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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Wie es kommt, dass wir uns selber feiern.

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        

 

Wie es kommt, dass wir uns selber feiern. Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der ordentlich Party gemacht wird. Denn ich habe Geburtstag.

Auf der ganzen Welt begehen heute Menschen ihr Wiegenfest. Doch dies war nicht immer so. Lasst uns dies zum Anlass nehmen, uns mit der Kulturgeschichte dieses Feiertages auseinanderzusetzen.

 

Für manche ist der eigene Geburtstag nichts anderes als ein Tag wie jeder andere auch. Ob es anlässlich ihrer Geburt regnete oder die Sonne schien, ist ihnen völlig gleich. Denn daran, wie sie aus der Vagina ihrer Mutter gepresst und schleimgebadet auf die Welt kamen, können sie sich nicht erinnern. Und wenn sie das könnten, wäre ich mir gar nicht so sicher, ob sie damit etwas Tolles verbinden würden. Außerdem rückt sie dieser Tag Jahr für Jahr ein Stückchen näher ins Grab. Was um Himmelswillen sollte man da also feiern?

Mehr, als man denkt. Denn neben Kuchen, Kerzen und Geschenken ist das Geburtstagsfest nichts weniger als eine grossartige Errungenschaft der Moderne. Erst seit der Aufklärung im 18ten Jahrhundert nämlich, so der Kunstwissenschaftler Stefan Heidrich, begannen die Menschen damit, ihren Geburtstag zu feiern.

 

Heidenreichs Recherchen zufolge scheint sich dieses Fest für alle Gesellschaftsschichten zuerst im deutschen Raum verbreitet zu haben. Nur der wohlhabende Adel zelebrierte es schon deutlich früher. Eine weltweite Durchdringung erfuhr diese Tradition durch deutsche Auswanderer, deren Kindergeburtstage mit Kuchen und Kerzen zum Ausblasen von der einheimischen Bevölkerung übernommen wurde... Eine Erfolgsgeschichte! Genauso wie der Samichlaustag, Halloween oder der Valentinstag, die es alle vor 400 Jahren noch nicht gab. Zumindest nicht in dieser Form und in dieser Verbreitung. Einzig, dass es uns ganz und gar unglaublich scheint, dass es je eine Zeit gab, in der die Menschen ihre Geburtstage nicht feierten.

 

Made in Germany ist der Geburtstag allerdings nicht. Schon im alten Ägypten wurde die Geburtstagsfeier zu Ehren des Pharao, dem Sohn der Himmelsgottheiten, jährlich abgehalten. Und die Römer feierten ihren eigenen individuellen Geburtstag so ausschweifend, wie sie das ganze Jahr hindurch ihre Feste feierten. Freunde wurden eingeladen, Gedichte vorgetragen und Orgien zelebriert. Natürlich gab es Wein, aber auch Kuchen und Geschenke. Nur mit dem exakten Datum nahmen sie es nicht so genau. Und die Jahre zählten sie nicht wirklich.

 

Auch feierte ein Römer nicht seine Geburt als Mensch, sondern die Geburt seines Schutzgottes. Denn Opfer und Feiern standen ausschließlich den Göttern zu.

Mit Augustus (63 v.Chr bis 14 n.Chr) setzte der Kaiserkult ein, der mit einer Vergöttlichung des Herrschers einherging und vierhundert Jahre lang währte. Anlässlich ihrer Geburtstage liessen die Cäsaren es dann auch so richtig krachen. Im Circus Maximus - einer Arena, ach was: die Arena der Antike schlechthin, mit Platz für bis zu 250 000 Zuschauer – liefen die Gladiatoren und wilden Tiere auf, Tänzerinnen betörten das Publikum und abgerundet wurde das glamouröse Spektakel nicht selten mit einem atemberaubenden Wagenrennen.

 

Die Griechen feierten ebenfalls Geburtstag, allerdings nicht ganz so masslos wie die Römer. Die Feiern fanden dafür nicht jährlich, sondern einmal im Monat statt. Historiker gehen davon aus, dass sich Freunde trafen, die am selben Tag des Monats auf die Welt kamen. Dabei wurde lecker gespiesen und ordentlich getrunken. Ganz eigentlich war der Anlass wohl eher eine gute Entschuldigung für ein Saufgelage, als eine stilvolle Einladung wie es bei uns der Gepflogenheit entspricht.

 

Der Spaß endete allerdings wie so häufig in der Geschichte mit der aufkommenden Herrschaft des Christentums. Da mit der Geburt eines jeweiligen Menschen gleichzeitig die Sünde auf die Welt komme, gebe es an diesem Tag nichts zu feiern, lautete das Dogma des neuen Glaubens. Einzig der Todestag bringe Erlösung.

 

Das persönliche Geburtstagsfest war daraufhin für viele Jahrhunderte gestorben. Die Christen übernahmen zwar eine Reihe von Feiertagen von den Griechen und Römern, die aber mehr den Charakter eines Gedenktages hatten. Ein den Kalender dominierendes Datum jedoch erfanden sie neu: die Geburt Jesus.

