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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Die Illustration Teil II

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Das richtige Bild am richtigen Ort! Herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner Kolumne über die Illustration. So abrupt wie es das letzte Mal endete, so unvermittelt geht es hier gleich weiter.

 

Letzte Woche haben wir uns mit der Begriffsbestimmung der Illustration und den ersten Bildfolgen der Kunstgeschichte befasst (Wandmalereien, Wandteppiche, bemalte Vasen, etc in der Antike und im Mittelalter). Dabei sind wir auf die Tatsache gestossen, dass die Illustration per Definition ein Massenprodukt ist. Denn ihr wichtigstes Merkmal ist ihre Reproduzierbarkeit. Somit sind die erwähnten Bildfolgen zwar ihre Vorgänger, unterscheiden sich von ihr aber in ihrer wichtigsten Eigenart.

 

Der Ursprung der Illustration liegt bei der Erfindung der Buchdruckerei. Der zweiten grossen Medienrevolution nach der Erfindung der Schrift. Und was glaubt Ihr, stellte Johannes Gutenbergs Maschine als erstes her? Eine lateinische Bibel! Die 42-zeilige sogenannte Gutenberg-Bibel, ganze 1282 Seiten stark. Welch Ironie des Schicksals... Hatte er mit seiner Erfindung gezeigt, wozu der menschliche Geist und die menschliche Erfindungskunst fähig waren, wurde sie als erstes dazu genutzt, festgefahrene Gesellschaftsstrukturen zu festigen. Nichtsdestotrotz gilt die Gutenberg-Bibel noch heute als eines der schönsten Erzeugnisse der Druckkunst, was vor allem auch daran liegt, dass sie nach über 500 Jahren noch aussieht wie zur Zeit ihrer Entstehung. Dies ist der Qualität des verwendeten Papiers bzw. Pergaments zu verdanken sowie der ausserordentlichen Sorgfalt beim Satz. Gutenbergs Drucktechnik war im Übrigen derart vollkommen, dass während fast fünfhundert Jahren nach ihr gearbeitet wurde. Nebst der Bibel wurden auch so erquickliche Dinge wie Ablassbriefe und Märtyrergeschichten gedruckt. Der Ablasshandel, im 15ten und 16ten Jahrhundert eine unermessliche Einnahmequelle der katholischen Kirche, versprach den Gläubigen den ganzen oder teilweisen Erlass ihrer Sünden. Und somit eine verminderte Anzahl an Lebensjahren im Purgatorium (der Vorhölle). Gegen eine stolze Summe, Sachdienstleistungen und/oder Frömmigkeit konnte man sich so zum Beispiel mehrere tausend Jahre Leid, Pein und Qual ersparen und direkt oder indirekt in den Himmel gelangen. Sollte man dabei gerade nicht vor Augen haben wie sich ein solcher Aufenthalt anfühlt, half einem der Besuch in der örtlichen Kirche gerne weiter. Denn da waren der Horror, die Grauen und Schrecken in all ihrer Pracht und Herrlichkeit in gar mannigfaltiger Weise auf Wand- und Altarbildern, in Fresken und den bunten Bleiglasfenstern dargestellt.

 

Ein äusserst wichtiges kulturgeschichtliches Ereignis bildet in diesem Zusammenhang daher die Reformation. Als Luther seine Bewegung auslöste, fand auch eine Wandlung der Druckereierzeugnisse statt. Seine 95 in Latein verfassten Thesen wurden nämlich sofort nachgedruckt, auf Deutsch übersetzt und innerhalb von 14 Tagen in ganz Deutschland verbreitet. Luther hatte somit nicht nur das erste virale Phänomen erschaffen, sondern das Bedürfnis nach Werken in lokaler und verständlicher Sprache in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmass gesteigert.

 

Seine Übersetzung des Neuen Testaments vom Lateinischen ins Deutsche fand somit auch reissenden Absatz. Der frühe Buchdruck machte nun eine Wandlung durch. Es waren nicht mehr die teuren, reich verzierten und aufwändig gestalteten Bücher in Latein für eine Elite die hauptsächlich produziert wurden, sondern Flugblätter, Traktate, Aufrufe und Kalenderblätter.

 

Die Verbreitung reformatorischen Gedankengutes wurde durch diese einfachen, nicht aufwändig hergestellten und in Deutsch gehaltenen Druckwerke vorangetrieben. Oftmals wurden in den Flyern der damaligen Zeit der Text auch fast vollständig durch Bilder ersetzt. Diese Bildsprache ermöglichte es dem Grossteil der Bevölkerung, der nach wie vor nicht lesen konnte, die Botschaft der Reformation zu verstehen. Die Illustration bekam so die Funktion, Wissen demokratisch zu verbreiten.

 

Im 18. Jahrhundert erfuhr die Buchillustration einen grossen Aufschwung. Denn zu dieser Zeit hatte sich das städtische Bürgertum vermehrt und die Leser wünschten sich nichts sehnlicheres, als dass Bilder ihren literarischen Genuss begleiten sollten. Dies ließ einen Berufszweig entstehen, der vielen Künstlern das finanzielle Überleben jenseits der Anstellung an Adelshöfen oder im Dienste der Kirche ermöglichte. Die Buchillustration brachte auch ganz großartige Kunstwerke hervor, die losgelöst vom Text als Radierungen, Drucke und Kalenderblätter funktionierte. Eine Renaissance der Buchillustration Ende des 19. Jahrhunderts führte überdies dazu, dass ausgehend von der Buchgestaltung ganz grundsätzlich über die handwerkliche Qualität und Ästhetik von Alltagsgegenständen nachgedacht wurde. Hier sind vor allem die «Art and Crafts» Bewegung in England, der »Jugendstil« und später die Stilrichtung des «Bauhaus» hervorzuheben.

