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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Wenn Künstler ihre eigenen Werke zerstören III

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        

 

Für Hartgesottene: Im dritten und letzten Teil meiner Kolumnenserie über Künstler*innen, die ihre eigenen Werke zerstören, geht es um nichts Geringeres als Mord und Totschlag. Denn heute widmen wir uns einigen Maler*innen, Bildhauer*innen und Kunstschaffenden, die ohne mit der Wimper zu zucken, ihren eigenen Arbeiten derart zusetzten, dass man von einem Akt hemmungsloser Vernichtungswut sprechen muss. Dabei wurden Kunstwerke, an denen sie teilweise über Monate und Jahre gearbeitet hatten, in einem Augenblick geballten Furors nicht nur zersetzt, zerhackt und zerschlagen, sondern auch regelrecht verglüht und verbrannt.

 

Wer die ersten beiden Teile verpasst hat, kann sie hier gerne nachlesen: https://bit.ly/30TtBo1 und https://bit.ly/2ZIA6tz.

 

Ein lustvoller Vernichter seiner Kunst war der Berner Bildhauer und Plastiker Bernhard Luginbühl (1929-2011). Vor allem in den 1990er-Jahren trat er als «Verbrennungskünstler» auf, als er riesige Holzskulpturen dem Feuer übergab.

https://bit.ly/3brDWcN Diese mit Rädern, Pfeilen, Rohren, Zylindern und Inschriften versehenen fiktiven Maschinen verglommen bei spektakulären Happenings, unter der Beigabe von Feuerwerk und Musik, vor Hunderten von Zuschauern.

Er feierte sich damit als Künstler, der es nicht nur in der Hand hatte, Kunstwerke in die Welt zu setzen, sondern ihr diese auch wieder zu entziehen. Dabei waren ihm seine Schöpfungen ganz offensichtlich auf Tod und Verderben ausgesetzt.

 

1970 verbrannte John Baldessari (1931-2020) in San Diego im Aufsehen erregenden Cremation Project alle seine zwischen 1953 und 1966 entstandenen Malereien. Der Grund war ein Umzug. Als er vom California Institute of Arts als Kunstprofessor nach Los Angeles berufen wurde, hätte er mit Sack und Pack und über 100 Bildern seinen neuen Wohnsitz beziehen müssen. Das war ihm wohl zu anstrengend. Also nutzte er die Gelegenheit für einen Paukenschlag und trennte sich von seinem bisherigen Schaffen.

Aus der so gewonnenen Asche backte er dann Kekse, die er in eine Urne steckte und sie zusammen mit dem Backrezept ausstellte. Ein Jahr später schrieb er auf die Wand einer Galerie folgenden Satz in einer endlosen Wiederholung: «I will not make any more boring art.» Hier findet Ihr ein spannendes Interview mit dem Künstler:

https://bit.ly/31hLJbo  

 

Anders, ganz anders nehmen sich die nun folgenden Begebenheiten aus:

Nach einer erfolgreichen Ausstellung seiner Gemälde im Jahr 1913 überfiel den französischen Maler Charles Camoin (1879-1965) https://bit.ly/2ZLsshV eine schwere Depression. Worauf er über 80 seiner Gemälde zerschnitt und die in Fetzen liegenden Überreste beseitigte. Ein wirklich trauriges Ereignis, und für die meisten Künstler*innen wäre dies das Ende der Angelegenheit gewesen. Nicht aber in diesem Fall. Denn die eigentliche Geschichte beginnt erst jetzt. Unter nicht rekonstruierbaren Umständen wurden genau diese Überbleibsel, diese Bruchstücke einmaliger Bilder, gerettet. Und zwar von einem Schriftsteller namens Francis Caro, der sie aufwendig restaurieren ließ. Als er die Gemälde später versteigern wollte, verklagte ihn Camoin. Und zwar nicht, weil er der Meinung war, Caro würde sich hier unstatthaft bereichern und ihn als Schöpfer finanziell übergehen, das war er natürlich auch, sondern weil er darauf bestand, dass er diese Werke vernichtet hätte und er sie daher aus der Welt haben wolle. Da nützte alles Argumentieren seitens der Verteidigung nichts. «Charles Camoin hätte seine Werke ja zerstört und weggeworfen und er, Caro, hätte sie nicht nur für die Nachwelt gerettet, sondern auch für teures Geld wieder instand setzen lassen.» Das Gericht befand, dass das Urheberrecht, das Recht des Künstlers an seinem Werk, in diesem Fall überwiege, und wenn der Maler nicht wolle, dass die in seinen Augen fehlerhaften Gemälde in Umlauf kämen, Caro sie abermals zu entsorgen hätte. Worauf dies der einzige Fall in der Geschichte ist, den wir kennen, bei dem ein Künstler seine Werke gleich zweimal ausgemerzt hat.

