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«Farben haben Töne»

John Wolf Brennan
John Wolf Brennan

DMZ –  KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni ¦                                     John Wolf Brennan

 

Für ihr neustes Album haben sich das Quartett Pago Libre und das Trio Sooon zusammengetan. Das «Scharnier» bildet John Wolf Brennan, welcher beiden Formationen angehört. Wie kam es dazu und wie hat es Brennan mit den Farbtönen, der Ironie und mit dem Kick eines Live-Auftrittes?



Urs Heinz Aerni: Mit "Take it easy, but take it" sind Sie in der Sendung "Karusell" im Schweizer Fernsehen aufgetreten. Das war 1983. Wir schreiben nun das Jahr 2021. Wie nehmen Sie es mit dem Leichtnehmen?

John Wolf Brennan: Wow! Da haben Sie als Journalist super recherchiert - das hat heutzutage Seltenheitswert! Um ihre Frage wörtlich zu nehmen: am liebsten spiele ich natürlich auf einem Steinway-Flügel, der schon auf der Bühne steht - so hat’s in meinem Gepäck gerade mal ein paar Notenblätter und die Fischerleinen für mein «arcopiano»-Spiel, und die sind federleicht! Wenn ich mit einem E-Piano unterwegs bin zum Beispiel für Konzerte auf einem Schiff oder in einer SAC-Hütte, so wiegt mein Yamaha P-515 gerade noch ein Viertel des damaligen CP-80, dessen Saitenteil allein 66 Kilogramm wog. Dieses Instrument wurde damals auch von Peter Gabriel gespielt, aber im Unterschied zu mir hatte er seine Roadies zum Schleppen...

Aerni: Verzeihung, aber...

Brennan: Aber Ihre Frage zielt wahrscheinlich auch ganz allgemein auf «das Gewicht des Lebens», von dem man sagt, dass es mit zunehmendem Alter zunimmt.

Aerni: Ja, in der Art war die Frage gemeint.

Brennan: Und da darf ich glücklicherweise feststellen, dass mir heute alles ein bisschen leichter fällt als in meinen Anfängen. Ich weiss zwar immer noch nicht, «wie es geht» - vor einem Konzert oder einer neuen Komposition stehe ich nach wie vor wie ein Anfänger vor einem leeren Blatt. Aber mittlerweile löst das keine Panik mehr aus - mehr ein Kribbeln im Bauch und Herz, und das ist gut so.

Aerni: Nichts verändert seit damals?

Brennan: Ein Unterschied zu 1983 ist sicher die Rolle des Publikums in meiner und in unserer Musik. Über die Jahre lernt man die Resonanz besser schätzen, und so würde ich heute sagen, dass die Musik zu einem ganz wesentlichen Teil im Moment der Aufführung überhaupt erst zum Leben erwacht, und dazu braucht es eben eine aufmerksame und neugierige Zuhörerschaft.

Aerni: Das Spiel, ich nenne es auch Malen mit Musik, treiben Sie heute nach wie vor weiter. Wie würden Sie Ihre Motivation hierfür beschreiben?

Brennan: Klänge sind Farben - Klangfarben, und Farben haben Töne, Farbtöne: beides sind Schwingungen, sodass ich mir gar nicht vorstellen kann, Klänge nicht auch in Farben zu riechen, zu tasten, zu schmecken, zu hören und zu sehen. Bei Vokalmusik kommt noch eine weitere Ebene hinzu: diejenige der Worte, die im Englischen so stimmig «lyrics» heissen. Schon Orpheus hat seine Gedichte zur Lyra vorgetragen, und nach einer gewissen Anzahl Strophen dann jeweils eine Kata-Strophe eingebaut, ein frei improvisiertes Lyra-Intermezzo. Und natürlich hat jede Musik auch einen Ort: ganz wörtlich der Topos, und auch imaginativ, der U-Topos: die Utopie einer Seelenlandschaft. Diese Wechselbeziehungen zwischen innerer soundscape und äusserer landscape sorgen nicht nur für einen steten Nachschub von Motiven, sondern fast wie ein Perpetuum Mobile, für zuverlässige Motivation.

Aerni: Nun bringen Sie zwei Formationen gemeinsam auf die Bühne, das Quartett Pago Libre und das Trio Sooon. Bei beiden spielen Sie mit und nun die Fusion. Was trennt und verbindet die beiden Gruppen?

Brennan: Pago Libre ist als Stammbesetzung ein kammermusikalisches Quartett, ganz ohne Schlagzeug und auch meist ohne Gesang, das heisst, wir sind auch für die Perkussion verantwortlich, und fürs instrumentale Cantabile-Spiel. In der Vergangenheit haben wir uns aber immer wieder erweitert mit GastmusikerInnen, zum Beispiel für das Album «platzDADA!!» mit Vertonungen von Dada-Texten.

Aerni: Fast ein Kontrastprogramm zum Trio SOOON...

