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Corona-Zeiten - Das ist Scheiße und heute darf ich "Scheiße" schreiben, wenn ich denke, dass es Scheiße ist.

Dirk Specht - Redaktor DMZ
Dirk Specht - Redaktor DMZ

DMZ – POLITIK ¦ Dirk Specht ¦

KOMMENTAR

 

„Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und mehrere Wissenschaftler fordern einen Strategiewechsel“ titelt die FAZ.

Wenn ich solche Beiträge lese, genieße ich meinen Vorruheunruhezustand und die damit verbundene Freiheit ganz besonders, denn: Das ist Scheiße und heute darf ich "Scheiße" schreiben, wenn ich denke, dass es Scheiße ist.

 

Die FAZ war meine letzte Station im Medienzirkus und bitte nicht falsch verstehen: Sie ist auch heute noch eine der besten Publikationen des Landes – auch wenn das hier halt Scheiße ist.

Es zeichnet die FAZ aus, dass viele führende – neben fürchterlich gerne endlich auch mal führend sein wollende – Politiker gerade in dieser Zeitung so etwas wie exklusive Aussagen von (erhoffter) Tragweite treffen.

 

Großes wurde hier getan, beispielsweise als die damals noch die Richtung suchende Frau Merkel sich und ihre Partei mit einem in der Sache glasklaren Beitrag in der FAZ vom Übervater Kohl löste.

Bis heute erhält die Redaktion regelmäßig Angebote von Führern sowie noch mehr von Möchtegernführern aus Politik und Wirtschaft. Aufgrund der Ökonomie der Medienmärkte ist so etwas natürlich für die Publikation sehr reizvoll – entsprechend macht „man“ Gebrauch davon.

Leider auch dann, wenn es Scheiße ist.

 

Zur „Sache“ – hatte ich den Begriff „Scheiße“ bereits ausreichend bemüht? – ist tatsächlich nicht viel zu sagen. Weder die zitierten Protagonisten, noch deren Aussagen sind irgendwie überraschend oder gar neu – aber offensichtlich zumindest für ein paar Tage „exklusiv“.

Lindner tritt erneut quasi als der Streeck der Politik auf. Während sein Wahl-Partner Laschet natürlich erstens das Pech hat, auch mal etwas entscheiden zu müssen und zweitens das verheerende Talent besitzt, immer mal wieder Weihnachtsmann-Reden zu schwingen, die schon an Selbstbeschädigung grenzen, ist Lindner smarter.

 

Seine Wohlfühlbotschaften bringt er sehr zielgruppengerecht an. Wenn er sich den Niederungen des von ihm gerne (mit)regierten Volkes zuwendet, spricht er – so im Frühjahr – vom wohlverdienten Urlaub. In breiteren Medien, beispielsweise in diversen Lanz-Sendungen, äußert er sich vor allem unterkomplex: So empfahl er das Aufstellen von Desinfektionsmitteln, um die Schließung von Fabriken zu vermeiden, das sei wirtschaftlich vertretbar (für Fabriken, die niemals geschlossen waren, Anmerkung der Redaktion).

 

Beim FAZ-Leser müssen die Begrifflichkeiten natürlich adaptiert werden. Auf dieser „Bühne“ kommen aus seiner Worthülsensprechblasenwundertüte in der Regel Seifenballons, die mit „Globalisierung“ und „Digitalisierung“ beginnen, irgendwelches „wirtschaftsliberale“ Grundsatzvokabular aus der Zeit des gelben Pullovers zitieren, um dann zu enden mit, hm, ja, irgendwie … nichts: Letztlich liefert er stets zuverlässig die wortreiche Reinkarnation von vollendeter Leere.

 

In Corona-Zeiten kommen aus dem inhaltsleeren Sprechautomaten an der Stelle Begriffe wie „Strategie“, gar „Langfriststrategie“ oder „Krisenstrategie“. Der Begriff wird von ihm jüngst so sehr (ab)genutzt, dass ich mich nicht wundern würde, wenn er versehentlich auch mal von einer Gummibärstrategie sprechen würde. Derzeit ist bei ihm ganz und gar alles nur noch "strategisch".

