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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Herbst

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        

 

«Love is something you fall into». Barbara Krugers hintergründiger Slogan über die vermeintliche Leichtigkeit der Liebe, in die man zumeist unbesehen stolpert, und die zahlreichen Fallen, die sie einem stellt, leitet keine Kolumne zum beginnenden Frühling ein, sondern eine zum sich anbahnenden Herbst. Im amerikanischen fall genannt. Und ja, der Slogan ist von «Falling in Love» abgeleitet. Und fall, für Herbst, kommt vom fallenden Laub.

 

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der sich die Bäume entkleiden. Öffentlich, auf dem Laufsteg der Natur. Defilierend, wie die Engel von Victoria’s Secret, sich gegenseitig in ihren Dessous und in ihrer burlesquen Pracht überbietend. Einer bittersüssen Pracht, denn im Gegensatz zum Frühling, dessen Spektakel uns gleichwohl übermannt, kennt der Herbst eine sehr überschaubare Farbpalette, und die Duftnote die er verströmt, mag betören, aber auf ihr lastet die Schwere des nahenden Winters. Des Morschen, der Modrigkeit, der Fäulnis und des Zerfalls...

 

Dafür aber, geizt er nicht mit seinen Reizen. Und so ganz im Gegensatz zum burlesquen Tanz, in dem der Striptease nur angedeutet wird, fällt hier auch das letzte Blatt.

 

Noch umgarnt uns ein Farbspiel aus roten, gelben, grünen und braunen Tönen, das die Wälder überzieht und die Hügel in ein pulsierendes Meer verwandelt. Noch erfreut sich das Wild fallender Kastanien, Eicheln und Haselnüssen. Doch es ist auch der Beginn der Jagdsaison und gar manch neugieriges Reh landet auf historischem Porzellan. Es ist die Zeit der eingelegten Birnen, von Rotkraut, Marroni, Kürbissuppe und Vermicelles. Es ist die Zeit des Apfelkuchens und der fallenden Blätter. Und es ist an der Zeit, sich ein wärmendes Nest zu suchen.

 

Im Herbst zeigt uns die Natur, wie lustvoll das Sterben sein kann. Dabei verpasst sie sich einen Kurzhaarschnitt und lässt sich einen Schnauz wachsen. Denn ihre beiden Vorderzähne sind ein wenig zu gross und ragen etwas zu sehr nach vorn. Dies gilt es zu vertuschen. Ihre dunklen Augen triumphieren, während sich ihr Oberkörper im weissen Unterhemd räkelt und das üppige Brusthaar im Scheinwerferlicht glänzt.

 

Wie eine Flamencotänzerin wirft sie ihren rechten Arm weit gestreckt in die Luft, während sich der andere an der Hüfte abstützt. Nur, dass sie selbstverständlich kein Kleid trägt, sondern enganliegende Jeans. In Trance torkelt sie zum Bühnenrand und blickt in das vollgepackte Stadion. 60 000 Fans jubeln ihr entgegen. Und zu Hause vor dem Bildschirm sind es Millionen. Ihr Zeigfinger wandert zum Mund und gebietet der tobenden Masse Einhalt. Ruhe breitet sich aus, gespenstische Ruhe.

 

Bis die ersten Takte von «Who wants to live forever» und darauf «The show must go on» erklingen. Und Tausende Kehlen die Lieder so laut mitsingen, dass man die Stimme von Freddie Mercury nicht mehr vernimmt...

 

Es geht um Leben und Tod. Wie jedes Jahr im Herbst. Wenn die Eichen erröten und der Ahorn im goldenen Kleid erstrahlt. Wenn nur der Hauch eines Windes genügt um die Blätter vom Ast zu blasen. 25 Kilogramm Laub wirft eine Rosskastanie im Schnitt zu Boden. Eine Birke sogar deren 28, bis sie nackt vor uns steht.

Nur so überleben die Laubbäume die kommenden Monate. Sie müssen Vorkehrungen treffen. Denn wenn die Tage kürzer werden, ist nicht mehr genügend Licht für die Photosynthese vorhanden. Dem Vorgang, bei dem sie aus dem Kohlenstoffdioxid der Luft und dem Wasser der Erde Traubenzucker und Sauerstoff gewinnen. Dies gelingt, dank dem grünen Farbstoff in den Blättern, dem Chlorophyll. Dieses wird im Herbst dem Laub entzogen und in den Stämmen, Ästen und Wurzeln eingelagert. So kommt die Verfärbung zustande.

 

Und auch die Wassergewinnung wird schwierig. Denn die Temperaturen sinken und Eis, Frost und Schnee erlauben ihren Wurzeln nur eine geringe Flüssigkeitsaufnahme. Müssten sie auch noch die Blätter nähren und das wenige Nass über die grosse Fläche verdunsten lassen, sie würden kläglich eingehen.

 

Es sind aber nicht nur die Bäume und Tiere, die sich daranmachen, sich für den Winter zurückzuziehen. Sei es, weil sie noch vor dem November sterben, in den Süden fliegen oder sich für den Winterschlaf vorbereiten. Auch für manch verlorene Seele bedeutet die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter ein Stürcheln, ein Taumeln, ein Fallen in endlose Tiefen. Die Herbstdepression setzt ein. Traurig, Sad... Und tatsächlich nennt sie sich im Fachjargon auch so: SAD. Seasonal Affective Disorder. Und äussert sich in Ängstlichkeit, schwankenden Stimmungen, der Verlängerung der Schlafdauer, einem verstärkten Appetit auf Süssigkeiten und einer Gewichtszunahme.

 

Sad ist bestimmt der Grund für die Erfindung von Halloween. Und derjenige der Lichttherapie. Und konnte zum guten Glück in den letzten Jahren reduziert werden.

 

Im Herbst beschleicht uns das Gefühl der Endlichkeit. Diese beklemmende Einsicht, dass eines Tages alles erlischt, alles vorüber ist. Es ist ein bisschen wie dampfend aus der Backform zu kommen, in der man zusammen mit Äpfeln, Zimt, frischen Eiern, Butter, Mehl, Rosinen, dem Saft einer Zitrone, Zucker, Rum und Backpulver zu einem knusprigen Apfelstrudel reifte und nun ganz langsam in Vanillesauce ertränkt wird. Oder Stück für Stück aus der knisternden Alufolie gebrochen zu werden, um durch kirschrote Lippen, blanke Zähne und eine lüsterne Zunge in die feuchte Mundhöhle zu gelangen, um da ganz langsam und ergeben vor sich hin zu schmelzen. Das traurige Los jeder ehrbaren Schokolade.

«Fall is something you love to die for» Zumindest ich.

 

Ganz liebe Grüsse – Euer Alon

 

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