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Frauen werden auf ihre Plätze verwiesen

Dr. phil. Franziska Schutzbach (Foto: Anja Fonseka)
Dr. phil. Franziska Schutzbach (Foto: Anja Fonseka)

DMZ – GESELLSCHAFT / POLITIK ¦ Dr. phil. Franziska Schutzbach ¦

KOMMENTAR

 

Ronnie Grob, Chefredaktor des Schweizer Monat, hat ein Pamphlet der Misogynie auf dem Medienportal Nau.ch geschrieben. Seine These: Frauen verhindern, dass wir Wohlstand haben, dass die Corona Krise gut gemanagt wird; sie verhindern generell, dass ein Land vorankommt. Dies, weil sie von Natur aus passiv und ängstlich sind.

 

Man muss keine Gesetze brechen, um Hass zu schüren. Die Soziologin Franziska Schutzbach analysiert, wie verbale frauenfeindliche Gewalt funktioniert, ohne dass der Autor justiziable Formulierungen benutzt. Er wendet dabei eine klassische rhetorische Strategie an: Im Mäntelchen von Freiheitsidealen breitet er Frauenfeindlichkeit aus.

 

Eine kurze Analyse:

Grob beginnt mit der Aussage, dass er ja nicht alle Frauen und Männer in einen Topf werfen wolle. De facto beginnt hier schon sein misogynes Pamphlet, in dem er auffächert, selbst einige Frauen zu kennen, die total männliche Eigenschaften haben. Er beschreibt diese Frauen als „rückhaltlos mutig“. Sie steuern ja auch Kampfjets, springen von Klippen, bändigen Tiger; (im Text wird später klar, dass er diese Eigenschaften mit Männlichkeit und Freiheit gleichsetzt und sie somit hierarchisch als die besseren bestimmt).

 

Weiter schreibt er, auch einige Männer zu kennen, die sich weiblich verhalten (all diese Eigenschaften sind im Text als die „weniger wichtigen“ abgewertet): Männer, die ängstlich sind und sogar auf kleinen Strecken einen Schutzhelm tragen, die niemals jemandem widersprechen würden.

 

Danach stützt er sich auf Naturargumente, die er „Aufklärungsunterricht“ nennt, die aber genau genommen völlig ohne Fakten oder Wissenschaft auskommen. Grob behauptet, dass es in der Tierwelt (dazu zählt er auch Menschen) nur zwei Geschlechter gibt. Und die folgen einem Plan, welcher feststeht; und zwar für alle: Männchen machen immer den ersten Schritt bei der Fortpflanzung, sie sind die Mutigen, sie müssen etwas wagen. Weibchen verhalten sich passiv.

 

Hier zeigt sich der dogmatische Zugang von Ronnie Grob, der rhetorisch als „Freiheit“ verpackt ist, in Wahrheit aber meint: Wir leben alle gemäss einem Naturplan, einem einzigen, seit immer und ewig (er hätte auch „Gott“ schreiben können). Es gibt keine Geschichte, keine Kultur, keine Politik, keine Veränderungen. Alles lässt sich aus der Natur ableiten. Die Natur bestimmt auch darüber, wie wir sozial leben, aus der Natur geht auch hervor, was gut und was weniger gut ist (vorneweg: Männchen sind Grob zufolge besser, weil sie freiheitsliebend und waghalsig sind. Frauen verhindern das Wohl und die Freiheit der Menschen, da sie passiv und ängstlich sind).

 

Es ist einer der ältesten sexistischen Tricks: Frauen werden auf ihre Plätze verwiesen und dies wird als Argument für die Freiheit verkauft.

 

Dann kommen viele Zeilen dazu, dass Frauen in der Corona Krise zu Unrecht als gute Leaderinnen abgefeiert wurden. Frauen haben es nämlich Grob zufolge EIGENTLICH verpasst, die Krise richtig zu meistern, denn sie haben nicht an die Wirtschaft gedacht! Die Frauen checken es nicht mit der Ökonomie. Selbst, wenn es volksgesundheitlich passabel läuft (wie in Neuseeland), so vermasseln sie jetzt die Ökonomie mit ihrer Ängstlichkeit.

 

Ardern, Merkel vermasseln es, ja, vor allem Merkel. Die ist an allem schuld; als Frau, denn darum geht es ja in dem Text: Diese Politikerinnen, auch Natalie Rickli und Karin Keller-Sutter werden genannt, machen es falsch, WEIL SIE FRAUEN SIND.