Ein weiterer Bereich, mit der die Illustration eine lange und produktive Beziehung einging, ist derjenige zu den Naturwissenschaften. Die Erfindung des Buchdruckes machte es nämlich erstmals möglich, präzise Informationen zu verbreiten, die überprüfbar und damit verlässlich waren. Wissenschaftliche Texte, deren Inhalt nur mit Hilfe von eindeutigen Bildern vermittelt werden konnten, wurden von Illustrationen begleitet. Dazu zählten sowohl anatomische Zeichnungen, Abbildungen von Pflanzen und Tieren, Landkarten, als auch komplexe technische Beschreibungen. Weil sie so lebendig waren, halfen uns wissenschaftliche Illustrationen, sowohl die Natur als auch unseren Platz in der Welt zu verstehen. Oft war der Akt des Zeichnens selbst von grundlegender Bedeutung dafür, die Natur der Dinge überhaupt erst zu begreifen, um sie dann einordnen zu können.

 

Im Privaten lernt man Illustrationen spätestens dann zu schätzen, wenn man mit einer konfusen Anleitung von Ikea in der Hand hilflos vor dem neugekauften Schrank steht. Hier verhindern nur übersichtliche Zeichnungen den drohenden Wahnsinn.

Die Klarheit, die durch Abstraktion gewonnen wird, ermöglicht das Begreifen komplexer Inhalte. Beispielsweise kommen bei der Ausbildung von Medizinern immer noch Illustrationen zum Einsatz. Denn die schematischen, auf das Wesentliche reduzierten Abbildungen, führen zu besseren Lernerfolgen als entsprechende Fotos, die durch die Fülle an Details ablenken. Dabei zeigt sich: im Vergleich zu Text sind Illustrationen oder Zeichen unabhängig von Sprache, können also von einer grösseren Menge Menschen verstanden werden. Allerdings gibt es kulturelle Unterschiede und Grenzen, kaum ein Symbol oder eine Darstellung ist weltweit gleich verständlich.

 

Als um 1840 die Fotografie erfunden wurde, gab es auf einen Schlag eine Methode Illustrationen anzufertigen, die in der Lage zu sein schienen, die Natur originalgetreu und frei von menschlicher Interpretation wiederzugeben. Die Fotografie trat auf »im Namen der Wirklichkeit« und demonstrierte auf diese Weise «die Überlegenheit des technischen Blicks, über das menschliche Auge«. Der Siegeszug der Fotografie verdrängte die Illustration als eine Form der wissenschaftlichen Darstellung, oder schob sie zumindest in bestimmte Randgebiete.

 

Fotografie kann nach der traditionellen Definition zur Illustration gezählt werden. Niemand wird bezweifeln, dass ein Foto einen Text illustrieren kann. Trotzdem definiert sich Illustration heute in ihrer Selbstwahrnehmung gerade durch ihre Unterschiede zur Fotografie. Denn schlussendlich verweist Fotografie immer auf die Realität. Die besondere Qualität vieler zeitgenössischer Illustrationen kommt aber daher, dass sie sich vom Wahrheitsanspruch der Fotografie abheben. Ihnen geht es um etwas ganz anderes. Sie möchten unsere Aufmerksamkeit entweder bündeln und auf einen ganz bestimmten Sachverhalt oder dann ins Unermessliche d.h. in die Welt der Fantasie und der Illusion lenken.

 

Vieles spricht dafür, dass die Entscheidung bei der Wahl zwischen einem Foto und einer Illustration auch stark von der jeweiligen Mode der Zeit abhängt. In den fünfziger Jahren war Illustration gang und gäbe, später wurde sie als »angestaubt« empfunden und Fotografie als die moderne und zeitgemässe Bildsprache eingesetzt. Jetzt erscheint Illustration gerade wieder frisch und unkonventionell – vielleicht weil sich die Menschen sattgesehen haben an immergleichen, nichtssagenden und kühlen Fotos aus den Bildarchiven. Solche Trends sind je nach Kulturkreis verschieden, in den USA behielt die Illustration eigentlich immer ein höheres Ansehen.

 

Den Grund für die langanhaltende Vormachtstellung der Fotografie allein im Zeitgeist zu suchen, greift wohl dann wohl doch zu kurz. Die Ursache dürfte in der grundlegenden Wirkung der fotografischen Bilder liegen. Denn es scheint, dass wir einem Foto die grössere Glaubwürdigkeit attestieren – und dass, obwohl wir über die Möglichkeit der Bildbearbeitung und -manipulation Bescheid wissen. Nicht umsonst gibt es den Begriff des »Foto-Realismus« für besonders wirklichkeitsnahe Darstellungen in der Kunst. Während eine Zeichnung oder ein Gemälde auf den ersten Blick »Kunst« oder nur »künstlich« ist, glauben wir dem Foto die Abbildung einer Realität selbst dann, wenn der Inhalt unmöglich erscheint. Vielleicht liegt das am menschlichen Gehirn, vielleicht ist es kulturell verankert, auf jeden Fall ist es ein weit verbreitetes Vorurteil.

So meine Lieben, ich habe schon wieder viel mehr geschrieben als gedacht... Wir kommen wohl nicht darum herum, diesem Thema einen dritten Teil zu widmen. Die versprochene Playlist folgt dann nächste Woche. Die schönsten Songs aller Zeiten über Illustrationen, Künstler und Malerei.

 

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