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Friedrich Nietzsche - Die ewige Wiederkehr des Gleichen, der Übermensch und der Wille zur Macht

DMZ – WISSEN / BILDUNG ¦ Matthias Walter ¦

 

Sils Maria 1881. Friedrich Nietzsche (1844-1900) wanderte um den See von Silvaplana - und erfuhr dabei eine unvergleichbar explosive Erleuchtung. Er wird es später in "Ecce homo" festhalten. "Man muß Jahrtausende zurückgehen", um eine derartige Inspiration zu entdecken, schrieb er. Nietzsche sagte, er hätte während seinen Wanderungen so viel weinen müssen (tanzte dabei und redete Wirres), dass sich seine Augen entzündet hätten.

 

Der große Philosoph war ergriffen von seinen neuen Gedanken und Einfällen. Im weltberühmten Werk "Zarathustra" wurde dieses neue Gedankengebäude breit ausgefächert.

 

Nietzsche kam - am besagten Tage - der Gedanke der "Ewigen Wiederkehr", der ihn so begeisterte, euphorisierte und zunächst auch etwas beängstigte. Jedoch gilt es als äußerst unwahrscheinlich, dass dieser Gedanke Nietzsche bis dahin gänzlich unbekannt gewesen ist. In der Philosophie und Religion ist das "Modell" der "Wiederkunft des Gleichen" sehr populär - man findet es sozusagen zu allen Zeiten.

 

Die Theorie ist nicht unumstritten. Und doch hat sie einen gewissen Glanz, der sich maßgeblich aus der Physik speist. Die "Rechnung" ist eigentlich eine ganz einfache: Im Universum ist die Menge der Materie bzw. Energie begrenzt, aber die Zeit ist unendlich. Und weil die Zeit unendlich ist, müssen sich alle Ereignisse im Universum schon mal ereignet haben, und sie werden in Zukunft unendlich oft wieder auftreten. "Die Welt der Kräfte erleidet keinen Stillstand: denn sonst wäre er erreicht worden, und die Uhr des Daseins stünde still. Die Welt der Kräfte kommt also nie in ein Gleichgewicht, sie hat nie einen Augenblick der Ruhe, ihre Kraft und ihre Bewegung sind gleich groß für jede Zeit. Welchen Zustand diese Welt auch nur erreichen kann, sie muß ihn erreicht haben und nicht einmal, sondern unzählige Male und wird ebenso wiederkehren, alle Kräfte genauso vertheilt, wie jetzt: und ebenso steht es mit dem Augenblick, der diesen gebar und mit dem, welcher das Kind des jetzigen ist. Mensch! Dein ganzes Leben wird wie eine Sanduhr immer wieder umgedreht werden und immer wieder auslaufen - eine große Minute Zeit dazwischen, bis alle Bedingungen, aus denen du geworden bist, im Kreislaufe der Welt, wieder zusammenkommen", schrieb Nietzsche in einer seiner Aufzeichnungen.

 

Der Energieerhaltungssatz in der Wissenschaft

Der "Energieerhaltungssatz" wurde als erstes - soweit bekannt - von dem Arzt Julius Robert Mayer, der als Materialist galt, aufgestellt und behauptet. Die Menge der elementaren Kraft im Universum bleibe gleich, nur qualitativ sei sie veränderlich. Es handele sich alles um Umwandlungen bezüglich der Energiekonstellationen. Mayer verknüpfte dies jedoch nicht mit der "Ewigen Wiederkehr". Es war für ihn - als naturwissenschaftlicher Forscher - ein Gesetz.

