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Wiederholt Geschichte sich doch?

DMZ – POLITIK / GESELLSCHAFT ¦ Dirk Specht ¦

KOMMENTAR

 

Die Regierung Johnson hat erkennbar keine gute Bilanz beim Pandemiemanagement. Obwohl die Insel erst später als Südeuropa getroffen wurde, konnte man den Vorsprung nicht nutzen und hatte in den ersten Wellen mit die höchsten Zahlen in Europa. Das war auch darauf zurückzuführen, dass Johnsons anfangs allen ernstes das Projekt Herdenimmunität verfolgte. Später entstand in dem Hotspot London die Variante B117, die der Kontinent - gegen viele Expertenwarnungen - nicht verhinderte und die bekanntlich unter noch laufendem Lockdown den Wiederanstieg der Zahlen erzeugte.

 

Das ist alles nun Geschichte. Erfolgreich war die britische Regierung bei der Impfkampagne. Studien belegten, dass B117 ab einer Impfquote von 50% Erstgeimpften nicht mehr wächst. Diese Quote war für die Briten in Sicht und die darauf basierenden schrittweisen Öffnung waren seriös. Ich schrieb vor einigen Monaten von einer Blaupause für unsere Öffnungen, die wegen des langsameren Impftempos etwas später möglich sein sollten, dann aber wegen des Sommers umso besser gelingen dürften.

 

Auch das ist nun Geschichte. B117 heißt heute Alpha und ist durch Delta verdrängt. Diese neue Variante springt leider über die meisten Erstimpfungen und stoppt den meisten Studien zufolge erst ab einer Doppelimpfquote >80%.

 

Das sind leider neue Tatsachen und nun hat die Regierung Johnson offensichtlich nicht die Kraft oder Bereitschaft, ihre Öffnungspläne den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Vieles deutet darauf hin, dass auch dies eine Blaupause für unsere Entwicklung ist. Nach meiner Einschätzung hätten konsequente Reisebeschränkungen auf dem Kontinent ausgereicht, Delta zumindest einige Zeit zu verschieben und zugleich den Sommer zu nutzen, eine NoCovid-Strategie auf nationaler Ebene zu erreichen.

 

Auch das ist Geschichte. Wir haben nun Delta als führende Variante und die immer noch niedrigen Zahlen können allenfalls Ignoranten noch als Beruhigungspille sehen.

Zugleich nähert sich unsere Impfkampagne nun dem Sättigungsbereich, die 80% sind in weiter Ferne. In der Politik und in weiten Teilen der Gesellschaft werden die Öffnungspläne aber analog zu den Briten verlangt - mal wieder mit Hinweis auf die Krankenhäuser.

 

Ich hatte für den Herbst einen weiteren Lockdown als hoffentlich unnötig bezeichnet. Bei einer bis dahin erreichbaren Impfquote von zwei Dritteln wäre aus meiner Sicht der erwartbaren vierten Welle aufgrund einer Abwägung des Schadenspotenzials nicht mehr durch einen Lockdown, sondern durch Test- und Hygienemaßnahmen insbesondere an den Kitas/Schulen zu begegnen.

 

Nun wird auch diese Überlegung bald Geschichte sein. Die Impfquote ist selbst in UK noch zu niedrig, um die Entwicklung in den Krankenhäusern signifikant abzuflachen. Die ICU-Kurve steigt zwar erwartungsgemäß weniger steil als zuvor gänzlich ohne Impfschutz in der Bevölkerung, aber wegen der Delta-Variante immer noch mit exponentieller Korrelation zu den Infektionszahlen - welche daher selbstverständlich unverändert das Maß für die Bewertung darstellen: Man muss keinesfalls die Hospitalisierungen abwarten, die kann wie bisher aus den Infektionszahlen vorab bestimmen, was zudem die Bedeutung und Präzision des PCR-Tests bestätigt.

 

UK darf nun keine Blaupause mehr für Deutschland sein. Delta kommt zu früh und zu rasch, die Impfungen sind nicht weit genug. Wenn wir nicht jetzt mit moderaten Mitteln gegensteuern und die Impfungen mit Nachdruck voran treiben, werden wir noch im Spätsommer vor Entscheidungen stehen, die Johnsons tatsächlich nicht zu treffen in der Lage oder nicht willens ist.

 

Das wird UK erneut gesundheitliche Schäden in inakzeptabler Höhe bereiten. Wie Deutschland in der letzten Phase des Wahlkampfs darauf reagiert, ist eine offene Frage. Momentan scheint die Stimmung in Richtung "laufenlassen" zu tendieren, aber die kann auch schnell kippen.

Diese kommende Notlage ist vollkommen überflüssig. Aber das wird bei der Diskussion im Spätsommer genauso wenig eine Rolle spielen, wie jetzt. Dass es auf welcher Ebene auch immer in ein paar Wochen viel teurer wird als jetzt, spielt offensichtlich auch keine Rolle.

 

Geschichte kann sich wohl doch wiederholen?


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