Der Brauch, Weihnachten durchzuführen, taucht erstmals im vierten Jahrhundert auf. Über das genaue Jahr und den richtigen Tag wird aber bis heute gestritten. Ohne die weihnächtliche Tradition jedoch hätte es das individuelle Geburtstagsfest viel schwerer gehabt, sich gut 1400 Jahre später wieder zu etablieren.

Um sein Wiegenfest feiern zu können, benötigt es einen Kalender. Und das Wissen an welchem Tag man geboren ist. So banal dies klingt, aber ohne diese Grundvoraussetzungen wird man nie vor seine Freunde stehen und verlegen auf den Boden oder den Kuchen starren, während diese das Happy Birthday anstimmen...

 

Bis 1600 kannten nur sehr wenige Menschen ihre Geburtsdaten. Und auch heute noch wird jedes vierte Kind geboren, ohne dass dieses registriert wird. Denn vor dem 17. Jahrhundert waren die staatlichen Behörden nicht in der Lage die Daten ihrer Bürger zu erheben. Dies war schlicht und ergreifend zu aufwendig.

Die Buchführung oblag einzig der Familie. Und waren die Eltern Analphabeten, der Nachwuchs ein Produkt mangelnder Verhütung oder eine ökonomische Investition, so war der Tag des Herausplumpsens nicht der Rede wert. In der Regel hatte man ja schon sechs, sieben oder acht Kinder. Und als Mutter war man vor, während und unmittelbar nach der Geburt mit Überleben beschäftigt. Und als Vater mit Sorgen.

In der Geschichte der Menschheit war ein Kind auch lange kein Kind, sondern ein kleiner Erwachsener, den man so schnell wie möglich in den Alltag integrieren wollte. Die Idee, den Kindern eine Kindheit zu schenken, kam erst mit der Aufklärung...

 

Bis die Geburtstage der einfachen Leute systematisch erfasst wurden, dauerte es Jahrhunderte. Erst als Kirche und Staat damit begannen, weiträumig Steuern zu erheben, diese zu optimieren und das Heer mittels einer Dienstpflicht für junge Männer zu bestücken, machte es Sinn, Einwohnerregister anzulegen.

Die Ersten, die dies mit Erfolg durchführten, waren die Schweden, die Preussen und die Franzosen. Und Dank der napoleonischen Kriege machte es ihnen ab dem 19ten Jahrhundert bald ganz Europa nach.

Durch dieses Vorgehen wurden aber nur die administrativen Voraussetzungen geschaffen, damit jeder Geburtstag feiern konnte. Etwas Grundlegendes fehlte noch. Stefan Heidenreich bezeichnet dies als die Erfindung des Eigentums. Durch den Ablasshandel, den die katholische Kirche im späten Mittelalter als grosses Business aufzog, war die Seele und deren Säuberung käuflich geworden. Dabei schloss die Religionsgemeinschaft mit dem Gläubigen einen Vertrag. Gegen Bezahlung wurden ihm seine Sünden erlassen. Durch den Wegfall dieser Frevel war die Geburt nun plötzlich nicht mehr der Tag, an dem man schuldbeladen zur Welt kam, sondern der Tag, an dem man ins Licht trat.

 

Daraufhin begann die Aristokratie, prunkvolle Feste zu feiern. Ja, man überbot sich darin sogar gegenseitig. Geburtstage wurden zu Statussymbolen.

 

Motor der Ausbreitung des Geburtstages als Feier aller Gesellschaftsschichten waren aber die Kinder. Ihrer grossen Freude am Fest hat der Geburtstag seine enorme Popularität zu verdanken. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Boom zu einer Zeit ausbrach, als man ihnen vermehrt eine eigene Kindheit zugestand. Denn im Gegensatz zu den religiösen Feiertagen gehört dieser Tag dem Kind ganz allein. Auch dem grossen.

Ich könnte Euch noch erzählen, dass die Zeugen Jehovas keine Geburtstage durchführen und die Diktatoren des 20. Jahrhunderts selten auf das öffentliche Abfeiern ihrer selbst verzichtet haben. Aber wozu? Heute wollen wir feiern und nicht auf die Spassbremse drücken. Also: Happy Birthday to me! Auf dass ich 120 werde. Und Nadia, Marina, Jasmine, David und Poto auch. Wir haben nämlich alle am gleichen Tag Geburtstag. Und Happy Birthday to you! Denn Ihr feiert morgen, übermorgen oder in der Woche darauf. Und wenn nicht, dann in den kommenden Monaten!

 

Ganz liebe Grüsse – Euer Alon

 

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P.S. Für diese Kolumne komme ich in die Hölle. (Wo wir uns bestimmt begegnen und kräftig abfeiern.) Denn ziemlich viel ist geklaut. Von einem Artikel in der FAZ. Natürlich habe ich dabei mindestens die Hälfte gestrichen, umgeschrieben, alonifiziert, ergänzt und mit eigenen Ideen angereichert. Aber das Skelett verdanken wir eindeutig Andreas Frey, der ihn am 22.04.18 in der FAZ veröffentlichte. Sein Titel: «Vom Mut sich selbst zu feiern».


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