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Unsere Angst vor finanziellen Verlusten wird gefährlich

DMZ –  WIORTSCHAFT ¦ Dirk Specht ¦

KOMMENTAR

 

Ich bin als Quereinsteiger seit mehr als einem Jahr Beirat in einem Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien. Ich lerne täglich dazu. Wir betreiben unsere Anlagen weltweit, so dass ich die Bedingungen in den verschiedenen Ländern kennen lernen konnte. In kaum einem Land ist der Betrieb so sehr von den staatlichen Regelungen betroffen, wie in Deutschland. Leider sehen wir aber auch beim Umgang mit Risiken und Geld hierzulande Besonderheiten.

 

Robert Habeck hat es gestern in einem Radio-Interview wie ich finde sehr sachlich auf den Punkt gebracht. Ich habe leider keine Quelle gefunden und kann nur sinngemäß seine Aussagen wiedergeben: Natürlich kann man die Flutkatastrophe in der Eifel und anderen Regionen nicht kausal eindeutig auf den Klimawandel oder den menschlich induzierten Anteil daran zurückführen. Die gesamte Klimaentwicklung ist ein langfristiger, sehr komplexer und globaler Prozess, der nicht singulär dieses oder jenes Ereignis erzeugt. Zugleich kann man aber einen Zusammenhang nicht leugnen. Richtig ist vielmehr, dass wir eine Veränderung des Klimas sehen, dass die Wahrscheinlichkeit von solchen Ereignissen steigt und dass der Mensch dabei zusätzliche Veränderungen bewirkt. Die Gesamtheit des Prozesses ist zu betrachten und dazu gehören solche Ereignisse wie in der Eifel, die wir zunehmend sehen werden – ohne dass wir es verhindern können.

 

Auch wenn mir nun wieder die Unterstützung der Grünen und eine entsprechende Echokammer vorgeworfen werden: Ich finde diese Aussagen von Habeck sehr souverän und ja, er wäre auch mein Favorit für die Kandidatur gewesen. So ist meine Wahlentscheidung wirklich offen – aber das nur nebenbei, weil viele das bedauerlicherweise nicht von den hier getroffenen Aussagen trennen können.

 

Was Habeck damit anspricht, ist eine Erkenntnis, die bisher kaum Umsetzung findet: Wir werden den Klimawandel erleben. Wir können und müssen den von Menschen verursachten zusätzlichen Effekt bremsen, aber die Veränderung zugleich akzeptieren und uns darauf vorbereiten.

 

Letzteres ist beispielsweise in der Eifel kaum geschehen. Es gab dort lange Zeit bereits Warnungen vor Hochwassergefahren, die genau das jetzt erlebte Szenario beinhalten. Aber sowohl NRW als auch RP haben sehr wenig getan, um neue Konzepte umzusetzen. Das kann man nicht auf Ebene von Städten und Gemeinden lassen, das ist dort sowohl wirtschaftlich als auch sehr oft intellektuell eine Überforderung. Zudem geht es nur übergreifend, die Wasserläufe sind ein Thema für größere Gebiete, da sind die Länder und der Bund gefordert.

 

Das berührt natürlich ein Thema, welches wir in der Covid-19 Krise kennen gelernt haben: Prävention. Wir müssen zugleich den menschlichen Anteil am Klimawandel vermeiden und uns auf diesen vorbereiten. Das Geschehen in der Eifel zeigt uns ferner, dass es überall auf dem Planeten Folgen hat und dass wir diesen begegnen müssen, bevor sie eintreten – also präventiv. Die jetzt eingetretenen Schäden verursachen ein Vielfaches an Kosten gegenüber den versäumten Hochwasserschutzmaßnahmen, die zudem ohne Opfer an Menschenleben auskommen.

 

Dabei ist eine weitere Parallele zur Covid-19 Krise erkennbar, denn die dahinter liegenden Prozesse sind teilweise exponentiell. So sind die Hochwasserstände in den betroffenen Gebieten eben nicht proportional mit der Zeit gewachsen, sondern wie die Regenmengen pro Fläche sprunghaft angestiegen.

 

Ob es dagegen überhaupt Schutz geben kann und je nach Geografie bauliche Maßnahmen möglich sind, muss im Einzelfall geprüft werden. Auch das ist eine bittere Erkenntnis, die noch längst nicht angekommen ist: Homo Sapiens muss global mit schmerzlicher Sicherheit Siedlungsgebiete aufgeben. Nicht überall, wo in der Vergangenheit ein Leben möglich war, wird das in Zukunft weiter gehen. Den Satz haben wir alle oft gelesen, dabei aber nie an Flußtäler mit Dörfern in unseren Mittelgebirgen gedacht, sondern vielleicht an Küstenregionen in der Dritten Welt, die sich keine Deichanlagen leisten können. Das ist zu simpel gedacht, die Veränderungen sind wesentlich komplexer.

 

Damit zurück zur Einleitung, dem Verhältnis von Risiken und Geld. Man sagt den Deutschen ja eher eine ängstliche und risikoaverse Kultur nach. Das mag durchaus so sein, aber wenn es ums Sparen geht, ist es mit der Angst oft vorbei oder anders ausgedrückt: Die Angst vor finanziellem Verlust ist vielleicht die primär ausgeprägte.

 

Das berührt natürlich vor allem die Frage, ob wir bereit sind, finanzielle Mittel für präventive Maßnahmen aufzubringen. Dieses Thema begegnet einer Tochterfirma meines Mandats auf teilweise kaum nachvollziehbare Weise. Ein Beitrag aus einem Fachportal zu Erneuerbaren Energien erläutert eine

neue und sehr innovative Technologie zur Überprüfung von Windkraftanlagen mit einer autonom fliegenden Drohne. Damit können mehrere Millionen teure Anlagen sehr effektiv überwacht werden und zudem kann man vermeiden, auf diesen Anlagen Industriekletterer einzusetzen, was immer mit hohen Kosten und erheblichen Risiken für Leib und Leben verbunden ist. Hinzu kommt, dass Schäden an solchen Anlagen wie beispielsweise Blitzeinschläge oft auch das Umfeld gefährden.

 

Solchen Schadensereignissen kann man vorbeugen, indem man die Anlagen regelmäßig inklusive des Blitzschutzes prüft. Das ist in gewissen Rhythmen auch gesetzlich vorgeschrieben und die Versicherer haben es ebenfalls als notwendig erkannt. Tatsächlich stellen wir aber fest, dass die Betreiber dieser Anlagen oft das Monitoring und die Wartung entlang der Pflichtauflagen auf ein Minimum reduzieren, weil sie das als sinnlos “versenkte” Kosten betrachten. So mancher denkt dabei nicht weiter als eine Privatperson über die TÜV-Prüfung seines PKWs.

 

Der Zusammenhang mag vielen zu weit gefasst sein, aber von Covid-19 über den präventiven Einsatz autonomer Drohnen zum regelmäßigen Monitoring bis zu unserer Reaktion auf die Klimaveränderung: Tatsächlich sind unsere Widerstände, Geld einzusetzen, um Risiken vor den eingetretenen Schäden zu begegnen, das gemeinsame Problem.

 

Prävention ist wohl grundsätzlich ein Thema, das viele intellektuell überfordert, wenn sie dann auch noch Geld kostet, warten wir lieber mal die Schäden ab. Das rechnet sich nicht und ist sogar potentiell tödlich. Wir müssen dringend die Angst vor finanziellem Verlust bekämpfen, wir kommen in eine Phase auf unserem Planeten, wo sie Geld und Leben kostet.


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