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Straumanns Fokus am Wochenende - Wie ein schreiendes Baby

DMZ – POLITIK ¦ Dr. Reinhard Straumann ¦   

KOMMENTAR

 

Die gute Nachricht ist: Auch Kriegsverbrecher sterben. Vor exakt 15 Wochen war an dieser Stelle «Ein Nachruf» zu lesen, nämlich auf einen US-amerikanischen Politiker, der sich Verteidigungsminister nannte, in Wahrheit aber ein Angriffsminister war und einer der schlimmsten Politterroristen der Nachkriegszeit: Donald Rumsfeld. Diese Woche ist ein weiteres Mitglied des Kabinetts von George W. Bush gestorben, der damalige Aussenminister Colin Powell. Ihm in Form eines Nachrufs gerecht zu werden, erfordert mehr Differenziertheit, als das bei seinem damaligen Kollegen aus dem Pentagon der Fall war. Erinnerungswürdig ist seine Geschichte aber unbestritten. Sie erzählt davon, wie im Jahr 2003 im Zusammenhang mit dem Krieg der «Koalition der Willigen» (das heisst: der USA, Grossbritanniens und einiger Mitläufer) gegen den Irak die Weltöffentlichkeit von der amerikanischen Regierung belogen und betrogen wurde. Dieser historische Tatbestand eines Verbrechens an der Menschheit verblasst allmählich, da im vorliegenden Fall die Geschichtsschreibung ausschliesslich in den Händen der Sieger liegt. Umso mehr ist es die Pflicht unabhängiger Historiker, die Erinnerungskultur zu objektivieren.

 

Colin Powell, der im Alter von 84 Jahren, schwer an Krebs leidend, eher mit als an einer Covid-19-Infektion gestorben ist, hat seine Karriere an amerikanischen Militärakademien in den 1960er-Jahren begonnen. Sein leuchtendes Vorbild war «Ike», Dwight D. Eisenhower, Weltkriegsheld und 34. Präsident der Vereinigten Staaten. Einer, dem die Demokratie so sehr ein Anliegen war, dass er in seiner präsidialen Abschiedsrede eindringlich vor den Gefahren warnte, die dem Rechtsstaat aus ungeahnter Ecke drohten. Sie gingen für ihn, den 4-Sterne-General und kalten Krieger der ersten Stunde, ausgerechnet von der Rüstungsindustrie aus. Die USA, damals in den Anfängen des Vietnamkrieges stehend, seien im Begriff, dem Diktat der Rüstungsindustrie zu unterliegen. Wie recht er hatte, sehen wir heute.

 

Powell, als Farbiger, hatte es schwerer als andere. Er bestand seinen Weg nach oben durch Integrität. Im Januar 1987 wurde er als erster Schwarzer stellvertretender Sicherheitsberater des Weissen Hauses. Er wirkte an den Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion mit und wurde zum General befördert. 1989 übernahm er, wiederum als erster Mensch nicht-weisser Hautfarbe, unter Präsident George Bush (dem älteren) das Kommando über die gesamten Landstreitkräfte der Vereinigten Staaten. 1989 wurde er vom Präsidenten zum Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs berufen, selbstverständlich erneut als erster Afroamerikaner. Überflüssig zu sagen, dass er, als er nach Abschluss seiner militärischen Karriere von George Bush (dem jüngeren) zum Aussenminister erhoben wurde, wiederum der erste Schwarze war in dieser Position. Er bildete den gemässigten Widerpart zu den Kriegsgurgeln Cheney und Rumsfeld.