Besonders gefällt mir der Satz: „Die Bundesregierung müsse die Zeit nun anders als im Sommer dazu nutzen, um an einer Langfriststrategie zu arbeiten. Vor allem darf es nach dem Lösen der Notbremse nicht kurz danach wieder zum Stillstand kommen. Stop and go wäre verheerend.“

Der „Stratege“ Lindner empfiehlt nun also, nachdem unter seiner nicht unmaßgeblichen Mittäterschaft im lockeren Sommer genau gar nichts strategisches passiert ist, die daraus folgende Notsituation zu nutzen, um jetzt mal eine „Langfriststrategie“ zu entwickeln, deren Bedarf so ungefähr auf Dezember 2019 zurückzuführen ist, als zumindest informierte Kreise die Gefahr einer Pandemie erkannten?

 

Strategisch betrachtet finde ich Timing und Inhalt an der Stelle ziemlich untauglich. Gut, dass der Mann eben keine Verantwortung trägt und bei gerade voll laufenden Intensivstationen seinen Job darin sehen kann, leere Phrasen zu gebären. Da hat jemand aber ganz genau verstanden, wann man strategisch handelt und wann Krisenmanagement angesagt ist – hatte ich schon von Scheiße gesprochen?

 

Mehr muss man zu Lindner nicht sagen. Seinen wohlfeilen „Forderungen“ folgt wie immer genau gar nichts. So arbeiten Populisten nun mal. Was ihn von denen aus der braunen Ecke unterscheidet, ist der Verzicht auf so Schmuddelkram wie irgendwelche biologischen oder völkischen Feindbilder. Seine Sprache ist feiner, seine Aussagen sind korrekt, er sagt auch oft Dinge, die selbstverständlich richtig sind, er spricht viel und sagt nichts. Vermutlich wird das aber erneut schief gehen, denn die für Populismus besonders empfänglichen Zielgruppen werden inzwischen mit mehr „Würze“ anderweitig bedient.

 

Zur Klarstellung: Ich vermisse die FDP sehr. Die Linder-FDP wird hoffentlich verschwinden.

Nur kurz zu den als Beiwerk zitierten Wissenschaftlern: Der Virologe Stöhr blamiert sich mit dem Satz: „Wo ist der Mittelweg, der im Dreieck zwischen Wirtschaft, Gesundheit und Freiheit bleibt, und bei dem keiner dieser Bereiche vollständig auf der Strecke bleibt? Bei der Begrenzung der gesundheitlichen Auswirkungen spielt Deutschland ganz vorn mit. Gesundheitsökonomen fragen aber jetzt nach der Verhältnismäßigkeit.“

Nun, man sollte Herrn Stöhr vielleicht mal erklären, dass explizit die Suche nach einem Mittelweg der große Irrtum Deutschlands ist, weshalb die Feststellung, Deutschland spiele bei den gesundheitlichen Auswirkungen ganz vorne mit, erstens zu keiner Zeit stimmte und zweitens mit der Zeit immer dümmer daher kommt.

 

Der Virologe Schmidt-Chanasit wird hier mal wieder seine Aussagen zum Schutz von „über 70jährigen mit Vorerkrankungen“ los. Man darf ihn mit dieser Aussage nicht in die falsche Ecke stellen, er ist tatsächlich viel differenzierter, als die Medien ihn positionieren, aber er sollte vielleicht auch selbst mal aus der einen oder anderen Ecke heraus: Er unterschätzt die Folgen der Erkrankung für jeden, LongCovid wird immer deutlicher ein gesundheitliches und übrigens auch ökonomisches Risiko für die Gesamtbevölkerung - zudem ist es ein bei vor der Tür stehenden Impfstoffen kein akzeptables mehr!

 

Ferner sollte Schmidt-Chanasit sich deutlicher von Thesen und Diskussionen distanzieren, man könne zwischen gefährdeten und ungefährdeten Menschen irgendwie unterscheiden sowie daraus gar eine Strategie ableiten. Das hat nirgendwo funktioniert und dabei wird leider etwas grundsätzliches übersehen: So lange es nicht glasklare Kriterien gibt, wer gefährdet ist, wer ungefährdet ist und wie man erstere schützen kann, sind solche Forderungen vor allem eines: Ganz und gar unethisch!


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