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Sachsen rechts erleben - Reise in ein politisches Hochrisikogebiet

Sonntags an der B96: Verschwörungsideologien, Wutbürger und ihre Botschaften. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Sonntags an der B96: Verschwörungsideologien, Wutbürger und ihre Botschaften. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

DMZ  ¦ Raimond Lüppken & Dario Veréb ¦                    Sonntags an der B96: Verschwörungsideologien, Wutbürger und ihre Botschaften. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

GASTKOMMENTAR

 

Viele kennen den Osten Deutschlands kaum. Vor allem das wunderschöne Sachsen ist aber eine Reise wert. Geografisch gesehen liegt es genau richtig: Im Süden von Ostdeutschland, unweit von der Mitte und doch ganz rechts. Das bevölkerungsreichste Bundesland der ehemaligen DDR bietet viel Geschichte und Kultur. Einige historische Einstellungen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind immer noch präsent, deshalb widmen sich diese Empfehlungen den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen. Damit dem erfolgreichen Ausflug nach Sachsen nichts mehr im Weg steht.

 

Kultur und Lokalpolitik

Die Frauenkirche in Dresden, das Mendelsohn-Haus in Leipzig oder das Karl-May-Museum in Radebeul: Sie gehören zu den unzähligen Sehenswürdigkeiten, die die Region zu bieten hat. Doch wer Sachsen wirklich erleben möchte, muss sich mit der örtlichen Politik auseinandersetzen. Schliesslich erzielte die AfD hier den höchsten Stimmenanteil bei den letzten Landtagswahlen und erhielt auch bei den zwei vorherigen Wahlen einen Viertel der Stimmen.

 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich auch andere Parteien und Vereine aus dem rechten Lager in Sachsen wohlfühlen. So beispielsweise die rechtsextremistische Kleinpartei «III. Weg», die in Plauen ein Parteibüro hat. Sie gehört zu den expansivsten rechtsextremistischen Strukturen in Sachsen.

Noch bevor man den eigentlichen «Stützpunkt» – so nennt der «III. Weg» seine Büros – erreicht, kommt man auf der Hauptstrasse an einem Gebäude mit grossen Schaufensterplakaten vorbei, auf denen das Parteiprogramm zu lesen ist. Hier lohnt sich ein kurzer Zwischenstopp. Das Zehn-Punkte-Programm ist kurz, prägnant und eignet sich ideal als authentisch-sächsische Kulisse für Familienfotos.

 

Das Parteibüro ist von hier aus zu Fuss erreichbar, der Spaziergang nur für stramm deutsch aussehende Bürger ungefährlich. Nachdem man sich mit Programmpunkten wie «Heimat bewahren», «Umweltschutz ist Heimatschutz» oder «Deutschland ist grösser als die BRD» beschäftigt hat, macht sich der Hunger bemerkbar. Das italienische Restaurant an der Strassenecke, das von einem Herrn Mustafi betrieben wird, kommt da wie gelegen. Vielleicht begegnet man hier auch den Parteimitgliedern, die den Slogan «Multikulti tötet! Überfremdung stoppen!» nicht so genau nehmen, wenn sie Hunger haben. Sie erklären einem den Begriff «Volksverräter» sicher gerne.

  

Das Wahlprogramm der rechten Kleinpartei "III. Weg" an einem baufälligen Haus in Plauen. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Das Wahlprogramm der rechten Kleinpartei "III. Weg" an einem baufälligen Haus in Plauen. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

 

Übrigens sind auch die Konkurrenten des «III. Weg», die «Jungen Nationalisten» (JN)unweit von Plauen angesiedelt. In der Markersdorfer Strasse in Chemnitz steht ein baufälliges Haus, das nur durch die Namensschilder am Briefkasten als Partiebüro zu erkennen ist. Leider ist der Charme des ehemaligen Gasthofs verblasst, sodass sich das Gebäude nicht als Sehenswürdigkeit deklarieren lässt. Die von der JN propagierten Werte «Ordnung und Sauberkeit» sind hier nicht erkennbar. Vielleicht gelingt es der JN ja irgendwann die unzähligen Handwerker in der rechten Szene zu mobilisieren, wodurch ihr Büro doch noch gewünschte und ungewünschte Aufmerksamkeit erhielte.

