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«Fremde Kulturen sind eine Chance, kein Schock»

DMZ –  KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni ¦

 

Kibera ist einer der grössten Slums der Welt. Die Schweizerin Elena Holz machte sich auf, um das Kultur- und Alltagsleben zu erkunden und legt nun ein beeindruckendes Buch vor, in dem sie von Menschen und ihren Geschichten erzählt. Im Interview erklärt sie, was sie für sich mit nach Hause nahm.

 

Urs Heinz Aerni: Sie besuchten mehrere Monate lang den Slum Kibera bei Nairobi und sammelten nun Ihre Erlebnisse zwischen zwei Buchdeckeln. Sie sagen, dass es sich bei diesem Buch um eine «Gegendarstellung» handle. Wie dürfen wir das verstehen?

Elena Holz: Ziel des Buches ist es, hervorzuheben, dass in einem Slum trotz grosser Armut auch sehr viel Gutes gedeihen kann. Ich habe es satt, nur negative Zeilen über sogenannte „Entwicklungsländer“ zu lesen. Mir ist es wichtig, dass Menschen aus ökonomisch benachteiligten Orten der Welt nicht als hilfsbedürftige Opfer dargestellt werden, sondern als vielseitige Akteurinnen und Akteure.

Aerni: Also berichten Sie vor allem Positives?

Holz: Nicht nur. Die Herausforderungen habe ich nicht verschwiegen, weil meine Erzählung keine Romantisierung sein sollte. Stattdessen wollte ich die persönlichen Geschichten derer, die mir in Kibera begegnet sind, in den Fokus rücken.

Aerni: Sie lebten ganz nahe und mitten drin, bei Menschen, die dort zu Hause sind. Wie gingen Sie denn vor, zu den ersten Kontakten?

Holz: Durch eine Internetrecherche bin ich auf zwei lokale Kunstorganisationen gestossen. Diese durfte ich in ihrem Alltag begleiten. Obwohl mir viele davon abrieten, ohne eine internationale Organisation nach Kibera zu reisen, empfand ich eben das als einzigartige Möglichkeit.

Aerni: Als Schweizerin in einer aufgeräumten und überschaubaren Wohlstandsgesellschaft suchten Sie sichtlich den Kulturschock. Wieso?

Holz: Im kunterbunten Durcheinander fühle ich mich oft wohler als in der aufgeräumten Wohlstandsgesellschaft. Und in eine neue Kultur einzutauchen sehe ich nicht als Schock, sondern vielmehr als grosse Chance, um etwas zu lernen.

Aerni: Welche Rolle spielte Ihre Herkunft als junge weiße Frau in Kibera bei Menschen, die wohl nie reisen konnten oder gar werden?

Holz: Wie das auf die Menschen um mich herum gewirkt hat, habe ich mich auch oft gefragt. Für mich persönlich war es aufwühlend, auf einmal so stark mit der eigenen Hautfarbe konfrontiert zu werden. Diese Erfahrung hat Gedanken in mir ausgelöst, die mich auch zu Hause weiter beschäftigen.

Aerni: Die Lektüre zeigt, wie Sie auch Freundschaften schlossen, wie Bewohnerinnen und Bewohner von Kibera Ihnen ihr Zuhause zeigten. Wie sind Sie mit der Gratwanderung zwischen Staunen, vielleicht auch Befremdlichkeit und Respekt klargekommen?

Holz: Es fiel mir nicht leicht, mich mit der sozialen Ungleichheit zwischen mir und meinen neu gewonnen Freunden auseinanderzusetzen, weil ich diese als unfassbar ungerecht empfinde. Ich machte mir Sorgen, dass man mir meine Privilegien übelnehmen könnte oder man mir deswegen anders begegnete. Hingegen war es das Allerschönste für mich, zu sehen, wie oft es möglich war, diese Kluft zu überbrücken und auf einer anderen Ebene tiefen Respekt und Vertrauen aufzubauen.

Aerni: Das Buch vermittelt auch den Zugang zu einer energiegeladenen Gesellschaft mit Musik und Tanz zum Beispiel. Welche Rolle spielt denn Kultur in Kibera?

