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Verbraucherpolitik: Nur noch Tofu und Sprossen im Supermarkt?

(Foto: Antonina Vlasova / Shutterstock)
(Foto: Antonina Vlasova / Shutterstock)

DMZ – WIRTSCHAFT ¦ Björn Hartmann ¦

 

Der Veggie-Day ist nachhaltig als Aushängeschild einer Verbotspartei in Erinnerung geblieben. Die Grünen haben diese Idee aufgegeben. Dennoch wollen sie unsere Ernährung umkrempeln. Was sich unter Annalena Baerbock für uns beim Einkaufen verändern könnte.

 

Ist das argentinische Rindersteak unter Baerbock passe? Die Schlagworte aus dem Wahlprogramm der Grünen dazu lauten: vegetarische und vegane Ernährung attraktiver machen, Zucker Salz und Fett reduzieren, regionale Lebensmittelproduktion und Ökolandbau. Und damit wird schon klar: Die heraufbeschworene Eins vorweg: Tofu-Diktatur wird es auch dann nicht geben, wenn die Grünen von Herbst an regieren, und gar die Kanzlerin stellen sollten. Doch sehr wahrscheinlich wird sich für Fleischfreunde einiges ändern. Es geht der Partei in ihrem Wahlprogramm um mehr Tierwohl und mehr Gesundheit, ökologische Landwirtschaft und auch beim Essen um Klimaschutz. Was heißt das für den Fan eines guten argentinischen Steaks?

 

Aus dem großen Küchenunglück von 2013 haben die Grünen gelernt. Damals forderten sie, dass öffentliche Kantinen einen Tag in der Woche ausschließlich vegetarische Gerichte auftischen sollten. Der Veggie-Day sollte die Menschen bewegen, weniger Fleisch zu essen, gesünder zu leben und die Abkehr von Massentierzucht beschleunigen. Die Debatte lief anders, die Bild-Zeitung titelte: „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“ Auch wenn das übertrieben war, die Partei kostete das Ansehen und wohl auch manche Wählerstimme.

 

Mehr Obst, Gemüse, Getreide

Auch acht Jahre danach ist die Partei wegen der Affäre verdächtig, vor allem verbieten zu wollen. Also keine Steaks von argentinischen Rindern mehr in deutschen Supermärkten? Von derartigen Formulierungen findet sich beim Thema Lebensmittel nichts im Entwurf des Wahlprogramms. Es geht eher um schlechtes Gewissen. Und um Anreize: „Wir wollen vegetarische und vegane Ernährung attraktiver und zugänglich für alle Menschen machen“, heißt es. Denn: „Klimaschutz heißt auch, dass wir als Gesellschaft weniger tierische Produkte produzieren und konsumieren.“

 

Eine Möglichkeit, vegane Produkte zu fördern: Pflanzliche Milchalternativen steuerlich mit Milchprodukten gleichstellen. Derzeit wird für Soja- oder Hafermilch der volle Mehrwertsteuersatz verlangt, für klassische Milch nur der reduzierte. Ob sich die Bundesbürger dann für das Steak oder den Tofu-Burger entscheiden, bleibt ihnen überlassen.

 

Kennzeichen Massentierhaltung

Wenn jemand Fleisch essen möchte, soll er nach dem Willen der Grünen sofort auf der Verpackung sehen können, wie das Tier gehalten wurde: dicht gedrängt in Ställen oder das ganze Jahr über auf der Weide. Entsprechend sollen verpflichtend auch andere tierische Produkte gekennzeichnet werden. Die Grünen orientieren sich an Eiern. Auf jedem muss seit 2005 ein Code aufgedruckt sein, woran man erkennt, ob Hühner aus Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung sie gelegt haben. Die Folge: Der Kunde greift inzwischen eher zur Bio- oder Freilandware.

 

Auch auf vielen anderen Produkten soll jeder im Supermarkt künftig mit einem Blick sehen, was drinsteckt. Die Grünen wollen die Hersteller verpflichten, auf allen Fertigprodukten den sogenannten Nutriscore aufzudrucken. Er kennzeichnet von A bis E und von grün bis rot den Nährwert eines Produkts. Eingerechnet werden unter anderem die Mengen an Salz, Zucker, Fett und Ballaststoffen. Die Lebensmittelindustrie hält den Nutriscore für verzerrend. Wer will schon eine rote, also ungesunde, Markierung auf seinem Produkt haben. Auch sonst wollen sich die Grünen mit den Herstellern von Fertigprodukten anlegen. Vorgesehen sind verbindliche Konzepte, um die Menge an Zucker, Salz und Fett zu senken. Das allgemeine Ziel: Durch Kennzeichnung klar machen, welche Produkte gut, nachhaltig und gesund sind.