 

Souvenirs mit politischer Botschaft

Man war nicht wirklich in den Ferien, wenn man ohne Souvenir zurückkehrt. Doch meistens lässt die Auswahl an Erinnerungsstücken zu wünschen übrig. Es muss all den gesammelten Eindrücken gerecht werden und sollte den Ferienort in seiner Essenz spiegeln.

Glücklicherweise gibt es in Sachsen diverse Geschäfte, die zu den Geheimtipps der örtlichen Szene gehören und daher nicht enttäuschen. Gewisse Etablissements, wie das «Tønsberg» in Chemnitz sind aufgrund medialer Aufruhr zwar bekannter, doch auch hier findet man eine grosszügige Auswahl an Kleidungsstücken, wie sie die sächsischen Rechtsextremisten mögen.

 

Die Marke «Thor Steinar» hat unter Hooligans und Neonazis Kultstatus, einige Stadien und Universitäten verbieten sie deshalb. Viele T-Shirts und Pullover scheinen einfach nur Wikinger-Fans anzusprechen, doch hier und da taucht ein Design auf, das stutzig macht. Auf einem farbigen Oberteil steht gedruckt: «Heute tolerant, morgen fremd im eigenen Land.» Ein anderes ziert den berühmten Slogan der Coronarebellen: «Gib Gates keine Chance.» Nebst Wikingern und Runen sind Waffen und Totenköpfe ein häufiges Motiv. Auf einigen Kleidungsstücken prangt die Zahl «44» in einer eckigen Schrift, die stark an das Abzeichen der SS erinnert. Die unterschwelligen Botschaften sind unmissverständlich.

 

Da «Thor Steinar» so berühmt ist, dass die Marke mancherorts verboten ist, sucht man sich vielleicht lieber etwas Unbekannteres als hippes Mitbringsel. Der Laden «Backstreet Noise» liegt ausserhalb von Chemnitz nur 20 Minuten vom «Tønsberg» entfernt und bietet genau das Richtige. Während man im vorderen Teil des Geschäfts bekannte Marken wie «Alpha Industries» oder «Lonsdale» findet – wobei auch diese häufig mit Rechtsextremisten assoziiert werden – führt eine weisse, unscheinbare Tür auf der Rückseite des Gebäudes zu einer separaten Ladenfläche mit weniger populären Kleidungsstücken. Den Eingang ziert ein Verbotsschild auf dem geschrieben steht: «Political Correctness – Nein danke!» Gleich daneben, über dem Briefkasten: «Zutritt für Presse, TV und Polizei ohne vorherige Absprache verboten! Zuwiderhandlungen stellen einen strafbaren Hausfriedensbruch dar!» Wer sich trotz dieser Fassade ins Innere wagt, den erwartet die grösste Auswahl an Rechtsrock-CDs in Chemnitz. Auf den Albumcovers liest man einschlägige Begriffe und Codes wie «Randgruppe Deutsch», «Stahlgewitter» und «14 sacred words». Auf den Kleidungsstücken prangen Schriftzüge wie «Keep it white», «Fuck BLM», «Aryan Brotherhood» und «Against the sick society». Statt «The North Face» steht auf einem T-Shirt «The White Race». Ebenfalls erhältlich: Stickers und Pins mit altdeutscher Symbolik.

 

 

Rechtsextreme Musik findet man auf der Rückseite des Kleidungsladens Backstreet Noise. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Rechtsextreme Musik findet man auf der Rückseite des Kleidungsladens Backstreet Noise. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man in der Umgebung des Ladens muskulöse, kurzhaarige Männer antrifft, die die hier erhältlichen Kleidungsstücke zur Schau tragen – auf dem unweiten Parkplatz steht das passende Auto mit dem Code «1488» auf dem Kennzeichen.

