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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Impressionismus Teil II

Alon Renner (Potrait von Cindy Heller)
Alon Renner (Potrait von Cindy Heller)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Daydance! Und warum die Impressionisten die Clubs, Cafés und Tanzveranstaltungen ihrer Zeit malten. Herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner Kolumne über den Impressionismus. Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts war Paris die modernste Stadt der Welt. Die führende Kultur und das intellektuelle Zentrum, die Geburtsstädte der Avantgarde und die Welthauptstadt des Vergnügens. Als Belle Epoque (ca 1880 – 1914) bezeichnet man im Nachhinein die Zeit zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und dem ersten Weltkrieg. Und selbstverständlich im Nachhinein. Epochen, also Zeitabschnitte in der Geschichte, werden immer erst im Nachhinein festgelegt. Von denjenigen, die wehmütig, voller Freude, Schadenfreude oder Kummer zurückblicken. Die Belle Epoque also, war eine Zeit der geistigen, wirtschaftlichen und kulturellen Hochblüte. Und der Impressionismus war, zumindest was die Malerei anbelangt, aber auch weit darüber hinaus, zum wichtigsten Katalysator der modernen Kunst geworden.

Bevor wir in die Zeit vor 1880 zurückblenden und uns den Anfängen und der Entwicklung des Impressionismus widmen, möchte ich gerne auf einige doch sehr beeindruckende Fakten aufmerksam machen, die erklären, wie in nur 40 Jahren das Fundament für die wichtigsten Strömungen der Zeitgenössischen Kunst gelegt wurden. Der Jugendstil, der Fauvismus, der Kubismus, die Abstraktion, der Futurismus und der Expressionismus kamen in dieser Zeit auf und beeinflussten die nachfolgenden Stilrichtungen massiv.

 

Noch vor der Belle Epoque entstanden in den 30er, 40er und 50er Jahren die ersten Warenhäuser der Welt (Harrods in London und Printemps, Les Grand Magasins Du Louvre, usw in Paris). Le Bon Marché aber, das erste Warenhaus der Geschichte, war die grösste und spektakulärste Shopping Mall seiner Zeit. Die Mutter aller Warenhäuser und die erste Adresse in Paris. Auf 1000en von Quadratmetern brachte man der gutbetuchten bürgerlichen Bevölkerung bei, wie man sich adrett kleidet und seine Wohnung oder sein Haus gekonnt einrichtet.

Noch vor Ende des Jahrhunderts versandte man sage und schreibe 1,5 Millionen jährliche Kataloge weltweit. Dies muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. 1,5 Millionen Kataloge. Ohne moderne Datenverarbeitung, ohne ausgedruckte Adressetiketten... Alle Angaben der Kunden notierte man auf kleine Adresskärtchen und die Pakete wurden einzeln von Hand angeschrieben...

Das Land mit der höchsten Zeitungsauflage der Welt war damals Frankreich. Ganze 10 Millionen Exemplare wurden nach 1880 pro Tag gedruckt, die jeden zweiten Erwachsenen erreichten.

1889, zum hundertjährigen Jubiläum der französischen Revolution und für die zehnte

Weltausstellung, errichtete Gustave Eiffel mit dem nach ihm benannten Eiffelturm das bis dato höchste und mit Abstand bemerkenswerteste Gebäude der Welt.

 

In der letzten Kolumne haben wir über die Haussmannisierung von Paris zwischen 1853 und 1870 gesprochen. D.h. die komplette Umgestaltung der Stadt und den Abbruch von über 20 000 Häusern zugunsten des Baus von breiten Boulevards, Bahnhöfen, Parkanlagen, Schulhäusern und der Garnier Oper.