 

Per Gesetz weniger Tiere pro Stall

Aus Sicht der Grünen steckt die Landwirtschaft in Deutschland in einem Teufelskreis aus „Immer billiger, immer mehr“. Weil die Preise niedrig sind, müssen Landwirte mehr produzieren, um zu überleben. Gleichzeitig werden Tiere immer mehr auf Leistung gezüchtet. Die Partei sieht ökologische und gesellschaftliche Probleme wachsen. Aus Sicht der Grünen muss die Zahl der Tiere sinken, die außerdem ein besseres Leben haben sollen. Vorgesehen sind Obergrenzen für die Zahl der Tiere pro Stall und für Tierhaltung auf Wiesen. Um das Tierwohl zu erhöhen, will die Partei zudem Weidetierhaltung fördern, den Einsatz von Antibiotika senken und Tiertransporte auf vier Stunden Fahrzeit begrenzen.

 

Wer auf tierfreundlicheren Betrieb umstellen will, soll eine Umbauförderung bekommen. Zudem wollen die Grünen faire Preise garantieren – Einzelheiten dazu nennen sie nicht. Finanziert werden soll das über einen Tierschutz-Cent auf tierische Produkte, den der Verbraucher zahlen muss. Fleisch soll also deutlich teurer werden. Ob es auch besser schmeckt als viele Supermarktware heute? Zumindest gibt es Hinweise darauf.

 

Kleinbetriebe statt industrielle Erzeugung

Die Grünen meinen, einen Trend erkannt zu haben, den Wunsch „mehr regional und handwerklich erzeugte Lebensmittel zu kaufen“. Entsprechend will die Partei regionale Erzeuger fördern – Bäcker, Metzger, Bauernhöfe – und das Betriebssterben und den Trend zu immer größeren Höfen und industriellen Produzenten brechen. Damit nicht Wurst von der schwäbischen Alb als regional in Mecklenburg-Vorpommern verkauft werden kann, plant die Partei klare Regeln dafür, was regionale Produkte genau sind. Die Idee hinter den Regionalprodukten: Kurze Transportwege über wenige hundert Kilometer verringern Kosten und vor allem den Ausstoß des Klimagases CO2. Spätestens hier wird es schwierig für das Steak vom argentinischen Rind, das mehr als 13.000 Kilometer von den Weiten der Pampa bis auf einen bundesrepublikanischen Grill zurücklegen muss. Wenn das Tier denn überhaupt in der Pampa aufgewachsen ist. Weil der Sojaanbau immer größere Flächen verbraucht, stehen auch in Argentinien immer mehr Tiere in Mastställen.

 

Zwang, weniger Lebensmittel wegzuwerfen

In Deutschland landen nach Angaben der Verbraucherzentralen jedes Jahr noch Lebensmittel im Wert von gut 20 Milliarden Euro im Müll. Die Menge wird mit 75 Kilogramm pro Kopf angegeben. Weggeworfen werden Lebensmittel schon bei der Ernte, wenn sie nicht den Marktregeln entsprechen. Auf langen Transporten verderben Produkte, oft werden Essensreste weggeworfen, statt sie weiterzuverwenden. Die Grünen wollen Lebensmittelhandel und -produzenten per Gesetz verpflichten, genusstaugliche Lebensmittel weiterzugeben statt wegzuwerfen. Und noch gute Lebensmittel aus dem Müll zu sammeln – das sogenannte Containern – will die Partei entkriminalisieren. Bisher ist das als Diebstahl strafbar.

Kompromisse sind nötig

 

Ob es tatsächlich so kommt, ist nicht klar. Ob Annalena Baerbock erste grüne Kanzlerin wird, ist unsicher. Und grundsätzlich gilt: In einer Koalition muss die Partei Kompromisse eingehen.                

 

 

 

Herausgeber / Quelle: Verbraucherpolitik: Nur noch Tofu und Sprossen im Supermarkt?: WirtschaftsKurier - Nachrichten und Kommentare aus Politik und Wirtschaft


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