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Der Automarkt spielt verrückt

DMZ –  WIRRTSCHAFT ¦ Andreas Kempf ¦

 

Günstige Kredite stoßen auf ein knappes Angebot: Neu- und Gebrauchtwagen sind derzeit schlechter zu bekommen als vor der Pandemie. Dadurch steigen die Preise und eine günstige Finanzierung wird schnell durch eine teure Anschaffung wieder wettgemacht.

 

Wer sich für einen neues Auto interessiert, erlebt Überraschung und Ernüchterung zugleich. So sind einerseits die Zinsen für Autokredite so niedrig wie schon seit Jahren nicht mehr. Die Finanzierung fällt damit leichter. Allerdings ist auf der anderen Seite das Angebot an Fahrzeugen besonders knapp. Erst durch Corona und dann durch einen Mangel an Microchips laufen deutlich weniger Autos vom Band. Die Lieferzeiten können bis zu einem Jahr betragen. Auch junge Gebrauchtwagen sind Mangelware. Das treibt die Preise nach oben.

 

62 Prozent aller privaten Neuwagen und jeder zweite „Gebrauchte“ wird in Deutschland mit einem Kredit finanziert. Und das fällt angesichts niedriger Zinsen derzeit leicht. „Wir haben einen neuen Tiefststand erreicht“, meint Alexander Artopé, Geschäftsführer des Kreditportals Smawa. Die Darlehen seien knapp sechs Prozent günstiger als vor Corona und ohne die Inflation einzuberechnen nur noch halb so teuer wie 2013. Das Onlinevergleichsportal Verivox bestätigt diesen Trend und nennt für seine Kunden einen Durchschnittszins von 2,39 Prozent. Ende 2019 habe dieser Wert noch bei knapp drei Prozent gelegen.

 

Zinsunterschiede bis zu 80 Prozent

Allerdings lohnt es sich, genau zu vergleichen. „Es gibt Zinsunterschiede von bis zu 80 Prozent“, betont der Smawa-Chef. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie diese Unterschiede auf die Anschaffungskosten durchschlagen“, erklärt Verivox-Finanzexperte Ralph Wefer. Tatsächlich könnten die Verbraucher allein durch die Wahl des richtigen Kredits mehrere tausend Euro sparen. Viele Banken bieten besondere Konditionen, weil für den Autokredit eine zusätzliche Sicherheit besteht. Dabei verlangen die Banken inzwischen immer seltener, dass der Brief hinterlegt werden muss. Für die Verbraucher hat das den Vorteil, dass sie ein Auto auch vor Ablauf der Kreditlaufzeit verkaufen und die Schuld vorzeitig begleichen können. Allerdings sollte jeder schon zu Beginn klären, wie viel die Bank in so einem Fall als sogenannte Vorfälligkeitsentschädigung haben will.

 

Viele Autohäuser bieten für Neuwagen und junge Gebrauchte eine Finanzierung zum „Nullzins“ an. „Eine echte Null-Prozent-Finanzierung gibt es nicht. Solche Finanzierungen sind vom Hersteller oder vom Händler subventioniert, um den Absatz anzukurbeln. Dadurch sinkt Ihr Spielraum für weitere Rabatte, die im Autohandel sonst durchaus üblich sind“, sagt Verivox-Experte Wefer.  „Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass Käufer beim Autohändler nicht den günstigsten Kredit bekommen“, ergänzt Smawa-Chef Artopé. Die Finanzspezialisten raten darum den Kunden, mit einem Händler-unabhängigen Kredit in der Tasche als Barzahler in die Verhandlungen einzusteigen. So könne man häufig höhere Preisnachlässe erzielen. Die Gesamtkosten seien dann oft geringer als bei der vermeintlich günstigen Null-Prozent-Finanzierung.