 

Sie handeln nicht so wegen der politischen Umstände, wegen wissenschaftlicher Abwägungen, im Kontext von vielen anderen Problemen und Einflüssen, sondern sie handeln falsch, weil sie angeblich von Natur aus ängstliche und passive Frauen sind und weil sie (aufgrund ihres Geschlechts) nicht mutig sind und an Sicherheit statt an Freiheit orientiert sind.

 

Die Definition von Sexismus ist (verkürzt) „Abwertung von Personen aufgrund von Geschlecht“. Sexistischer und misogyner kann ein Text eigentlich nicht werden.

 

Aber er wird es: Wenn Kinder etwas Gefährliches tun wollen, ein Abenteuer planen, müssen sie gemäss Grob immer den Papa fragen. Der erlaubt es eher. Ist doch klar, Mutter ist schliesslich immer so eine „Helikopter-Mutter“. Grob überbietet sich selbst an sexistischen Stereotypen, auch Männern gegenüber, die manchmal Gefahren nicht gut einschätzen, weil sie qua Natur Draufgänger sind. Die Tatsache, dass dies manchmal leider in den Tod führen kann, hindert Grob nicht daran, diese Eigenschaften zu idealisieren und klar als die wichtigeren zu bewerten. („Freiheit ist ebenso wichtig. Ich würde sagen: wichtiger“).

 

Die männlichen Eigenschaften stehen für Freiheit und für den Wohlstand eines Landes. Mütter und Frauen stehen für ökonomisches Scheitern, für Gefängnis und Stillstand.

 

Ronnie Grob:

„Wer mit 8 etwas erfolgreich selbst plant und ausführt, wird mit 28 viel wahrscheinlicher eine Firma gründen und zum allgemeinen Wohlstand beitragen als jemand, der es mit 8 noch nicht draufhat, alleine die Strasse zu überqueren, weil ihn seine Helikopter-Mutter jeden Tag persönlich zur Schule bringt.“

 

Anders ausgedrückt: Mütter und Frauen verhindern, dass wir Wohlstand haben, dass die Corona Krise gut gemanagt wird, sie verhindern ganz generell, dass ein Land vorankommt.

 

Dies; weil sie Frauen sind.

 

@NAU.ch: Seid ihr sicher, dass ihr solchen frauenfeindlichen Positionen eine Bühne geben wollt?

 

Noch drei nachträglich eingefügte Punkte:

Erstens:

Wenn Ronnie Grob behauptet hätte, Juden oder Schwarze Menschen wären von Natur aus so oder so und deshalb wäre unser Land in Gefahr, dann gäbe das eine Klage. Gegen Sexismus kann man, so wie er hier von Grob vorgebracht wird, nicht klagen, weil das nicht in der Strafnorm enthalten ist. Aber die geistige Grundhaltung dahinter ist eben genau die (ähnlich, wie zu sagen: Juden SIND SO oder Ausländer SIND SO, von Natur aus): Es geht darum, die Gesellschaft als hierarchisiert, als von Natur aus hierarchisch gegliedert zu sehen (hier: Frauen unten, Männer oben).

 

Es ist wichtig zu verstehen, wie mit Hilfe von Frauenhass und Antifeminismus extrem reaktionäres Denken salonfähig gemacht wird, weil man genau das eben juristisch noch sagen darf: Dass Frauen von Natur aus so oder so ticken und deshalb weniger wert sind. Bei Rassismus darf man nicht mehr so explizit sein. Deshalb wird oft auf Misogynie und Antifeminismus rekurriert, um ganz grundlegende anti-egalitäre Geisteshaltungen in der Gesellschaft zu normalisieren und beliebt zu machen.

 

Zweitens:

Der Historiker Adrian Zimmermann hat vor einigen Jahren die reaktionäre Vergangenheit des Schweizer Monat recherchiert, von dem Ronnie Grob heute Chefredaktor ist (es gab Verbindungen und Zusammenarbeit mit Nationalsozialisten). Hier geht es zum Text von Zimmermann:

https://www.woz.ch/-1b53

 

Drittens:

Exponenten des Schweizer Monat sind derzeit auch aktiv in der Schweizer Corona-Verschwörungsbewegung „MASS-VOLL“. Mit direkten Kontakten zu Rechtsextremen, Christfundamentalisten („Marsch fürs Läbe“) und anderen Extremisten: Der Marketingverantwortliche und Onlineredaktor vom Schweizer Monat ist Nicolas Rimoldi. Er ist im Kernteam und Mit-Initiator von „MASS-VOLL“. Er ist neben FDP auch AUNS-Mitglied, verbreitet Falschinfos zur Pandemie und warb zu Beginn der Bewegung für die Gruppe aktiv auf Verschwörungskanälen.

