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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Die Illustration Teil III

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Die Bilder in Deinem Kopf! Herzlich willkommen zum dritten und letzten Teil der Kolumnen Reihe über die Illustration, in der nun sogar gesungen wird. Freut Euch auf eine Playlist mit den 35 schönsten Songs aller Zeiten über Bilder, Künstler und Malerei.

 

Ihr kennt es vom Kino. Da habt Ihr ein sagenhaftes Buch gelesen und freut Euch unbändig auf dessen Verfilmung. Doch kaum sitzt Ihr bequem im Sessel, da fliesst ein Streifen an Euch vorbei, der so gar nicht mit dem übereinstimmt, was ihr Euch ausgemalt habt. Euer eigenes, inneres Bild, Eure eigene innere Geschichte will so gar nicht zu dem passen, was der Regisseur und die Kameramänner da auf die Leinwand gebannt haben.

 

Bilder und Vorstellungen von einer bestimmten Sache, die wir im Kopf haben und die für uns diesen Sachverhalt im wahrsten Sinne des Wortes abbilden, nennt man in der Psychologie und der Gehirnforschung: Repräsentanzen. Dies sind abgespeicherte Stellvertreter und Verhaltensmuster, damit wir uns im Leben zurechtfinden. So gibt es für jeden uns bekannten Gegenstand und für jede uns bekannte Handlung einen oder mehrere Repräsentanten in unserem Gehirn. Vom Stuhl, über den Tisch, die Küche, das Haus fürs Kochen, fürs Schreiben, fürs Küssen... Ihr habt es verstanden. Diese Repräsentanzen werden laufend ergänzt. So, dass jeder von uns sein eigenes Film- und Fotomuseum mit sich herumschleppt. Aber nicht nur wir selbst, sondern auch wir als Gesellschaft kennen gar manche Bilder und Ereignisse, die wir sowohl zeitlich als auch gegenständlich und geographisch ziemlich präzise einordnen können: Mickey Mouse, die Mona Lisa, Marilyn Monroe, Spiderman, Greta Thunberg, der Mauerfall, Bernie Sanders Handschuhe... Man nennt dies auch: das kollektive Gedächtnis.

 

Im Alltag der Nachrichtenagenturen, Verlage und Redaktionen spielt dieses Wissen um das kollektive Gedächtnis eine grosse Rolle. Hier wird entschieden, wie ein Text optimal bebildert wird und ob dies nach einer illustrativen oder fotografischen Lösung verlangt. Dies ist nicht ganz einfach. Denn jeder Mensch trägt eine ganz eigene Bildwelt mit sich herum. Geprägt von ganz individuellen Vorlieben und Büchern, Zeitungen, Illustrierten, Magazinen, Cartoons, Comics und Manga Bänden, LP und CD Covern, Kunstbüchern und Museen die man gelesen und besucht hat. Aber eigentlich ist es ja noch viel mehr: Jedes Plakat, jeder Flyer, jedes Schild und jedes bedruckte T-shirt hinterlassen einen visuellen Eindruck. Jede Fernsehsendung und jeder Film, die/den man je gesehen hat hinterlassen optische Abdrücke. Es ist sogar so, dass absolut jedes Produkt, das wir in den Händen halten designt wurde. Eine Heerschar von Graphikern, Designern und Marketingspezialisten hat für die visuelle Entwicklung jedes einzelnen Erzeugnisses hunderte, wenn nicht gar tausende Stunden investiert. Ein Besuch im lokalen Supermarkt ist deshalb nicht anders wie der Besuch in einem Zeitgenössischen Design Museum. Hunderte Artikel in tollen Verpackungen und leuchtenden Labels blinken uns da entgegen. Unsere Welt ist – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – von oben bis unten durchgestylt! Fast jeder Blick geht mit einer Entschlüsselung des Gesehenen einher...

 

Ein Sujet zu finden, das möglichst vielen Lesern eine befriedigende Verknüpfung ihrer individuellen Vorstellungen mit der Botschaft des Textes ermöglicht, ist da keine einfache Kunst. Im Zweifel entscheiden allerdings oft ganz profane Faktoren: der Preis und die Geschwindigkeit. Preislich sind die Unterschiede meistens nicht sehr groß. Beim Tempo hingegen sieht es da ganz anders aus. Wenn es um die Einhaltung knapper Zeitpläne geht, wird die Dringlichkeit immer siegen. Muss der Artikel in ein paar Stunden veröffentlicht werden, liegt der Griff dann auch auf die «seelenlosen» Foto- und Illustrationsdatenbanken nahe. Dies zum Horror aller freien Illustratoren. Und zu Lasten der Text-Bild-Beziehung. Will heissen, eines optimalen Resultates.

