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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Telefonieren

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Kann ich Dich anrufen? Es ist Neujahr und wir haben uns schon lange nicht mehr gehört. Geschweige denn gesehen. Magst Du Dich erinnern, wie wir stundenlang miteinander telefoniert haben? Früher. Vor ein paar Jahren. Damals, als sich noch alles anders ausnahm.

 

Als ich ein Kind war... Ach was, sogar als ich noch ein Teenager war, mussten wir uns ein Telefon teilen. Die ganze Familie. Denn wir hatten nur eines.

Ich mag mich gut an das Gerangel erinnern. An die kleinen Scharmützel, die wir austrugen um das Recht auf dem Spannteppich zu kleben und unendliche Gespräche führen zu dürfen. Unser Kabel, und ich spreche jetzt nicht von dem Gewundenen, dem Zapfenlockenartigen, dem typischen Spiralkabel des Telefonhörers, das man sich dann auch noch eine Zeitlang, modisch bedingt, als Schlüsselanhänger an die Jeans heftete - das eine Ende an einer Hosenschlaufe befestigt, das andere, dasjenige mit den Schlüsseln, in der vorderen Hosentasche versenkt - sondern das graue, dünne, lange, das Unscheinbare, das die Hartschale des Telefons mit der Steckdose verbindet, wies eine Länge von mindestens 8 Metern auf. So konnten wir es durch die ganze Wohnung ziehen. Meine Telefonate fanden auf dem Boden statt. Auf dem Boden meines Zimmers.

 

Mit der Zeit bildete sich in meinem Raum eine Mulde. Anfänglich waren nur leichte Verfärbungen auszumachen. Und sooft meine Mutter auch den Staubsauger, Teppichshampoo und stärkere Mittel einsetzte: die Schatten wurden dennoch immer dunkler. Vom hellen, griesfarbenen des Spannteppichs, wechselten die grossen, breiten Flecken allmählich ins Graue, Blaue und Dunkle hinein. Bald schon nahmen sie die Umrisse meines Körpers an... Und nicht nur das, die Senke lag im Schnitt drei Zentimeter unter der Oberfläche. Ich hatte meine eigene Telefonzelle gebaut!

 

Also gut, wir hatten keine Mulde... Wir hatten ein Bärenfell! Ein Cheminée und ein rotes Telefon, das sich auf einem Holzstapel befand. Jeder der telefonieren wollte, nahm das Telefon vom Stoß, legte sich auf das Fell und begann zu schnurren.
Nach einer Weile stellte meine Mutter eine Glocke auf den Kaminsims und ein silbernes Tablett. So konnte man sich Tee, Kaffee, Kakao und Kekse zum Kamin bringen lassen. Während ein Familienmitglied telefonierte, durften die anderen das Wohnzimmer nur betreten, um es zu bedienen.
Abweichungen von der Regel gab es lediglich, wenn einem der Rücken juckte. Anfänglich hatte mein Vater noch Borsten in der Wand eingelassen. Aber das heftige auf und ab störte den Redefluss. Also befestigten wir einen vier Meter langen Bambusstab an einer Gabel. Gekratzt wurde durch die Durchreiche aus der Küche. Der Kratzer musste sich zu diesem Zweck die Kopfhörer eines Walkmans anziehen. Damit er dem Gespräch nicht lauschen konnte. (Die Kassetten hierzu, waren mit Clawfinger, Lee Scratch Perry und Herbie Hancock bespielt) Kratzer wurde man immer für eine Woche. Entweder als Bestrafung, weil man Wettschulden hatte oder um sein Taschengeld aufzubessern.

 

Die Wahrheit ist: wir waren zu arm für ein Cheminée und wohnten in einem heruntergekommenen Mietshaus. Wir hatten nicht mal genügend Geld für ein Telefon. Was wir hatten, waren zwei Joghurtbecher die mit einer Kordel verbunden war. Wir lasen... aus dem Altpapier anderer Leute. Heimlich. In der Nacht sammelte es mein Vater jeweils ein. Wir waren so arm, wir hatten keine Heizung. Wenn es im Winter kalt wurde, mussten meine Eltern miteinander streiten um die Wohnung zu wärmen... Mein Vater hatte Löcher in den Kleidern, da sickerte sein Verstand durch.
Wir ernährten uns aus Büchsen. Das klapperte dann immer beim Essen. Vor allem am Ende des Monats. Als wir nur so taten, als ob wir essen würden. In Wahrheit stapelten wir einfach die leeren Büchsen in die Mitte des Tisches, füllten sie mit heißem Wasser und löffelten sie aus. Meine Mutter wusch nie ab. Denn sie wusste, dass wir uns am Ende des Monats über das bisschen Fett und die Essensreste in den Büchsen freuen würden