 

Powell stieg in den Präsidentschaftswahlkampf von 1996 als Kandidat ein, gegen Bill Clinton. Bald warf er das Handtuch: Er fühlte sich den Herausforderungen des angestrebten Amtes gewachsen, nicht aber den schmutzigen Machenschaften der Vorwahlen. Soldat bis auf die Knochen, der er war, fühlte er sich viel stärker berufen zum Dienst – zum Dienst zugunsten einer politischen Führung, die er sich nicht anders vorstellen konnte, als er selber war: als integer. Das war sein Irrtum. Die «New York Times» schrieb am Dienstag dieser Woche im Nachruf auf ihn: «you should’ve run in ‘96»: Hättest Du Dich doch beworben damals! Ein Stossseufzer, der einschloss: Es wäre den USA so viel erspart geblieben.

 

Und auch ihm selbst. Die politische Führungsclique um Präsident Bush, Vizepräsident Cheney, Verteidigungsminister Rumsfeld und dessen Vize Wolfowitz missbrauchte die Loyalität Powells aufs Hinterlistigste. Der Krieg gegen den Irak war seit 1997 eine beschlossene Sache – ohne Einbezug von Powell. Auf der Suche nach einem Anlass, der von der Bevölkerung als ernsthafter Kriegsgrund eingeschätzt werden würde, hätte sich 9/11 wunderbar geeignet. Tatsächlich versuchte Bush auch nach Kräften, eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden zu konstruieren, dem Verursacher der Anschläge vor 20 Jahren. Leider ergab sich trotz aller Bemühungen der CIA kein verwertbarer Hinweis. Also wartete man noch ein Jahr zu und flunkerte der Weltöffentlichkeit etwas vor von angeblichen Massenvernichtungswaffen, über welche Saddam verfügte. Nichts davon war wahr, wie die Inspektoren der UNO zweifelsfrei feststellten. Es scherte Bush ebenso wenig wie seine Drahtzieher im Hintergrund. Powell, der Integre, wurde vorgeschickt, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen: um die UNO und die Weltöffentlichkeit anzulügen. Wie sehr Powell unter dem Loyalitätsdilemma (stelle ich mich hinter meine Regierung oder vor die Welt?) gelitten hat, können wir nur erahnen. Er hat sich später (als einziger der Regierung Bush) von seiner Haltung distanziert und sein Vorgehen als den «Schandfleck seiner Karriere» bezeichnet. Er kostete eine Million Menschen das Leben.

 

Als Bush (nebst Cheney, Rumsfeld und auch Tony Blair) später danach befragt wurden, gaben sie alle die plumpste Ausrede zum Besten: Sie hätten sich halt auf die damaligen Geheimdienstinformationen verlassen. Was konnten sie denn dafür, dass diese falsch gewesen seien…! Aber die ganze kritische Weltöffentlichkeit hat bereits damals die Bodenlosigkeit dieser Lüge durchschaut (nur in der NZZ wurde sie noch am Dienstag dieser Woche, im Nachruf auf Powell, erneut kolportiert…). Und überhaupt, sagte Bush, er schlafe auch heute noch wie ein Baby. Ja, sagte Powell daraufhin, auch er schlafe wie ein Baby. Wie eines, das alle zwei Stunden schreiend erwache.

 

 

 

 

 

 

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Seit einem Jahr finden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der «Mittelländischen» Woche für Woche einen Kommentar von Dr. Reinhard Straumann. Mal betrifft es Corona, mal die amerikanische Aussen-, mal die schweizerische Innenpolitik, mal die Welt der Medien… Immer bemüht sich Straumann, zu den aktuellen Geschehnissen Hintergründe zu liefern, die in den kommerziellen Medien des Mainstream nicht genannt werden, oder mit Querverweisen in die Literatur und Philosophie neue Einblicke zu schaffen. Als ausgebildeter Historiker ist Dr. Reinhard Straumann dafür bestens kompetent, und als Schulleiter an einem kantonalen Gymnasium hat er sich jahrzehntelang für die politische Bildung junger Menschen eingesetzt. Wir freuen uns jetzt, jeweils zum Wochenende Reinhard Straumann an dieser Stelle künftig unter dem Titel «Straumanns Fokus am Wochenende» in der DMZ Mittelländischen Zeitung einen festen Platz einzuräumen.  


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