Brennan: Dieses Trio wiederum pflegt eine Art World Music, eine wilde Mischung aus Orient und Okzident, aus arabischen Rhythmen und Thurgauer Jodel. Da unser Hornist Arkady Shilkloper auch Alphorn spielt - auf diesem Instrument gilt er sogar als World Champion! - gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte, sodass das «FriendShip» mittlerweile weniger eine Fusion Group ist, sondern zu einer ganz eigenen klanglichen Identität gefunden hat.

Aerni: Mit der Plattentaufe im La Marotte wird mit einem "keltisch-helvetischem" Höhenfeuer bis hin mit einer "federleichten Studie in Schiffs-Salonmusik" und anderes mehr versprochen. Klingt nach musikalischer Ironie?

Brennan: Können Sie sich ein Leben ohne Ironie vorstellen?

Aerni: Niemals.

Brennan: Was wären wir Menschen ohne den feinen Humor von Loriot, von Mummenschanz, von Emil, von Franz Hohler, von Monty Python oder von Ursus Wehrli. Das Stück «Höhefüür» ist aber nicht nur ironisch gemeint, sondern wurzelt tatsächlich im alten keltischen Brauch, wo das Vieh zwischen zwei Höhenfeuern hindurch getrieben wurde zur Reinigung und Vorbeugung gegen alle Arten von Seuchenmals; und die «Salonmusik» bezieht sich auf ein ganz köstliches Stück der holländischen Sängerin Fay Lovsky. Im «FriendShip»-Repertoire finden sich ja auch noch weitere Klassiker der Goldenen Zeit der Rockmusik: von Pink Floyd, YES, von den Beatles, Jon Lord (Deep Purple) und von Sting (The Police), und auch da ist unser Zugang voll respektvoller Ironie.

Aerni: Demnächst wird daraus das Album von Pago Libre & Soon "FriendShip" erscheinen. Glauben Sie noch an die Musik, die gekauft und nicht gestreamt wird?

Brennan: Klangqualität ist doch keine Glaubenssache! Natürlich ist es superbequem, auf dem Handy schnell in den neuesten Song von Adele oder was auch immer reinzuhören. Aber wer sich wirklich auf das Abenteuer Musik einlassen will, der greift mit Vorteil auf CD oder Vinyl zurück, oder noch besser: kommt ins Live-Konzert!

Aerni: So ist ja auch eine Interaktion zwischen Musikerinnen und Musikern und dem Publikum möglich.

Brennan: Vor kurzem hatte ich ein Live-Konzert mit dem Klanglabor im «Little Big Beat» in Eschen in Liechtenstein, das gleichzeitig gestreamt wurde. Der Saal war voll, das Publikum total aufmerksam. Das Konzert wurde zur Sternstunde, für uns MusikerInnen wie auch für die ZuhörerInnen. Und raten Sie mal, nach was ganz viele Leute beim Apéro nach dem Konzert gefragt haben:

Aerni: Was?

Bennan: Wann kommt die LP raus? «Alte Zöpfe» haben also ihre Art, plötzlich wieder Avantgarde zu werden... Und wenn ein Werk wie die neue «FriendShip»-CD dann noch so liebevoll verpackt ist, mit hervorragender Comic-Kunst von Diego Balli, dann wird einem die Beantwortung dieser Frage ganz leicht gemacht, womit wir wieder bei Ihrer ersten Frage angekommen sind.



John Wolf Brennan wurde 1954 in Dublin geboren. Mit dem Ensemble Pago Libre pflegt er eine “stupende Virtuosität zwischen Klassik, Jazz und Folk” (SRF2). Als Komponist schrieb er zahlreiche Werke, u.a. “Traumpfade“ für Alphorn, Obertonstimme und Orchester (UA Tonhalle-Orchester/Kevin Griffiths 2018), “got hard” (UA Alpentöne Festival 2017), “Simmer Wäg?” (UA St.Gallen 2017), “Dädaleum”(paul taylor orCHestra/Solistin: Anna Herbst, UA 2015 Zürich), die Sprechoper “Güdelmäntig” (nach Thomas Hürlimann, UA 2004), die Oper “Night.Shift” (nach Rudolph Straub & W.H.Auden, UA 2007 St.Gallen, u.a. mit Noëmi Nadelmann), “A Golly Gal’s Way to Galway Bay“ für James Galway, “Zum Gipfel und zurück” für Arkady Shilkloper. Als Pianist schuf er sieben Soloprogramme, zuletzt “Pictures in a Gallery”, “Das Wohlpräparierte Klavier”, „The Speed of Dark“ und “Nevergreens”. Konzertreisen in Kanada USA, Japan, China, Russland, Ukraine und Europa. Er wohnt seensüchtig bergtüchtig in Weggis (keltisch “Wattawis”: “Ort der Fährleute”) am Vierstallwättersee.

www.brennan.ch

 

Live im La Marotte in Affoltern am Albis

 

https://www.lamarotte.ch/content/lama/events/_2021-10-23.html?reserve=true

 


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