 

Ferner Joyce Küng: Sie arbeitet seit 2021 beim Schweizer Monat und gehört ebenfalls zum Kernteam der MASS-VOLL-Bewegung. Sie verbreitet u.a. Verschwörungen (Illuminaten-Theorien), trifft sich mit Rechtsextremen und hat Nähe zu „Marsch fürs Läbe“-Akteuren.

Hier ist die Recherche von Basil Schöni: https://www.megafon.ch/aktuelles/sachliche-fassade-duenn-aufgetragen/?fbclid=IwAR1mvSnAxAPigqMdu9Lk3KkSki92QGm7vNWoxFRhXRmIiCJN3pn_uvHPrKw

 

 

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blogg von Franziska Schutzbach publiziert: https://franziskaschutzbach.wordpress.com/2021/04/06/frauen-werden-auf-ihre-platze-verwiesen/?fbclid=IwAR3YCRQGfl6lAf0SLbFD9k9xhkyjhJmWYUgPBDZePuMlAXA6WWmdoLQ1kT0

 

 

Franziska Schutzbach ist Soziologin, sie lehrt und forscht zu Rechtspopulismus, Geschlechterfragen, Sexismus und Misogynie. Zuletzt erschienen ist von ihr das Buch "Die Rhetorik der Rechten". Im Buch analysiert sie rechte Kommunikationsstrategien: https://www.xanthippe.ch/buch-details/die-rhetorik-der-rechten.html

 

Die Rhetorik der Rechten

Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick

Autorin/Autor: Franziska Schutzbach

 

Rechte Weltanschauungen haben Aufschwung. Das hat verschiedene Gründe. Einer ist, dass eine spezifische rechtspopulistische Rhetorik rechte bis rechtsextreme Weltanschauungen wieder gesellschaftsfähig gemacht hat. Diese Rhetorik baut unter anderem darauf, die Grenzen zwischen Konservatismus und rechtsnationalistischen Positionen zu verwischen und extreme Positionen unkenntlich zu machen. Dadurch werden diese mit der bürgerlichen Mitte kompatibel. Teile dieser Mitte haben sich radikalisiert, ohne dass es «rechts» wirkte. 

Der Aufschwung rechter Positionen ist also nicht nur ein Phänomen an den extremen Rändern der Gesellschaft. Er findet auch in der gesellschaftlichen Mitte statt. Und zwar aufgrund von gezielten Kommunikationsstrategien, die rechte und rechtsextreme Positionen als vernünftige Meinung inszenieren, als Ausdruck des sogenannt gesunden Menschenverstands. Ein zentrales Element rechter Rhetorik ist zum Beispiel der Antifeminismus. Rechtspopulisten treten als Freiheitskämpfer auf, die Frauen von angeblichen feministischen Zwängen befreien, und dabei auch Gleichstellung und demokratische Institutionen infrage stellen. Sie machen das Angebot, alles beim Alten zu belassen, und wehren Veränderungen ab. Franziska Schutzbach zeigt, wie Rechtspopulismus rhetorisch vorgeht, welche stilistischen, inhaltlichen und nicht zuletzt manipulativen Mittel benutzt werden. Basierend auf aktueller Forschung gibt das kleine Handbuch anhand zahlreicher Beispiele einen genauen, aber verständlichen Einblick in rechtspopulistische Diskursstrategien und bietet damit auch ein Instrument, sich gegen diese zur Wehr zu setzen.

Im Buch geht es nicht zuletzt auch um die Frage, was wir gegen rechtspopulistische Rhetorik tun können: Welche Gegenstrategien gibt es?

 

 

Neuerscheinungen:

Fork Burke, Myriam Diarra & Franziska Schutzbach (Hg.) (2020): I Will Be Different Every Time. Schwarze Frauen in Biel. Femmes Noires à Bienne. Black Women in Biel. Verlag die brotsuppe. http://diebrotsuppe.de/titel/i-will-be-different-every-time

 

Franziska Schutzbach (2020): Politiken der Generativität. Reproduktive Gesundheit, Bevölkerung und Geschlecht. Das Beispiel der Weltgesundheitsorganisation:

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5022-8/politiken-der-generativitaet/

 

Franziska Schutzbach (2019): Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick. Xanthippe Verlag: http://www.xanthippe.ch/buch-details/die-rhetorik-der-rechten.html

 

Franziska Schutzbach (2018): Dominante Männlichkeit und reaktionäre Weltanschuungen in der Pick-Up-Artist-Szene. In: Feministische Studien 2018, S. 305-321: https://www.degruyter.com/view/j/fs

 

Blog: https://franziskaschutzbach.wordpress.com/


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