Wir hatten auch keine Bilder. An den Wänden hingen die unbezahlten Rechnungen der letzten Monate. Die Mahnungen und die Mahnungen, die auf den Mahnungen folgten. Fein säuberlich hatte sie mein Vater zu einer bunten Collage in Schwarz/Weiß zusammengestellt. Als Kinder liebten wir dieses Werk. Denn es wuchs und wuchs und wuchs... Und nahm ständig neue Formen an. Wenn man die Augen zusammenkniff, sah die Collage wie eine Wolke am Himmel aus, die sich mal als Elefant oder als Engel zu erkennen gab. 
Popmusik entdeckte ich erst mit zwölf. Denn davor hatten wir keinen Empfang. Die Skala des bis dahin von uns verwendeten Radios ging nur bis 98,5 UKW. Wir hörten Strauss, Händel und Bach. Dies entsprach auch der Familientradition. Während mein Vater den Kopf in den Sand steckte und meine Mutter händeringend versuchte, das Allernotwendigste aufzutreiben, ging alles den Bach hinunter... 
Kleider zirkulierten in unserer Familie wie in einer Leihbücherei. Während meine Mutter die alten Anzüge meines Vaters trug, zog ich ihre alten Gewänder an und überließ die Textilien aus denen ich herausgewachsen war meiner Schwester. Diese wiederum, nähte aus ihren alten Sachen die Unterwäsche meines Vaters. 
Wiesen diese zu viele Löcher auf, wickelten wir sie im Winter als Schuhe um unsere Füße. Im Sommer liefen wir Kinder Barfuß zur Schule...

 

Stimmt nicht? Alles gelogen? Alles nur ausgedacht? Wollt Ihr die Wahrheit hören?

Ich weiß gerade nicht was haarsträubender ist, die völlig frei erfundene Geschichte meiner Kindheit, der Umstand, dass seit zwei Monaten täglich 80 Menschen in der Schweiz an COVID 19 sterben, oder ein Teil der Bevölkerung verarmt! Denn von den fünf, sechs oder sieben verschiedenen Auffangseinrichtungen (ich habe die Übersicht verloren) sind die meisten im Zahlungsverzug. Ich selbst habe seit Mitte September Gelder von der SVA zugute, die bis anhin nicht überwiesen wurden. Jetzt stell Euch einmal vor, Ihr müsstet von diesen Einnahmen leben...  Die SVA hat bis anhin vier Monate Zahlungsverzug! (Ihr braucht Euch um mich keine Sorgen zu machen. Ich habe genügend Reserven)

Unser Staat versagt gerade auf eine ganz spektakuläre Art und Weise! Und dies nicht nur bei der finanziellen Unterstützung derjenigen, die dringend auf Gelder angewiesen wären. Er lässt ganze Berufsgruppen nicht arbeiten! Clubs, Konzerthallen, Messen, Sportanlässe, etc etc. sind seit bald 2 Monaten untersagt. Bars und Restaurants sind ebenfalls geschlossen. Gehen deshalb die Fallzahlen zurück? Nicht wirklich... Denn anstecken tun sich die Leute im Privaten. Da, wo niemand kontrolliert. Aber das wollen die Regierenden nicht wahrhaben!

 

Und dann fällt der Bundesrat nicht nachvollziehbare Entscheide: Kein Lockdown wie in allen Ländern um uns herum, dafür lässt er das Skifahren zu. Dies hatte zur Folge, dass 10 000 Engländer über Weihnachten in die Schweiz kamen. Just zu dem Zeitpunkt, als man eine gefährliche Mutation des Corona Virus in Großbritannien entdeckte. Also steckte man sie in Quarantäne. Nur: hat dies irgendwer überprüft? Hat irgendwer die Einhaltung der Quarantäne überprüft? Der Bund hat die Verantwortung den Kantonen übertragen und diese den Gemeinden. Und die waren überfordert. Heillos. In Verbier sind von 400 Engländern in Quarantäne 200 verschwunden. Und keiner weiß wohin... Sie könnten nun munter das neue Virus in der Schweizer Bevölkerung verbreiten... 

Und was meint der Bundesrat? «Man müsse die Situation ernst nehmen.» «Die neue Mutation sei eine Gefahr.» «Man müsse aufpassen.» Und eventuell, in zwei bis drei Wochen oder Monaten oder vielleicht Jahren handeln und neue Massnahmen erlassen.

 

Lieber Bundesrat, können wir telefonieren? Wenn Ihr ganz offensichtlich keine Lust habt Euren Job richtig zu machen, wäre es an der Zeit, einen neuen zu suchen.

 


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