 

Ähnliches Tun kennen wir auch von Jasper Johns (geb. 1930 in Georgia) und Francis Bacon (1909-1992). 1954 nahm Jasper Johns https://bit.ly/3jThePs all die Bilder und Collagen, die er bis zu diesem Zeitpunkt geschaffen hatte, und machte sie vollständig platt. Im Gegensatz zu anderen Künstler*innen, die so etwas mit ihrer Kunst gemacht haben, ist von Johns’ Frühwerk so gut wie nichts übrig geblieben, nicht einmal Fotos. Es ist, als ob er die Kunstwelt direkt mit seinen berühmtesten Bildern, denjenigen der amerikanischen Flagge, betreten hätte.

Francis Bacon https://bit.ly/3Ev9vid zerstörte zwischen 1942 und 1943 ebenfalls seine künstlerische Produktion der zurückliegenden Jahre. Aus dem Zeitraum von 1929 bis 1944 blieben nur ganze 15 Bilder erhalten. Doch dies war kein einmaliger Vorgang. Im Laufe seiner Karriere schnitt Bacon immer wieder Teile aus seinen Leinwänden, von denen er dachte, dass sie nicht gut genug wären. Nach seinem Tod fanden sich über 100 Leinwände in seinem Atelier, denen er eine solche Behandlung zugedacht hatte.

 

Mit der Übermalung seiner meterhohen Graffiti im Industrieviertel von Bologna protestierte der international bekannte Street Artist Blu https://bit.ly/3w2SfOD 2016 gegen die Einvernahme in einer Ausstellung im Historischen Museum der Stadt. Nachdem man den lokalen Künstler*innen jahrelang das Leben schwer gemacht und sie mit Bussen für ihre illegal angebrachte Kunst nur so überzogen hatte, sollten ausgerechnet diese mit einer Kunstmesse geehrt werden. Wobei man sie allerdings weder um ihre Mithilfe bei der Konzeption der Ausstellung noch um Leihgaben ihrer Werke bat. Man trennte die Graffiti mit einem speziellen Verfahren von den Wänden ab, veröffentlichte sie im Museum und behielt sie dann als Besitzt der Kommune.

 

Erwähnung müssen an dieser Stelle unbedingt noch die Schiessbilder von Niki de Saint Phalle (1930-2002) finden. Gemälde, oder vielmehr Reliefs – zumeist sehr flache Skulpturen mit aufgeklebten oder sonst wie befestigten Gegenständen und mit Gips überzogen - in der Form von grossen Bildern, aber auch von Altären, in denen Farbbeutel versteckt waren. Zwischen 1961 und 1963 führte sie zwölf Happenings durch, bei der geladene Künstlerfreunde mit Gewehren auf die schneeweissen Plastiken zielten. Das fertige Werk war dann jeweils die über den Haufen geschossene, aus all ihren Löchern blutende Skulptur... https://bit.ly/3nNxIK7

 

Der Grund, warum Künstler*innen ihre Werke zerstören, ist letztlich immer ein individueller. Kennengelernt haben wir in den letzten Wochen mannigfaltige Motive und Strategien. Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass Künstler*innen seit je ihre Werke vernichtet haben, weil sie ihre Schöpfungen für misslungen hielten, sie dem Verkauf entziehen wollten, sie das Thema der Vergänglichkeit faszinierte, sie Katharsis in der Vernichtung ihrer Werke suchten oder weil sie die Grenzen des Machbaren ausloten wollten und diese geschickt für ihre Publizität nutzten.

 

Und doch bleiben am Ende viele Fragen. Geben Mode und Zeitgeschmack, denen die Kunst unterliegt, nicht sowieso ein Verfallsdatum vor? Und dies nicht nur bei der zeitgenössischen Kunst? War das Schreddern von Banksys «Girl with Balloon» gerade deshalb so aufregend, weil es live bei Sothebys geschah, unmittelbar nachdem es für einen absurd hohen Preis verkauft wurde? Und ist das Zerstören von Kunst ein Akt manischer Depression, den wir in Anbetracht der Zerstörung unzähliger Kunstwerke und Kulturschätze durch Kriege und Naturkatastrophen ganz besonders bedauern sollten? Oder obliegt die Auswahl dessen, was gut und was schlecht ist, ausschliesslich der/dem Schöpfer*In? Eure Meinung zum Thema würde mich sehr interessieren.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

 

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