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Warum wir in der Pflege da sind wo wir sind

DMZ – MEDIZIN / ARBEITSWELT ¦ Markus Golla ¦

KOMMENTAR

 

Pflege ist ein toller professioneller Beruf, der so viele Facetten besitzt, dass es unvorstellbar ist. Wir lernen drei Jahre lang die unterschiedlichsten Fächer und Sichtweisen, bauen Knowhow in den verschiedensten Bereichen auf, quälen uns wie viele andere Gesundheitsberufe im ersten Jahr mit über 100 Stunden Anatomie ab, schreiben in Modulen wie Pathologie & Pharmakologie zig Prüfungen und entwickeln im Bereich Ethik, Pflegerisches Handeln, Beratung, Pflegekompetenz und Pflegesettings eine klare und kritische Sichtweise, um alles zu erfassen und um das Bindeglied zwischen allen Gesundheitsberufen zu sein.

 

Durch die Akademisierung, die längst überfällig war, kamen wissenschaftliche Inhalte wie Pflegeforschung, Statistik und wissenschaftliches Arbeiten hinzu und es kamen neue Zukunftsoptionen hinzu. Die Ausbildung war schon in Diplomschulzeiten die eierlegende Wollmilchsau und nun ist sie die wissenschaftlich fundierte eierlegende Wollmilchsau.

 

Wer keine Matura hat kann mit einer Studienberechtigungsprüfung, Studienzulassungsprüfung oder Berufsreifeprüfung ins Studium einsteigen. Wer sich unsicher ist, ob dies der richtige Weg ist, kann vorsichtshalber als Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz ins Berufsleben einsteigen und bekommt zu einem späteren Zeitpunkt sogar etwas im Studium angerechnet. Jeder hat also die Möglichkeit, in den Pflegeberuf zu gehen. Man ist sogar in der Lage ein Doktorat in Pflege zu machen, dies haben die meisten anderen Gesundheitsberufe nicht. Ein Grund stolz zu sein, dass wir uns endlich dem internationalen Standard angeglichen haben.

 

Es gibt so viele Karrieremöglichkeiten, dass man sie kaum auf einen Zettel bringt und wenn man sich einen guten Arbeitgeber sucht, verdient man auch in der Relation zur österreichischen Bevölkerung gar nicht so schlecht. Ja natürlich könnte es trotzdem höher sein.

Eigentlich die besten Bedingungen um attraktiv für den Arbeitsmarkt zu sein.

Wir haben tolle innovative Pflegefachkräfte, die wirklich was am Kasten haben. Sie entwickeln ihre Fachexpertise und geben sie mit Begeisterung weiter, als ob es kein Morgen gäbe. Wenn sich die Personen auch noch die Praxisanleitung "antun", dann kann man eigentlich nur den roten Teppich ausrollen, weil sie dafür keine bis kaum Vergütung oder Zeit erhalten. Wir haben Führungskräfte, die sich für ihr Personal den Hintern aufreißen, nahezu rund um die Uhr im eigenen Haus sind und Schlachten auf Unternehmensebene führen, die absolut unvorstellbar sind.

 

UND DANN GIBT ES DIE ANDERE SEITE DER MEDAILLE!

Das System wurde zu Tode optimiert und rationalisiert, dass bei Krankenständen oder unvorhergesehenen Dingen zu wenig Personal da ist und jemand einspringen muss. Man brauchte bei Pandemiestart eine gefühlte Ewigkeit, um genügend Schutzmaterial aufzutreiben, da das Bestellwesen auf eine Lieferverzögerung und einen massiven Nutzungsanstieg nicht ausgerichtet war. In jeder anderen Branche wäre dies ein No-Go oder haben sie schon einmal einen Pizzabäcker erlebt, der um 20 Uhr in der Pizzaria ausruft "Heute nur noch Nudeln, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass mehr Gäste kommen." Nun pfeifen wir aus allen Löchern und sprechen von einem Pflexit.

 

