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Deutschland - Es geht jetzt darum, die Katastrophe nicht fortzusetzen

Michael Kretschmer (Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Michael Kretschmer (Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

DMZ – POLITIK ¦ Dirk Specht ¦

KOMMENTAR

 

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer ist Synonym für die geistig/intellektuelle Latenz vieler Menschen, die oft nicht mal lernen, dass sie einer Entwicklung chronisch hinterherlaufen. Da er operative Verantwortung trägt, gilt das Hinterherlaufen leider auch für sein Land – und ebenso für dessen Leiden.

 

Kretschmer hatte bekanntlich die Frechheit, bei seiner reumütigen Selbsterkenntnis des unterschätzten Virus von „wir“ zu sprechen. Ein ehrliches „ich“ wäre glaubhafter gewesen und anschließend vielleicht die Suche nach weiteren Ignoranten in seinem Verantwortungsbereich. Das hätte möglicherweise zu einem qualifizierten „wir“ geführt – und zu Konsequenzen?

 

Nun sagte dieser Nachläufer in seiner letzten Ansprache zur nun „harten“ Durchsetzung „harter“ Maßnahmen, der Zusammenbruch des Gesundheitssystems sei nicht verhandelbar, daran müsse sich seine Bevölkerung orientieren.

 

Das zeigt weiter, wie sehr der Herr Ministerpräsident hinter der Entwicklung herdenkt, denn seine Verhandlungen hat er seit acht Monaten offensichtlich mit seiner Bevölkerung versucht, nicht aber mit einer biologisch/gesellschaftlichen Naturkatastrophe, die nicht verhandelbar ist.

Konsequenz: Die Kliniken seines Landes müssen als erste einräumen, dass sie Triage praktizieren – seine nicht Verhandelbarkeit ist also längst anderweitig abgehandelt worden. Das wird nun noch einige Wochen so weiter gehen, da kann der Ministerpräsident sein Denken – und Reden? – also weiter an die Entwicklung adaptieren. Wir dürfen gespannt sein, welche (Nach-)Erklärungen ihm nun einfallen. Sein Redenschreiber möchte ich derzeit nicht sein – wobei, eigentlich schon, aber er würde die Rede nicht halten, die ich ihm vorzuschlagen hätte.

 

Ich will Kretschmer aber nicht zu viel Aufmerksamkeit widmen, sondern nun versuchen, die Entwicklung nicht mehr von ganz hinten zu bewerten: Das RKI meldet für heute fast 1.000 Todesfälle und die dazu passenden Katastrophenmeldungen machen die Runde.

 

Das ist nun eher die hysterische Seite unseres Hinterherdenkens, denn wir haben zwar leider noch eine ganze Weile weiter steigender Zahlen vor uns und es wird auch nicht nur bei dem Drama in Sachsen bleiben, aber die wahre Katastrophe ist im Oktober passiert – und die liegt hinter uns. Wir spüren sie zwar gerade, aber der schlimmste Anstieg der Neuinfektionen liegt hinter uns und es gilt nun endlich, darauf zu achten, was die wahre Katastrophe ist: Die Infektionen - auch und gerade die der Jüngeren!! - müssen wir endlich als solche erkennen und nicht auf das Sterben warten, um dessen Ursachen nachträglich ständig zu bedauern.

 

Es wäre wirklich wichtig, den Menschen klar zu machen, dass in dem noch recht lauschig warmen und von vielen entspannten Signalen der Herren Streeck et al. begleiteten Oktober die Katastrophe stattgefunden hat. Das könnte unser aller Denken vielleicht mal schärfen und uns mahnen, zwischen der Erzeugung einer Katastrophe und ihren danach erkennbaren Auswirkungen zu unterscheiden. Ferner könnte es uns in die Lage versetzen, eben nicht in Panik zu verfallen, wenn wir den Fehler bereits begangen haben, sondern eine gesunde Angst zu entwickeln, die uns den notwendigen Respekt vor weiteren Fehlern lehrt!

 

Damit zu den Zahlen und dem Versuch einer Einordnung: Die Sterbezahl von heute umfasst Nachmeldungen. Eine Tageszahl ist bei unserem Datensalat ohnehin wenig wert, es geht um die Trends und die sind – ebenfalls wegen des Datensalats – nur noch sehr langfristig erkennbar.

Man kann zwar – und das tun einige andere freiwillige Analysten ganz hervorragend – mit mathematischer Analytik diese Datenkurven bewerten, aber bei instabilen Datengrundlagen ist das mit Vorsicht zu genießen. Ich nutze solche Methoden auch, habe das aber seit Anfang November nicht mehr zur Grundlage der Bewertungen genutzt und das ist auch leider immer noch nicht möglich.

 

Die Lage bleibt diffus, die Entwicklung der klinischen Daten – Belegungen der Intensivbetten und die Sterbefallzahlen – bestätigen den vermeintlichen Seitwärtstrend ab Anfang November immer noch nicht und daher dürfte meine Einschätzung leider richtig sein, dass es den nicht gegeben hat.

Tatsächlich wurde der extrem steile Anstieg im Oktober, mit in der Spitze einer Verdopplungsrate alle zehn Tage, lediglich verlangsamt – aber immerhin das ist passiert. In welchem Ausmaß, lässt sich leider immer noch nicht bestimmen, denn die Testdaten sind viel zu unklar, die Gesundheitsämter kommen nicht hinterher, die Infiziertendaten sind keine Grundlage für mathematische Feinanalysen – leider!