Bei so günstigen Zinsen müssten die Autohändler vor Zuversicht nur so strotzen. Zumal die Kundschaft potenziell liquide ist, wie schon lange nicht mehr. In den vergangenen Monaten haben die Deutschen pandemiebedingt jeden vierten Euro auf die hohe Kante gelegt. In normalen Zeiten beträgt die Sparquote hierzulande zehn Prozent. Zudem sind die Preise für junge Gebrauchtwagen derzeit vergleichsweise hoch, weil das Angebot knapp ist. Das liegt daran, dass während der Pandemie viele Unternehmen ihre Fahrzeugflotte verkleinert haben. Hersteller, Handel, Vermieter und Unternehmen lassen normalerweise zwei Drittel aller Neuwagen zu, die in Deutschland auf den Markt kommen. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr gut 30 Prozent weniger Autos auf die Straße als noch 2019. Sie kommen folglich nun auch nicht auf den Gebrauchtwagenmarkt.

 

Junge Gebrauchte sind Mangelware

Die Deutsche Automobiltreuhand (DAT), die Marktinformationen von Fahrzeugherstellern, Importeuren und Handel auswertet, spricht von einer „hohen sechsstelligen Zahl, die als Gebrauchtwagen fehlt“. „So einen verrückten Markt habe wir noch nie gehabt“, sagt DAT-Experte Bernd Reich. Trotz steigender Nachfrage wegen günstiger Kredite bleibe der Nachschub an Fahrzeugen weiterhin übersichtlich. Die Autokonzerne produzierten seit Wochen nur mit halber Kraft. Aufgrund fehlender Microchips stünden viele Bänder still. „Das führt mittlerweile dazu, dass sich die Lieferzeiten von Neuwagen bis zu einem Jahr hinziehen“, beobachtet DAT-Experte Reich. Das Thema dürfte sich hinziehen. „Die Chip-Problematik wird wohl noch bis ins kommende Jahr hinein andauern“, meint Frank Biller, Autoanalyst der Landesbank Baden-Württemberg.  

 

Der Mechanismus von steigender Nachfrage bei knappem Angebot lässt die Preise für Autos anziehen – womit der günstigste Kredit wiederum ins Leere läuft, weil die finanzierungssumme steigt.  Das Online-Portal mobile.de hat für Juni einen durchschnittlichen Preis von 25.711 Euro pro jungen Gebrauchten ermittelt. Das seien 1,8 Prozent mehr als im Mai und erneut Preisrekord auf der Plattform. Vor zehn Jahren kosteten Gebrauchtwagen mit 17.882 Euro noch knapp 8000 Euro weniger. Nach Angaben von mobile de betrug das Durchschnittsalter der Gebrauchten im Juni 41,6 Monate. Das sind 0,9 Prozent weniger als im Mai und 4,4 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Auch die Laufleistung geht zurück: Im Juni lag sie bei 48.717 Kilometern – ein Rückgang zum Vorjahresmonat um 8,5 Prozent. Vor zehn Jahren hatten die Gebrauchten im Schnitt schon 58.518 Kilometern auf der Uhr.

 

Sollen Käufer also die die günstigen Zinsen nutzen und zuschlagen, oder abwarten, bis das Angebot auf dem Fahrzeugmarkt wieder größer wird? „Wer etwas flexibel ist, bekommt einen Gebrauchtwagen zu sehr guten Konditionen“, heißt es von Händlerseite. LBBW-Analyst Biller hat hingegen keine guten Nachrichte für all jene, die auf erfolgreiche Rabattverhandlungen setzen: „Wir erleben einen Verkäufer-Markt. Das bedeutet, dass durch das knappe Angebot niemand sich gezwungen sieht, besondere Rabatte zu gewähren. Daran wird sich so schnell nichts ändern.“ DAT-Experte Reich fällt hingegen schwer den Markt richtig einzuordnen. „Das ist ja das Verrückte an der aktuellen Lage. Niemand kann voraussagen, was in den kommenden Monaten den Markt mehr beeinflusst: das knappe Angebot oder die noch immer Corona-bedingte Kaufzurückhaltung der Verbraucher. 

 

 

Quelle - Erstausgabe: https://www.wirtschaftskurier.de/titelthema/artikel/der-automarkt-spielt-verrueckt.html 


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