Doch zuerst sollten wir uns in der Berufsgruppe an der Nase fassen. Die Ausbildung befähigt uns Verantwortung zu übernehmen, doch gut die Hälfte des Berufsstandes will das gar nicht. Ich erinnere mich an eine Umfrage im Krankenhaus, als es darum ging die Blutabnahme zu übernehmen. Mehr als die Hälfte des diplomierten Pflegepersonals gab damals an, lieber die Nachtkästchen zu putzen, als eine Blutbabnahme übernehmen zu wollen. Haben wir dafür 3 Jahre lang diesen Fächerkanon "überlebt" (Egal ob Diplomschule oder Studium). Als die Akademisierung kam, wurde (und wird) auf den studierenden Nachwuchs gehackt:" Die wollen doch gar nicht mit PatientInnen arbeiten." Komischerweise erlebe ich vielleicht 1 Studierenden von 100 so und ich bin mir sicher, es ist auch auf den anderen FHs so. Ich erinnere mich an eine Kollegin in der Diplomschule, die in der Vorstellungsrunde "Warum will ich in die Pflege", sagte, "Ich will einen Arzt heiraten." Es gab also auch schon in der Diplomschule eigenartige Menschen. Dann kam die Pflegefachassistenz und nun sind die auch die Bösen. Wollen wir also Nachwuchs oder wollen wir ihn nicht? Halt! Stimmt, wir wollen sie, aber bitte angepasst, wie wir sie wollen. Bitte nicht unbequem und bitte nicht mit eigenen Wünschen zum Leben. WIR wollen natürlich eine Work/Life Balance, aber wenn es die Jungen bereits im Einstellungsgespräch fordern, dann sind wir entsetzt. Wie können die es wagen, wir haben das auch nicht gemacht.

 

Über das Kapitel "Führungspersonen" und "Führungskompetenzen" mag ich erst gar nicht viel schreiben. Da gibt es Menschen, bei denen ich mir nur denke "Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du eine Führungskraft werden sollst." Das Gleiche gibt es natürlich auch bei uns lehrenden Personen. Da hat eine Dosis "Dornicum" mehr Spannung, als so mancher Unterricht und wenn dann praktische Unterrichte von Personen gelehrt werden, die seit 20 Jahren keinen Patienten mehr in echt gesehen haben, kommt einem eher das Weinen.

 

DOCH NUN WIEDER ZURÜCK ZU DEN ANDEREN...

Wie kann es eigentlich gesetzlich sein, dass wir mit dem Studium eine Bewertung von Studien machen dürfen, um hier auch zu Publizieren, mit der Ausbildung auch in der Lage sind, eine Covid19 Studie zu lesen, zu bewerten und zu kommentieren, wir aber im Krankenhaus beim Blutdruckmessen nicht sagen dürfen, dass der Patient eine Hypertonie hat, weil es eine Diagnosestellung ist, die nur der Arzt von sich geben darf? Wie kann es sein, dass wir als InkontinenzexpertInnen (mit Ausbildung) die Produkte beratenderweise festlegen, wir dazu aber den Arzt brauchen, der es absegnet, weil wir es nicht verrechnen können. Warum muss man als Fachkraft um 2 Uhr in der Früh den Arzt anrufen, weil der Patient ein Schmerzmittel braucht, da er Kopfweh hat und sich jeder Bürger in einer solchen Situation einfach ein Mexalen oder ein Parkemed einpfeifen würde, ohne irgendjemanden zu konsultieren. Da könnte man gleich Pharmakologie aus den Ausbildungen werfen, weil jeder die Nummer vom lieben Onkel Doktor besitzt. Die Antwort liegt in der Gesetzgebung und hier mischt die Ärztekammer mit. Warum kann das die Ärztekammer eigentlich? Auch hier erinnere ich mich an das Beispiel, dass sich die Ärzte in ihr Gesetz hineingeschrieben haben, dass Krankenhäuser nur Medizinstudierende bekommen, wenn die Pflege mit an der Ausbildung mitwirkt. Und was wäre gewesen, wenn die Pflege gesagt hätte "Dann haben die Krankenhäuser halt keinen Nachwuchs." Und zu guter Letzt: Warum wird eigentlich im Krankenhaus mit den LKF Punkten rein über die medizinischen Diagnosen abgerechnet, wenn den meisten Zeitaufwand pro Patient die Pflege abarbeitet?

Ich könnte hier noch 1000 Geschichten aus der berufspolitischen Szene schreiben, mich weiterhin darüber ärgern und warten, dass endlich was passiert. Aber das ist nicht meine Art.

 

FAKT IST...

Wir sind eine hochausgebildete Berufsgruppe, egal ob Krankenpflegeschule oder Fachhochschule. Wir sind die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesen. Wir sind professionell und haben so viel zu bieten, so viel Expertise und die Möglichkeiten etwas zu verändern, sind unvorstellbar. Nur wird uns keiner Veränderung bringen, es wird auch keiner diese alten nekrotischen Strukturen für uns abtragen und es spricht auch keiner für uns, mit einer Kraft und Schnelligkeit, dass es etwas bewegt. Wenn der Kollateralschaden hoch genug ist, wird man uns zuhören. Dann können wir weiter jammern, wie schlecht es uns geht oder wir arbeiten an der Veränderung.

PFLEGE IST DER GENIALSTE BERUF DEN ICH KENNE!
Wir brauchen GAMECHANGER! Wir brauchen PFLEGECHANGER!

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