 

Entlang der neugebauten Boulevards reihten sich nun die Warenhäuser, die Geschäfte, die Restaurants, die zahlreichen Variétés, Theater, Musiklokale und Cafés. Insbesondere die zahlreichen Cafés waren ein öffentlicher demokratischer Ort, an dem sich jeder für den Preis eines Getränkes aufhalten und informieren konnte. Denn überall lagen Zeitungen aus. Ganz im Gegensatz zu den privaten, aristokratischen Zirkeln und Salons der Cité. Wo man als Normalsterblicher erst gar keinen Zugang fand. Die Cafés waren soziale Orte wo man sich traf und sich austauschte. Genau hier fand dann auch die Multiplikation des gelesenen Contents statt. Tratsch und Klatsch und die Auseinandersetzung mit den ernsten Themen der Zeit. Aber auch die Inhalte selbst wurden zum Teil in den Cafés geschaffen. Denn alle Welt traf sich genau da. Die Künstler, die Dichter, die Politiker, die Stars und Sternchen, die Prostituierten und die Kriminellen. Frankreich war zum Kommunikationshub der Welt mutiert. Und in Paris, mit seinen über zwei Millionen Einwohnern, befanden sich mit den Cafés die heissesten Chatrooms, Foren und Social Media Accounts der damaligen Zeit.

 

Dies alles kreierte eine Boulevard Kultur. Eine visuelle Kultur, die das Optische in den Mittelpunkt stellte. Eine Kultur des Sehens und Gesehen werdens. Fortan stand alles, was sich in der Stadt abspielte unter Beobachtung. Alles war Teil einer Repräsentations- und Spektakelkultur geworden. Und der beste Aussichtspunkt, der beste Ort sich das Getümmel, das Kommen und Gehen, das bunte Treiben der flanierenden Menschenmassen einzuverleiben, waren die Cafés.

 

Kein Wunder sind impressionistische und postimpressionistische Bilder voll davon.

Degas Absinth-Trinkerin im Café de la Nouvelle Athènes, die gedankenverloren, in sich gekehrt und von der Welt entrückt buchstäblich auf den Boden glotzt, Manets winterliche Tresenszene mit zwei Biergläsern und einem gemütlichen Paar, das mit roten Backen auf das Rückgeld zu warten scheint, Van Goghs knutschgelb erstrahlende Aussenterrasse eines nächtlichen Cafés, auf einem kleinen Platz in Südfrankreich und Renoirs flirrender Daydance in schmucker Atmosphäre vor dem angesagtesten Club Montmartres: dem Moulin de la Galette. Eine Aussenaufnahme an einem Nachmittag mit Strohhüten, Sommerkleidchen und Weingläsern. Um nur einige zu nennen. Einige teure. Einige sehr teure. Das letztgenannte Bild wurde 1990 für 78 Millionen US Dollar an den Japanischen Sammler Saito Ryoei verkauft.

Und fingiert unter der Liste der fünfzig teuersten Gemälde der Welt auf Platz 32.

 

Aber schaut Euch selbst an, wie die Impressionisten das pure Leben inszenieren. Das pulsierende Treiben, das Feiern, das Tanzen, der Reigen der sich amüsierenden Menschen. Aber auch die Debattierenden, die Lesenden, die Zurückgezogenenen, die Beobachtenden...

 

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In einem solchen Milieu, wo der Schein, das Bild, das Äussere zählt. Wo Geld im Überfluss vorhanden ist, wo neue Entwicklungen, Tendenzen und Anregungen leidenschaftlich besprochen, diskutiert und mittels der Massenpresse millionenfach multipliziert werden, entsteht ein idealer Nährboden um aus Kunst ein Geschäft zu machen.

Nicht, dass die meisten Maler des Impressionismus oder der darauffolgenden Kunstrichtungen in Saus und Braus gelebt hätten. Ganz im Gegenteil. Die meisten lebten wie die Kirchenmäuse. Es benötigte eine Weile. Eine ganze Weile. Und zahlreiche Ausstellungen, Interventionen, Galeristen, Kunstmäzenen und sowohl wohlwollende als auch absolut vernichtende Rezensionen in der Tagespresse.

 

So, das reicht für heute. Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter. Ganz liebe Grüsse und passt gut auf Euch auf. Euer Alon 


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