 

Die Rolle des "Übermenschen"

Nietzsche stand dieser Lehre zunächst gespalten gegenüber. Einerseits war er entzückt, andererseits war ihm bewusst, dass dies auch Entsetzliches und Grauenvolles beinhaltet. Das Leid überwiegt recht deutlich in der Welt, davon war auch Nietzsche überzeugt. Kriege, Krankheiten, Kummer, Elend, Hunger - wie würde man damit fertig werden können, wenn man wüsste, wenn man die absolute Gewissheit hätte, dass man dies auf ewig wieder erleben müsste? Die Menschheit wäre gefangen in einer Hölle - das hätte auch Nietzsche nicht einfach so abtun können. Eine Art Trost könnte jedoch sein, dass wir nicht abschließend wissen können, ob an dieser Lehre/Theorie wirklich etwas dran ist. Und außerdem ist unser Bewusstsein auch bei jedem "neuen" Leben wieder "resettet". Wir können uns an unsere früheren Leben schließlich nicht erinnern. Man fängt immer und immer wieder neu an.

 

Insgesamt sah Nietzsche die "Ewige Wiederkehr" - für sich - eher sinnstiftend und nützlich. Er wollte sich damit zum Helden machen - quasi einen Nutzen aus diesem Gedanken ziehen. Es gab ihn eine ganz neue Ausgangssituation, sein Leben neu zu gestalten. Was bleibt uns auch anderes übrig? Man wäre verdammt, das Beste aus seinem Leben zu machen. Und das tut man nicht, indem man den Kopf in den Sand steckt. Das würden nur die Schwachen und Kranken machen, meinte Nietzsche. Man ist in der Ewigkeit gefangen, es gibt keine Flucht aus der Zeit. Und bei jeder Tat soll man sich nun fragen: "...ist es so, dass ich es unzählige Male thun will?" Nietzsche formuliert hier einen neuen Imperativ: Du sollst die Augenblicke so leben, dass sie dir immer wiederkehren können, und zwar ohne Grauen!

 

Und hier kommt Nietzsches Übermensch ins Spiel. Der Übermensch hat die Lebenskraft, dies alles zu meistern. Für ihn ist es ein Kinderspiel. Der Übermensch ist lustvoll am Tanzen, er muss nicht nur ertragen, er wirkt schöpferisch. (Vor seinem geistigen Zusammenbruch tanzte Nietzsche angeblich nackt in seinem Zimmer.) Er ist am Gestalten - und will sich dabei steigern, nicht nur erhalten. Nietzsche liebt die, die "freien Geistes und freien Herzens" sind. Das Ziel soll die Höherbildung des ganzen Menschen sein, körperlich (biologistisch) wie geistig. Der Übermensch steht zu dem Menschen wie der Mensch zum Affen. Nietzsche spekulierte, dass der Mensch nicht das Ende der Evolutionskette sei. Es soll noch viel höhere Stufen in der Zukunft geben.

 

Der Übermensch ist für Nietzsches Begriffe alles andere als ein integeres Mauerblümchen. Er ist amoralisch und nicht selten unmenschlich. Er handelt nach seinen eigenen Gesetzen. Selbst Gräueltaten können vorkommen. Für christliche Moral kann hier kein Raum sein. Der Übermensch ist souverän, autark, ein "big player". Auch das "Böse" ist er bereit auszukosten - er geht seinen Trieben rücksichtslos nach, in gestaltender Art und Weise, nicht barbarisch.

 

Wie bereits angedeutet, hat der Übermensch auch einen gewichtigen biologistischen Teil, den ich hier nicht ausformulieren möchte. Nietzsche entwickelte dabei Vernichtungsfantasien, um alles "Entartete", "Parasitische" und "Missrathene" auszutilgen - er wollte den Menschen sozusagen hochzüchten, eben biologisch verbessern. Vergessen wir nicht: Nietzsche bezeichnete an Stellen das Christentum als Aufstand der Missratenen und er sah in der Moral ein Instrument der Schwachen, um die Starken zu bändigen und daran zu hindern, sich weiter- und fortzuentwickeln. Die Moral - ein Kampfmittel, und nichts weiter.