Holz: Bei den beiden Projekten, die ich kennenlernen durfte, steht Kultur im Mittelpunkt. Aktivitäten rund um Musik, Theater und Tanz sind zentral im Leben vieler Jugendlicher. Meiner Meinung nach sind sie ausschlaggebend für die Entwicklung des Selbstbewusstseins sowie für die Stärkung der Gemeinschaft.

Aerni: Auch eine Plattform für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen?

Holz: Kicas Leitspruch „Sanaa ni kioo cha jamii“ bedeutet auf Swahili „Kunst ist der Spiegel der Gesellschaft“. Wie mir erklärt wurde, ist damit gemeint, dass durch Theaterstücke, Lieder oder Tanzaufführungen Inhalte wie zum Beispiel der Umgang mit Drogen vermittelt werden. Kunst wird also auch als Bildungsmittel eingesetzt.

Aerni: Ihre Texte werden von Bildern aus dem Alltag in Kibera begleitet. Wie Sie sagten, werden kritische Themen wie die Rechte der Frauen, Hürden zur Bildung und der sich türmende Müll durch die Kunst und Kultur angesprochen. Gab es Umstände, die Sie persönlich zum Verzweifeln bringen?

Holz: Zur Verzweiflung bringen mich vor allem zwei Dinge: Erstens, zu sehen, dass an einem Ort wie Kibera so viele Träume nicht verwirklicht werden, weil es an finanziellen Mitteln fehlt, während einem anderswo auf der Welt die Ideen ausgehen, wie man sein Geld noch sinnloser ausgeben könnte. Und zu realisieren, dass mich das genauso betrifft wie alle anderen und ich tagtäglich meine Privilegien geniesse.

Aerni: Die Wahrnehmung aus der Sicht des Westens und Nordens dürfte Sie auch...

Holz: Ich ärgere ich mich stark über das Bild, das uns von Orten wie Kibera vermittelt wird. Wenn vom globalen Süden die Rede ist, geht es viel zu selten um beeindruckende Persönlichkeiten, Talent oder Innovation. Der Diskurs dreht sich um Elend, Korruption und gescheiterte Versuche, „die Armen zu retten“. Es ist mir ein grosses Anliegen, dieser Darstellung entgegenzuwirken.

Aerni: Sie möchten mit Ihrem Buch und Blog die Kunst- und Kulturschaffenden in Kibera unterstützen. Wie können das Interessierte am besten tun?

Holz: Auf YouTube gibt es grossartige Videos von und über Kiberas Kunstschaffende, zum Beispiel unter den Stichworten „Made in Kibera Production“ oder „Anno’s One Fine Day“. Warum nicht mal reinschauen und so ein Video teilen?

Aerni: Und abgesehen vom passiven Zusehen?

Holz: Für alle, die finanzielle Unterstützung leisten möchten, findet man die Adressen unter www.kiberacreativearts.org oder www.annosonefineday.org. Zudem geht von jedem bestellten Buch via meiner persönlichen Webseite ein Teil an Kibera.

Aerni: Das Buch liegt nun gedruckt auch in den Buchhandlungen. Liebäugeln Sie mit weiteren ähnlichen Abenteuern oder wie sehen Ihre Pläne aus?

Holz: Weiter schreiben will ich auf jeden Fall. Und auch wenn beim nächsten Mal ein anderes Format entsteht – vielleicht ein Roman? – war die Reise nach Kibera garantiert nicht mein letztes Abenteuer.

 

 

Die Luzerner Jungautorin Elena Holz studierte Soziologie an den Universitäten von Lausanne und Brüssel und International Development in den Niederlanden und in Mosambik. Die Reiselust und das Interesse an verschiedensten Kulturen entfachte sich während ihres Austauschjahres in Brasilien. Darauf folgten einige weitere Abenteuer, unter anderem in Kenia, wodurch mit 23 Jahren ihr erstes Buch Made in Kibera entstand.

 

 

Das Buch: «Made in Kibera» von Elena Holz, Bucher Verlag, ISBN 978-3-99018-557-5, 240 Seiten, Euro 18,-/CHF 21.90 – www.elenaholz.com


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