 

Unterhaltung für die ganze Familie

Im Familienurlaub sind Quengeleien von Seiten der Jüngsten vorprogrammiert. Meist lässt sich die akute Unzufriedenheit aber mit einem Präsent überbrücken. In Bautzen findet man am Kornmarkt den «Holzwurm», ein Spielwarengeschäft mit einer grossen Auswahl an Holzspielwaren, Gesellschaftsspielen, Büchern und rechter Propaganda, sowie diversen verschwörungsideologischen Schriften. Dem aufmerksamen Beobachter fällt schon vor dem Betreten des Geschäfts das hübsch ausgestaltete Schaufenster auf, in dem sich Karl Mays Indianer und Cowboys mit den Problemen der Moderne rumschlagen. Sheriff Bill (Gates) «der Selbstlose» und Häuptling Jens (Spahn) «der Vertrauenswürdige» wecken zwar keine Erinnerungen aus der Kindheit, doch in Verschwörungsideologien rundum das Coronavirus wie Impfpflicht, Microchips und 5G tauchen die Akteure seit Monaten regelmässig auf. Der Sheriff kontrolliert den «Stamm der Coronen» und setzt seine wirtschaftlichen Machtinteressen beim Häuptling durch. Medizinmann Christian (Drosten) setzt derweil auf einen unzuverlässigen «Coronen-Test» und stürzt den Stamm ins Unglück. An diesem Laden kann man nicht einfach vorbeigehen.

 

Während sich die Kinder im Labyrinth aus Regalen austoben, finden die Eltern im Geschäft verschiedene Zeitungen und Magazine zum Durchblättern. In einer Box mit der Aufschrift «Gratis Zeitung» liegt das Informationsblatt «Stimme und Gegenstimme». Es enthält zahlreiche Beiträge, die auf dubiose Quellen wie «Klagemauer TV» hinweisen. Der Verfasser dieses Mediums ist die schweizerische Sekte «Organische Christus Generation» (OCG). Sie ist eine der grossen Namen im Verschwörungswirrwarr um das Coronavirus – deshalb hat sich ihre Publikation den Platz gleich am Eingang des Geschäfts ergattert. Die OCG ist vor allem für das Veranstalten der Anti-Zensur-Koalition (AZK) bekannt. Rechtsextreme Verleger und Holocaust-Leugner halten dort Reden und vernetzen sich mit rechtsextremen Gruppierungen wie dem Verein «Ein Prozent für unser Land» oder der «Nationaldemokratischen Partei Deutschlands» (NPD). Diese Veranstaltung ist garantiert nicht für Kinder geeignet.

 

 

Das in der verschwörungsideologischen Szene bekanntes Spielwarengeschäft in Bautzen. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Das in der verschwörungsideologischen Szene bekanntes Spielwarengeschäft in Bautzen. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

 

Auf der Suche nach mehr Lesestoff finden Eltern auch Magazine wie «Free21» oder «Mobilfunk – die verschwiegene Gefahr». Der beiliegende Sticker der Bürgerinitiative «Eltern stehen auf», die sich gegen die Maskenpflicht wehrt, passt besonders gut auf Familienkombis. Nachdem sich Jung und Alt im «Holzwurm» bedient haben, fehlt nur noch ein belegtes Brötchen mit echtem Bautzner Senf, um die Gemüter vollends zu beglücken.