 

Wird ein Auftrag jedoch vergeben, können die Illustratoren die Aufgabe genauso schnell umsetzen wie ein Fotograf. Der Kunde muss sich jedoch bewusst sein, dass er hier die kreative Kontrolle jeweils ein stückweit ausser Hand gibt. Im Falle von RRRrrrr ist dies so, dass ich wie Ihr jede Woche aufs Neue überrascht werde, was denn Olivia Aloisi nun schon wieder mit meinem armen Gesicht anstellt. Selbstverständlich teile ich ihr im Vorfeld mit, was das Thema der Kolumne sein wird. Auch schlage ich ihr die eine oder andere Umsetzung vor. Was dann aber wirklich gemacht wird, liegt einzig und alleine bei ihr.

Der grosse Vorteil einer Illustration, im Vergleich zur dokumentarischen Fotografie, liegt darin, dass sie eine zusätzliche Informationsebene vermittelt. Denn durch die Stimmung, die sie hervorruft, hat sie die Fähigkeit, die Wahrnehmung und Wirkung gezielt zu beeinflussen. Eine Illustration hat immer eine stärkere emotionale Dimension als die reine Fotografie, welche meist als sachlicher und damit distanzierter empfunden wird. Diese »Menschlichkeit« der Illustration scheint heute wieder sehr gefragt. In Zeiten von Neoliberalismus und kaltem Konsumdenken ist es schon fast ein wenig ironisch, dass so viele große Konzerne ihre Produkte durch Illustrationen in ein warmes Licht zu rücken versuchen. Man denke da nur an Starbucks, Twitter, Snapchat, Pringles, die Red Bull Werbespots, Google mit seinen Animationsvideos zu besonderen Jahrestagen, etc. etc. Weil Illustrationen als ehrlich und authentisch gelten, können sie eine Marke emotional aufladen. Dies geschieht indirekt, auf einer unbewussten, sinnlich-abstrakten Ebene, welche von Fotos nicht so leicht erreicht wird.

 

Im kommerziellen Bereich ist die Aufmerksamkeit für das Produkt, nebst der erwähnten «emotionalen Dimension», natürlich einer der wichtigsten Gründe für die Verwendung von Illustrationen. Im Überfluss der Angebote sticht die individuelle Note einer Illustration hervor. Fotos findet man überall und dauernd – Illustrationen eher nicht. Außerdem hat jeder Illustrator seine eigene »Handschrift«, jede Illustration ist somit ein Unikat. Das gilt für Fotografien um einiges weniger, oder wird viel geringer wahrgenommen. Deshalb eignet sich die Verwendung der Illustration ideal als Alleinstellungsmerkmal und zur Definition einer Firmenidentität (Corporate Identity).

 

Ein weiterer Vorteil der Illustration liegt oft auch in der Abstraktion: eine Zeichnung kann verallgemeinern, z. B. einen Typ Mensch oder gar nur das Konzept »Mensch« darstellen. Der Betrachter erkennt sich leichter in einem Strichmännchen wieder, als in einem Foto, das eine bestimmte Person (also nicht ihn) zeigt. Hierin liegt laut dem US Amerikanischen Cartoon Künstler Scott McCloud übrigens der Schlüssel zum Erfolg der Comics.

 

Schließlich existieren viele Gebiete in der Wissenschaft und Technik, deren Themen sich gar nicht fotografisch erfassen lassen, sei es weil sie zu klein, zu groß oder gar unsichtbar sind. Könnten wir die Funktionsweise einer Zelle oder den Aufbau eines Atomkerns ohne erklärende Zeichnung begreifen?

Abschliessend gibt es noch drei Punkte die ich besonders hervorheben möchte: Eine Illustration kann man mit wenigen Strichen immer wieder neu und (etwas) anders aussehen lassen. Dies zur Unterhaltung des eigenen Publikums. Sie kann von Worten begleitet werden – muss aber nicht. Verzichtet man gezielt auf textliche Zusätze und bedient sich international etablierter Muster und Zeichen (viele davon geprägt durch die Welt der Comics), wird eine Illustration in den meisten Fällen universal verstanden. So lassen sich Sprachbarrieren geschickt umgehen. Überdies lassen sich Zeichnungen im überschaubaren finanziellen Rahmen animieren, wohingegen ein Film mit Darstellern, Sets, Kamerateam etc. wesentlich höhere Kosten verursacht. Gleichzeitig führt eine animierte Illustration die gleichartige Gestaltung (das Corporate Design) nahtlos fort.

 

Bevor es hier mit der Party weitergeht, möchte ich Euch noch einige Illustratoren ans Herz legen. Zuallererst die ganz wunderbare Olivia Aloisi, ohne die RRRrrrr höchstens ein Glückskeks ohne Biscuit wäre: illustra.ch/index.html, dann die tolle Fatima Vidal: www.instagram.com/_fatimavidal_/?hl=de und zuletzt die unvergleichliche und nicht minder grandiose www.brigitta-garcia-lopez.com.

