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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Fluchwörter

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Arschloch! Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der er es um Fluchwörter geht. Neue, alte, solche die Ihr noch nie gehört habt und warum wir sie bei Fremdsprachen oft zuerst lernen. 

 

Alle Menschen fluchen – und das ihr Leben lang. Dabei fluchen wir im Alter nicht etwa mehr oder weniger oft als Kinder oder Jugendliche. Was sich ändert, ist unsere Wahl der Schimpfwörter. Im Schnitt sind 03 bis 07 Prozent der Worte, die wir täglich nutzen Verwünschungen. Doch im Unterschied zu unserer restlichen Sprache können wir Schmähworte nicht so richtig kontrollieren. Denn das Fluchen ist nicht im Sprechareal des Gehirns, dem Broca-Zentrum, angesiedelt, sondern im sogenannten limbischen System. Das ist der Teil des Gehirns, der unsere Gefühle verarbeitet. Auch andere emotionale Reaktionen werden von hier aus gesteuert – wenn wir etwa

vor Schmerz aufschreien oder aus Lust oder Verzweiflung stöhnen. Wer flucht, entscheidet also nicht bewusst, sondern reagiert auf einen Impuls. Und baut damit Wut oder emotionalen Stress ab. Dass wir regelmässig verbal entgleisen, ist also leider – oder glücklicherweise - völlig normal.

 

Eine nicht repräsentative Umfrage bei 80 Leuten aus meinem Umfeld hat ergeben, dass dabei Frauen oft andere Beschimpfungen bevorzugen als Männer und «sich Luft zu verschaffen» doch eine sehr individuelle Angelegenheit ist. Bei der Frage: «welches sind Deine Lieblingsfluchwörter» sind ganze 82 Begriffe zusammengekommen. Dabei muss erwähnt werden, dass fast zwanzig Leute es bevorzugten mir ausweichend zu antworten, gar nicht, oder allen Ernstes mitzuteilen, dass sie nicht fluchen würden. Auch gaben sich gar manche Angefragten äusserst diplomatisch.

 

Gift und Galle spucken, vom Leder ziehen, wüten, fauchen und auf den Mond schiessen, ist für manchen nicht nur eine Frage des Stils, sondern scheinbar auch der Ehre und des guten Tones. Mann und Frau haben in den Vorstellungen dieser Menschen nicht zu fluchen. Und wenn, dann bitte ausgewählt und erhaben. Dies geht soweit, dass viele Leute im Laufe ihres Lebens hart an ihren diesbezüglichen Fähigkeiten arbeiten. Genauso wie Rapper. Einfach umgekehrt. Sie unterziehen sich einer selbstgewählten Resozialisation. (Ohne dabei andeuten zu wollen, dass sich Rapper asozialisieren) Dabei kann ein lustvoller Umgang mit Schimpfwörtern durchaus bereichernd sein. Auf dem Balkan, in Italien, in Ungarn, Polen, Russland, England und den USA wird diesbezüglich ganz herzhaft und durchaus liebevoll aus dem Vollen geschöpft. Sogar in Bayern haben sie das Fluchen zur Staatskunst erhoben. Nur bei uns, scheint man hiermit gar etwas prüde und hintlerwälderisch umzugehen. Denn wie sooft gilt bei uns vor allem eines: der Schein!

 

Nutzen wir also im Folgenden die Gelegenheit zu einem ordentlichen: Fuck it! Und kehren zu meiner Umfrage zurück. Was hat diese ergeben? Die von mir befragten Damen entgleisen am liebsten mit «Scheisse», «Shit» und «Fuck» in all ihren Variationen. Diese sind quasi die Louboutins der Schweizerischen Fluchwörter. Dicht gefolgt von Gopfverdammi und Arsch. Du Arsch, der Arsch, Arsch und Zwirn, Arsch mit Ohren, das Arschgesicht und... nein, noch nicht! Bei den Männern herrscht ganz klar die Passion zur käuflichen Liebe vor. Nutte, Hure, Huäre (in allen Sprachen und Dialekten) und alle vor – und unvorstellbaren Kombinationen hiervon. Weibliche Geschlechtsteile werden im Übrigen ebenfalls sehr geschätzt. Wobei... Wobei sich herausstellte, dass ich eine zweite Fragerunde einleiten musste, da mir die Antworten dann doch etwas zu zaghaft erschienen. Zu sehr klafften die Wortmeldungen auseinander. Meine eher direkteren Freunde gaben ganz anderes von sich als der Rest... Zudem hatte wohl der oder die Eine vergessen, dass ich auch schon neben ihm oder ihr im Auto sass.

Also verschickte ich folgendes: «Nutzt Du beim Fluchen Worte wie Arschloch, Wixer, Fotze oder Nutte?» Und siehe da, das gute alte Arschloch und der kleine adrette Wixer entweichen doch öfters der Seele geplagter Zeitgenossen als dies vordergründig zugegeben wird. Auch für die Fotze können sich so manche meiner Freunde und Freundinnen erwärmen. Nur die arme Nutte bleibt als einzige hauptsächlich von Männern umschwärmt.

Ganz erstaunlich ist aber folgende, weiter oben festgehaltene Erkenntnis: Fluchen funktioniert beinahe wie ein persönlicher Fingerabdruck. Denn fast jeder flucht anders. Nutzt andere Wortkombinationen, andere Reihenfolgen, oder zumindest fluchen einige sehr kreativ und individuell. Einige Beispiele gefällig?

 

Während regionalbedingte Worte wie Gigu, Tubu, Soumore, Tschutsch und Fetznschädl uns nicht weiter überraschen, also gut, den Tschutsch (Bündner Dialekt für Idiot) und den Fetznschädl (Tiroler Dialekt für Trottel) kannte ich bis anhin nicht, sind Wortkreationen wie «Usgsoffene Halblitter» (für einen jämmerlichen Typen), «Dummi Gottera» (Eine Idiotin), die preussische Hippiehure, der fettfrohe Topflappen und der hinkende Zeckenbiss doch ganz erlesene Delikatessen einer Kunst, die wir viel zu wenig pflegen.

 

Und auch die Englische Sprache hat weit mehr als Shit, Fuck, Bitch und Cunt zu bieten. Wanker, Bugger, Bollocks, Prick, Jerk, Twat, Fanny, Shite, Crap, Slut... werdet Ihr wohl alle noch kennen, aber wie steht es mit:

 

-A load of Wank (Ein Haufen Blödsinn)

-Fuck me sideways oder Fuck me running. (Übersetzung überflüssig)

-Knobhead (Schwanzkopf)

-Don’t get your knickers in a twist (Mach Dir mal nicht ins Hemd)

-Idle sod (fauler Sack)

-Slowcoach (Lahmarsch)

-Waggler (Waschlappen)

-Gobshite (Jemand der ständig Unsinn redet)

 

Hat Euch die Kolumne bis anhin gefallen? Gut, dann machen wir die nächste Woche gleich weiter. Denn zum Thema Fluchwörter fällt mir gar noch so manches ein. Zudem hat Netflix die Tage «Die Geschichte der Fluchwörter» veröffentlicht. Und was die können, kann ich schon lange: Serien. Und solltet Ihr das hier doch etwas zu profan und zu banal finden: leckt’s mich. 


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