 

Verschwörungserzählungen an der Bundesstrasse

Weil die Sachsener Sehenswürdigkeiten im ganzen Bundesland verteilt liegen, ist der fahrbare Untersatz in diesen Ferien ein Muss. Mit der Rechtsrock-CD im Laufwerk und dem «Eltern stehen auf»-Sticker auf der Stossstange wird die Fahrt zum Erlebnis. Wem die Autobahn dennoch zu eintönig ist, der befährt am besten die B96. Besonders sonntags zwischen 10 und 11 Uhr lohnt sich der Umweg über die Bundesstrasse, die durch zahlreiche Dörfer führt. In dieser Stunde wagen sich nämlich die deutschen Nationalisten auf den Gehsteig und hissen dort die Reichskriegsflagge. Einige Trikoloren sind mit dem preussischen Adler, dem Porträt von Donald Trump oder dem Logo der «QAnon»-Bewegung angereichert. Selbstverständlich sind auch die Corona-Rebellen mit von der Partie, erkennbar an Schildern wie «Angst frisst Hirn», «Schlaft ihr noch?», «Die Gedanken sind frei» oder «Nie wieder Diktatur und Verfolgung von Minderheiten». Besonders die Inszenierung als Unterdrückte auf Letzterem ist ein klares Erkennungsmerkmal. Sie winken den vorbeifahrenden zu, feiern das Gehupe als Auflehnung gegen staatliche Normen und lassen sich voller Stolz auf Fotos und Videos verewigen. Dass man die höchste Konzentration an Flaggen und Schildern zwischen Bautzen und Zittau findet, trifft sich gut. Von dort ist die Flucht aus Sachsen nach Polen oder Tschechien für fassungslose Touristen ein Leichtes.

 

 

Reichsfahnen, Sachsenfahnen und Transparente: ein gewohntes Bild an der B96. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Reichsfahnen, Sachsenfahnen und Transparente: ein gewohntes Bild an der B96. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

 

Besucher mögen sich für einige der Protestierenden an der B96 fremdschämen, die lokalen Unternehmer tun dies nicht. Die Hentschke Bau GmbH, die auf der Parteispendenliste der AfD auftaucht und deren Geschäftsführer Jörg Drews verschiedene alternative Medien mitfinanziert, hat nichts gegen die Reichskriegsflaggen vor seinem Firmengrundstück – auch nicht, wenn sie an seinem Zaun befestigt werden. Er leugnet zwar seine Nähe zu den Protestierenden, doch die Veranstaltungen, die er organisiert und mitfinanziert, offenbaren seine Gesinnung eindeutig. Drews lädt zu Symposien, die die Klimaerwärmung in Frage stellen, verbreitet im Rahmen der Vortragsreihe «Von Bürgern für Bürger» Verschwörungsideologien und unterstützt die Plattform «Denkste Mit?!», die Beiträge zu denselben Verschwörungen weiterverbreitet. Das mulmige Gefühl, das Vorbeifahrende beschleicht, dürfte dasselbe sein, das den Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens umtreibt. Die «Affinität zu Verschwörungstheorien» des Unternehmers, der auch Mitglied im Stadtrat ist, macht ihm zu schaffen.

 

Die Reise geht zu Ende

Natürlich lässt sich Sachsen auch jenseits des Problems Rechtsextremismus erleben. So gibt es neben schöner Landschaft auch sehenswerte Grossstädte wie Leipzig und Dresden, mit den entsprechenden Stadtteilen Connewitz und Neustadt, die vorwiegend linksalternative Kultur bieten. Zahlreiche Schlösser und Parks laden zum Verweilen ein, auf der Elbe geniesst man Bootstouren fernab von Politik und dem hektischen Alltag. Wer das Bundesland in bleibender Erinnerung behalten will, könnte sich in Cunewalde ein Souvenir für die Ewigkeit besorgen. Das Tattoostudio eines Freundes des Nazi-Rappers Chris Ares besuchen und sich dort eine Rune oder schwarze Sonne stechen lassen – ein unvergesslicher Abschluss für den radikalisierten Touristen.

 

 

Tattoostudio der rechten Szene in Cunewalde. In der Umgebung findet man viele einschlägige Aufkleber. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)
Tattoostudio der rechten Szene in Cunewalde. In der Umgebung findet man viele einschlägige Aufkleber. (Bilder von Dario Veréb und Raimond Lüppken)

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