 

Um das zu verdeutlichen, findet sich anbei die Kurve der Neuinfektionen ausnahmsweise in linearer Darstellung: Man erkennt sehr deutlich, wie sehr diese angebliche Seitwärtsbewegung durch erratische Oszillationen der Zahlen geprägt ist. Dabei sind das bereits die statistisch enorm stark geglätteten 7-Tage Durchschnittswerte. Man sieht ferner, dass so ein Muster bisher zu keiner Zeit aufgetreten ist. Das ist ein unverkennbares statistisches Störsignal – diese Daten muss man sehr vorsichtig angehen und das bereits ohne Kenntnis der weiteren Rahmendaten wie eskalierende Positivquoten oder teilweise sinkende Testmengen, die immer noch nicht aktueller vorliegen und daher hier nicht dargestellt werden.

 

Im Chart ist die fast einen Monat währende Phase des statistischen Blindflugs markiert und die mit den Fragezeichen markierte Verbindungsline deutet den Korridor an, in dem die tatsächliche Entwicklung wohl stattgefunden hat. Bitte nicht falsch deuten: Linear war diese Entwicklung ganz sicher nicht, das ist dieser Prozess niemals, die Gerade könnte so etwas wie der Zentroid des tatsächlichen Geschehens sein.

 

Leider ist dieser Blindflug natürlich nicht beendet, insofern ist es bereits spekulativ, den aktuellen Höchststand der Meldedaten als Bezugspunkt zu nutzen. Unverändert müssen wir die mit einigen Wochen Latenz hinter den Infektionen herlaufenden klinischen Daten zur Orientierung nutzen.

Nehmen wir hier die Sterbefallzahlen als Grundlage, lässt sich abschätzen, dass Anfang November mit dem Lockdown light eine Wachstumsreduktion von in der Spitze einer Verdopplung alle 10 Tage auf einen Korridor von 20 bis 30 stattgefunden hat. Dies würde – sehr, sehr spekulativ! – darauf deuten, dass wir gegen Mitte Januar den Peak der bereits gezüchteten zweiten Welle zu erwarten haben.

 

Daran kann der heute in Kraft tretende sogenannte „harte“ Lockdown nichts mehr ändern. Wir können jetzt nur noch hoffen, dass es im November unter dem Radar der Testungen, die sich nur auf Personen mit Symptomen fokussierte, nicht zu einem eskalierenden Infektionsgeschehen bei den von den Herren Palmer et al. herzlich eingeladenen Jüngeren gekommen ist. Sollte das nämlich passiert sein, werden wir den Peak nicht mal Mitte Januar zu sehen bekommen und über seine Höhe müssen wir nicht spekulieren – das wäre nur Kaffeesatzleserei, überlasse ich seit März gerne anderen.

 

Was leider aber klar ist: Mindestens vier Wochen dürften die Zahlen in welcher Geschwindigkeit auch immer weiter steigen und bereits das bedeutet eine Überschreitung der Kapazitäten unserer Krankenhäuser in mehr Gebieten als in Sachsen. Im Chart anbei sind die Bundesländer markiert, die heute bereits bei nahezu 90% Auslastung liegen. Da Intensivstationen von Menschen unter höchstem Stress betrieben und von Menschen unter höchstem Leid „genutzt“ werden, darf man das nicht als Maschinenraum verstehen, der auch gerne mal eine Weile unter Höchstlast „gefahren“ werden darf. Ich behaupte mal, dass wir bei den Werten bereits weit über Sachsen hinaus Triage erleben – und das wird bis mindestens Mitte Januar zunehmen.

 

Das ist keine Panikmeldung, sondern der nüchterne Hinweis, dass wir im Oktober etwas ausgelöst haben, das uns an den Rand der Erschöpfung brachte und da wir es im November nicht verstanden haben, es zu stoppen, werden wir über den Rand der Erschöpfung laufen.

 

Um den Bogen zu dem Nachherdenker Kretschmer zu schließen: Wenn wir JETZT endlich mehrheitlich verstehen, dass wir im Oktober eine Katastrophe gezüchtet haben, dass wir die im November nur mit etwas geringerer Geschwindigkeit nochmals verschlimmert haben und dass wir JETZT damit bitte aufhören, kann es ab Mitte Januar besser werden - mit dem zusätzlichen Risiko, dass wir unsere Fehler in den letzten vier Wochen noch nicht kennen.

Wir sollten die Versäumnisse aus Oktober und November akzeptieren und uns an diesem Ziel orientieren. Debatten über „Zwischenlockerungen“ an Weihnachten oder gar Silvester sowie irgendwelchen Öffnungen ab dem 10. Januar sind gegenstandslos – bzw. sie sollten das endlich sein.

 

Es geht jetzt darum, die Katastrophe nicht fortzusetzen, sondern ihr Ende für Mitte Januar zu erreichen. Das kann uns gelingen, mehr ist bereits nicht möglich, das ist nicht verhandelbar!

Es sei denn - und das sollen die Kretschmers, Palmers, Laschets, Lindners, Streecks dann endlich ehrlich tun - wir wollen über den Zusammenbruch des Gesundheitssystems sowie über Triage als akzeptierte Maßnahme eben doch verhandeln? 


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