 

Quellenangaben: mache ich in der Regel ja eigentlich nie. Denn zu vielfältig sind in der Regel all die Quellen, die ich jeweils für die Kolumne nutze. Bei der Illustration konnte ich aber sehr von Klemens Mayas Diplomarbeit profitieren, die er 2006 für die FH Augsburg anfertigte.

 

So und nun erhebt Euch bitte. Zieht Eure besten Kleider an, geht die Treppe hinunter und öffnet die Tür. Von da geht es auf die Strasse hinaus. Nehmt Euren Wagen oder doch viel eher die Strassenbahn. Wir fahren an den Paradeplatz, zum Münsterhof um genau zu sein. Dort betreten wir den Ballsaal des Zunfthauses zur Meisen.

Dies ist das Finale und das wollen wir gebührend feiern: Mit Gin, Champagner und Gebäck!

 

Ladys and Gentleman:

Here we go! All Killers - No Fillers! 

 

RRRrrrr proudly presents:

 

Die Ultimative Art Playlist!

Die 35 schönsten Songs aller Zeiten über Bilder, Künstler und Malerei.

 

Johann Strauss II, Walzer: Illustrationen

https://www.youtube.com/watch?v=hM_WC0ZlTms

Respighi: Three Botticelli pictures for Orchestra

https://www.youtube.com/watch?v=nRxORN5yAuw

Nat King Cole: Mona Lisa

https://www.youtube.com/watch?v=UmJVv1AG5go

Miles Davis: Venus de Milo

https://www.youtube.com/watch?v=1X6h2TxA18c

Don McLean: Vincent

https://www.youtube.com/watch?v=oxHnRfhDmrk

Juke Ross: Colour Me

https://www.youtube.com/watch?v=je559p7W92E

The Rolling Stones: Paint it Black

https://www.youtube.com/watch?v=O4irXQhgMqg

The Stranglers: Golden Brown

https://www.youtube.com/watch?v=z-GUjA67mdc

Black Lips: Modern Art

https://www.youtube.com/watch?v=5GDyfn1MUgE

Coldplay: Yellow

https://www.youtube.com/watch?v=yKNxeF4KMsY

Peter Bjorn and John: Blue Period Picasso

https://www.youtube.com/watch?v=62_8urLKdQ8

Greenday: Boulevard Of Broken Dreams

https://www.youtube.com/watch?v=Soa3gO7tL-c

The Paper Kites - Paint

Nat King Cole: Orange Colored Sky

https://www.youtube.com/watch?v=ad6EL-qTGl8

Dr Rubberfunk, Ben Castle: Canvas Cathedral

https://www.youtube.com/watch?v=6M4yndt3ggA

Ozyyymagiccc: Orange

https://www.youtube.com/watch?v=4_YtcVPJC98

Kölsch: Grey

https://www.youtube.com/watch?v=mVM8D0BQLyY

Kiiara: Gold

https://www.youtube.com/watch?v=sO9cBXRcBvo

The Paper Kites: Paint

https://www.youtube.com/watch?v=D7pB1IcnK3Q

Quantic: Painting Silhouettes

https://www.youtube.com/watch?v=DO2GA7oB3MU

Ill Biskits: Illustrations

https://www.youtube.com/watch?v=iGDdLBoSFWE

Paul Mccartney and Wings: Picasso’s Last Words

https://www.youtube.com/watch?v=9NobdV5Kxw8

Cory Wong feat Kimbra: Design

https://www.youtube.com/watch?v=n5Q0fDlHSZQ

Coldplay: Viva La Vida

https://www.youtube.com/watch?v=dvgZkm1xWPE

Lady Gaga: Applause

https://www.youtube.com/watch?v=pco91kroVgQ

The Lonely Island: Mona Lisa

https://www.youtube.com/watch?v=MoPDDgyHu6w

Michael Wyckoff: The Museum

https://www.youtube.com/watch?v=I0QyWlqfrtA

Madonna: Masterpiece

https://www.youtube.com/watch?v=nxDWBmlAT8A

Kid Cudi: By Design

https://www.youtube.com/watch?v=vrSmvjGV-ls

Tiesto, Stevie Appleton: Blue

https://www.youtube.com/watch?v=FIw508aafBA

GoldFish, Cat Dealers: Colours & Lights

https://www.youtube.com/watch?v=_VmZg2Fk3jg

Amaris – Blurred

https://www.youtube.com/watch?v=-sMpkeNv7p0

Lana Del Rey: Big Eyes

https://www.youtube.com/watch?v=Col9Av1ydS4

Mychael Danna, Rob Simonsen: ArtGallery

https://www.youtube.com/watch?v=ispxbMZFcuE

Lightcore: Canvas

https://www.youtube.com/watch?v=aYa-vHYVhDk

 

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