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„Corona hat uns wachgeküsst“: Firmen wollen auch ohne Home-Office-Regel von zu Hause aus arbeiten lassen

(Foto: Jelena Zelen / Shutterstock)
(Foto: Jelena Zelen / Shutterstock)

DMZ –  ARBEITSWELT ¦ Oliver Stock ¦

 

Die Pflicht für Arbeitgeber, Home-Office anzubieten, läuft aus. Doch aus der Pflicht wird gerade eine Kür: Zumindest in Büros soll künftig weniger am Arbeitsplatz geschafft werden. Dabei gehen einige Unternehmen äußerst kreativ vor.

 

Das Home-Office bleibt fester Bestandteil in vielen Unternehmen. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage des WirtschaftsKuriers, nachdem das Kanzleramt jetzt bekannt gegeben hat, dass die offizielle Regelung dazu Ende Juni auslaufen wird. Bisher galt die gesetzliche Homeoffice-Pflicht als Teil des Infektionsschutzgesetzes, das unter dem Namen „Notbremse“ firmiert. Es läuft am 30. Juni aus, und damit ist auch die Pflicht der Arbeitgeber vorbei, Home-Office zu ermöglichen. Vor der Entscheidung hatte es zwischen Arbeits- und Wirtschaftsministerium Abstimmungsgespräche gegeben. Das Haus von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte darauf hingewiesen, dass der Bundestag eine Verlängerung der pandemischen Lage bis Ende September beschlossen hatte – und damit von der Tendenz her auch das Angebot zu Home-Office bis dahin aufrecht zu erhalten sei. Wirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) war dagegen.

 

Firmen sind auf den Geschmack gekommen

Unabhängig von der Politik sind die Firmen auf den Geschmack gekommen. Einer Erhebung der Ökonomen vom Münchner Ifo-Institut zur Folge arbeitet derzeit etwa jeder dritte Arbeitnehmer von zu Hause aus. Der Anteil stagniert seit Februar bei etwas mehr als 30 Prozent, unabhängig von der „krisenbedingt eingeführten Pflicht“, sagt Jean-Victor Alipour, Experte für Homeoffice beim Ifo-Institut. Die weitgehend unveränderten Durchschnittswerte verbergen große Unterschiede in den Branchen. So sank der Anteil bei den Getränkeherstellern von 15 auf rund zehn Prozent. Unter den Werbern und Markforschern stieg er noch einmal von sowieso hohen 65 auf 73 Prozent. Spitzenreiter bleiben die IT-Dienstleister mit 80 Prozent. Das Potenzial für die gesamte deutsche Wirtschaft schätzt das ifo Institut auf 56 Prozent aller Arbeitnehmer.

In den von Focus online befragten Betrieben ergibt sich ein eindeutiges Bild: Wer im Büro arbeitet, will aufs Home Office nicht mehr verzichten. Wo produziert wird, herrscht dagegen Zurückhaltung gegenüber dauerhaften Home-Office-Regelungen.

 

„Die alte Welt hat sich überholt“

Ein Beispiel ist der Großversicherer R+V. Dort hat das Management ein Programm installiert, das sich „new normal“ nennt und die Arbeitswelt im Betrieb nach der Pandemie regeln soll. Derzeit arbeiten nur zehn bis 15 Prozent der Angestellten bei dem Wiesbadener Versicherer im Büro. Angepeilt ist nach Angaben eines Sprechers künftig ein „Mischmodell“: Austausch, Treffen und Brainstormen passiert in der Firma, Emails beantworten, Präsentationen bauen und „Stillarbeit“ geht von zu Hause. Ein Buchungstool für Räume und Treffen soll helfen, die Anforderungen unter einen Hut zu bringen. „Corona hat uns – zumindest in dieser Hinsicht - wachgeküsst“, heißt es aus dem Haus. „Die alte Welt hat sich überholt.“

 

Bei der Frankfurter Staatsbank KfW, die die Corona-Kredite abwickelt, geht es nicht ganz so rasch, aber der Trend läuft in die gleiche Richtung. Das „strenge Regime von Home-Office“ soll ab Ende Juni schrittweise zurückgefahren werden. Aber die Erfahrungen waren grundsätzlich positiv, sagt ein Sprecher. Die eine oder andere Führungskraft, die skeptisch war, habe gelernt. Der Anteil an Home-Office-Nutzern werde dauerhaft höher bleiben, schätzt er. Beim Beratungshaus Kienbaum in Köln wird an einer „Drei Tage Büro zwei Tage Home- Office“-Lösung gefeilt. Künftig soll es dort ein recht auf „Flex-Office“ geben. Die Berater verweisen auf Studien, wonach ohne persönlichen Kontakt auf Dauer die Produktivität sinkt.

 

Was passiert mit den Immobilien?

In einigen der befragten Unternehmen wird bereits geprüft, was die neue Arbeitsweise für die Nutzung der Immobilien bedeutet, Mietverträge werden auf kurzfristige Kündigungsmöglichkeiten durchforstet – denn klar ist: Wer zu Hause arbeitet, für den muss kein zusätzlicher Platz im Büro vorgehalten werden. Der Flächenbedarf könnte zusammenschnurren.

 

Anders sieht es im produzierenden Gewerbe aus. Dort, wo körperliche Arbeit gefragt ist, ist Home-Office das, was es immer war: ein Fremdwort. Wie es in seinem Unternehmen läuft, berichtet zum Beispiel der Chef des Schmiermittel-Herstellers Liqui Moli Ernst Prost: Maximal 20 Prozent aller Kolleginnen und Kollegen könnten von zu Hause aus arbeiten. Produktion, Versand, Labor und das gesamte Verkaufsteam müssten in die Firma oder raus zum Kunden. „Ich halte“, sagt Prost, „es einfach nicht für fair, Home-Office zu ermöglichen, wenn 80 Prozent der Mannschaft überhaupt keine Chance dazu hat.“    


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