 

Der Tod Gottes

Wenn Gott tot ist, dann steht das Diesseits im Zentrum unserer Gedanken und Handlungen, kein Jenseits. Nietzsche war von Metaphysischem selten angetan. Der Übermensch verstrickt sich lustvoll im Diesseits, gestaltet, steigert sich - er braucht keinen Gott mehr, dieser ist ja ohnehin tot. Er findet den neuen Gott in sich, wenn man so will. Er projiziert nichts mehr auf einen "fernen" Gott. Er hält sich nicht mehr fest an den - imaginären - Hilfsgriffen der Metaphysik. Der Mensch investiert all seine Kräfte in sich und für sich - die totale Abwendung von Gott. "Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe" - die letzten Worte des ersten Zarathustras.

 

Nietzsche und der freie Wille

Sein großer "Lehrer" Schopenhauer und auch Kant lehrten, dass es in einer Welt der Ursache und Wirkung eigentlich keinen freien Willen geben könne. Nietzsche sah dies auch so. Dennoch bewerteten diese großen Philosophen Begebenheiten und Fälle so, als gäbe es einen freien Willen.

 

Eine sehr zentrale Frage wäre doch: Wenn es keinen freien Willen gibt, wenn alles - strikt - nach Ursache und Wirkung verläuft - wie kann ich denn dann aus eigenen Stücken heraus agieren, gestalten (!), mich selbst aus meinen Entscheidungen heraus weiterentwickeln? Die Menschheit wäre doch einem Weltlauf ausgeliefert. Und verknüpft man dies mit der "Lehre der ewigen Wiederkunft", dann muss man zu der Erkenntnis kommen, dass alles auf ewig - in allen möglichen, erdenklichen Kombinationen und Konstellationen - vor sich hintreibt. Ein nicht zu bremsender, determinierter Weltlauf, der ja eben schon festgelegt ist. Was nützen uns unsere "Pläne" (die keine sind) und Illusionen? Alles "plätschert" vor sich hin. Wir wären dem Schicksal ausgeliefert - es kehrt ja doch alles immer wieder, was nützen mir meine Visionen, es ist nichts zu machen. Dies wäre eine fatalistische Sichtweise, die einen - sofern die Überzeugung sich festgesetzt hätte - in den tiefsten Abgrund stürzen könnte.

 

Ohne einen freien Willen kann auch niemand die "Umwertung alle Werte" ("Antichrist") selbst durchführen und wollen können. Der "Wille zur Macht" über sich selbst - wie soll das funktionieren? Was soll die schöpferische Kraft im Innern des Menschen sein? Wäre sie nicht viel mehr etwas Schöpferisches der Natur - und somit keine Selbststeigerung? (Der Mensch als Teil der Natur, der nur ausführendes Element wäre, mit der Natur als Geschäftsführer. Hier liegt womöglich der Wille zur Macht.)

 

Finale Welterklärung?

Nietzsche schreibt dann im Sommer 1885 selbst nieder, was die Welt, das All, für ihn - wohl - ist: "(...) ein Ungeheuer von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs (...) Spiel von Kräften und Kraftwellen (...) hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd (...) ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend (...) Spiel der Widersprüche (...) diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens (...) dieß mein Jenseits von Gut und Böse, ohne Ziel (...) - wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Räthsel? (...) - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!"

 

Widersprüchliches bei Nietzsche

Es sei darauf hingewiesen, dass es bei Nietzsche extrem wichtig ist, zu beachten, wann er was geschrieben hat. Und man sollte stets im Hinterkopf behalten, dass sich dann zwangsläufig Widersprüche offenbaren. Aber auch unabhängig vom Zeitkontext: Der klassische Philologe und weltberühmte Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche gilt als widersprüchlich und - mitunter - gespalten.

 

Nietzsche wurde nicht alt - und brach, schleichend, geistig zusammen. Es wurde viel über eine Syphilis-Erkrankung gesprochen und spekuliert. In der Nietzsche-Forschung ist dies jedoch umstritten.


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