70er bis heute, die Dir ein Loch in die Seele fressen wird.

Zu hören auf allen üblichen Kanälen.

 

Ganz anders zu- und her geht es beim Krimi Hörspiel von Sunil Mann. In vier Folgen schöpft er im Krimi Hörspiel Podcast von SRF aus einem reichhaltigen Repertoire skurrilster Figuren, wie nur er sie erschaffen kann. Sunil Mann Fans werden diese natürlich altbekannt sein. Tunten, Transen und Komparsen. Und dazwischen ein versoffener indischstämmiger Privatdetektiv, der die unglaublichsten Fälle zu lösen bekommt. Begleitet von seinem ehemals besten Freund, nun seine beste Freundin, einer Glucke von einer Helikopter Mutter, und seiner Lebensgefährtin, die sich zwischen den Beiden irgendwie behaupten muss, bilden diese drei Damen eine ganz und gar unheilige Trinität. Als Hörbuchfassung ist dies aber für uns alle neu. Blätterte man sich bis anhin die Finger wund und beklagte sich darüber, dass Manns Bücher soooo schnell durchgelesen waren (in der Regel haben sie 320 Seiten. Sie haben gar erstaunlich oft 320 Seiten. Genau 320 Seiten. Ich muss ihn hierzu mal zur Rede stellen und herausfinden was es damit genau auf sich hat.) birgt dieses Hörspiel nun eine ganz eigene Qualität. Auf Schweizerdeutsch gesprochen, wirkt es unmittelbarer und näher an den Schauplätzen. Insbesondere, wenn es um mir bekannte Kneipen an der Langstrasse geht. Besonders spannend ist das Ganze, wenn man sich vor Augen hält, das Sunil selber oft und gerne liest. Seinen Lesungen beizuwohnen ist immer ein besonderes Erlebnis.

Als mitreissende Variation dessen was man schon zu kennen glaubt, oder als Apéro Häppchen für Neueinsteiger, sind die vier Folgen von «Schattenschnitt» ganz hervorragende Begleiter zu einer gepflegten Flasche Gin.

 

Und dann gilt es noch diesen Geschichten Erzähl Kanal zu entdecken, ebenfalls auf Schweizerdeutsch: «Scheherazades Schwestern» nennt er sich und sendet jeden ersten Montag im Monat. Sibylle Baumann webt Geschichten, als ob der hierzu verwendete Garn auf der Strasse liegen würde. Sie braucht sich nicht einmal zu bücken, er fliegt ihr einfach zu.

 

Wenn sie ihre Stimme erhebt, dann will man ihr lauschen! Stundenlang! Sibylle Baumann ist gefühlt jede Geschichte die man je gehört hat. Und dann untermalt sie ihre Radio Sendungen erst noch mit französischen Chansons; beschwingtem Jazz und Musik aus den 50er Jahren. I’m loving it! Dank Ihr, habe ich Fatima Dunn entdeckt. https://www.youtube.com/watch?v=XJanmEsan8Y

Scheherazades Schwestern wird jeden ersten Montag im Monat um 21.00 - 22.00 Uhr auf Radio LoRa 97,5 MHz oder online www.lora.ch ausgestrahlt. Nachhören lassen sich die Sendungen auf Soundcloud: https://bit.ly/3nFz3BU

 

So, herzlichen Dank fürs Mitmachen. Du hast den Test mit Bravour bestanden. Nun kannst Du nach Hause gehen, Dich ausziehen, ins Bett oder aufs Sofa legen, zudecken und all den tollen Dingen lauschen.

 

Wir sehen uns in einer Woche wieder. Pass gut auf Dich auf. Dein - Alon


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