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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Alles was Ihr schon immer über Netflix wissen wolltet, aber bis anhin nicht zu fragen wagtet. Teil II

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        

 

Alles was Ihr schon immer über Netflix wissen wolltet, aber bis anhin nicht zu fragen wagtet. Herzlich willkommen zum zweiten Teil. Wer die erste Kolumne verpasst hat, kann diese hier gerne nachlesen: https://bit.ly/3Cfh0ID

 

In der ersten Folge unserer Saga über den Streaming-Giganten haben wir festgestellt, dass das Unternehmen schon seit 1997 existiert. Wir wurden Zeuge einer bewegenden Gründungsgeschichte und der mannigfaltigen Strategien derer sich die Firma bediente, um ihre weltweite Expansion voranzutreiben. Mittlerweile erhält man den Online Streamer nur in China, Nordkorea und Syrien nicht.

Spricht man über Netflix, dann spricht man zwangsläufig über deren grandiose Eigenproduktionen. Wie es dazu kam und wie alles mit «House Of Cards» begann, haben wir das letzte Mal besprochen. Heute geht es nun weiter.

 

Eine weitere Vorgehensweise, derer sich das Unternehmen bediente, war es, anderswo eingestellte Serien einzukaufen, um sie exklusiv fortzuführen. Wie z.B. «Arrested Development», «Star Wars: The Clone Wars» und «The Killing» oder man liess alte Serien wieder aufleben wie «Gilmore Girls», «Fullhouse» und «The West Wing». Und weil Reed Hastings, der Gründer der Firma, merkte, dass serieller Content grundsätzlich gut funktionierte, wurde fortan verstärkt auf dieses Genre gesetzt.

 

Allein im Jahr 2017 wurden sechs Milliarden US Dollar für Eigenproduktionen zur Verfügung gestellt. Das Verrückte dabei war, dass Hastings damals schon meinte, dass dies eine eher kleine Zahl sei und in den nächsten Jahren noch viel grössere Budgets auf sie zukommen würden. Und recht sollte er behalten. Denn 2020 betrug das Budget für die Produktion eigener Serien und Filme sage und schreibe 17,3 Milliarden US Dollar.

 

Dass der Erfolg von Netflix so eng mit dem Namen von Reed Hastings verknüpft ist, erinnert an die visionären Unternehmer von Apple, Amazon und Co. Aber es gibt da tatsächlich signifikante Unterschiede. Hastings hat seine Firma sogar einmal als Anti-Apple bezeichnet. Während bei Apple Informationen nur gestückelt an Abteilungen herausgegeben werden und nur das Nötigste auch unter den Abteilungen ausgetauscht wird, weiss bei Netflix praktisch jeder alles. Offene Kommunikation und auch der Mut Missstände anzusprechen sind sogar Sachen die Hastings von den Mitarbeiter*innen einfordert. Denn nichts sei schlimmer, als Dinge einfach schweigend hinzunehmen, obwohl man es eigentlich nicht will. Angeblich begrüsst er auch jede^n neue^n Mitarbeiter*in persönlich und erklärt dabei die firmenphilosophischen Seiten des Unternehmens. Zumindest so die Legende, denn mittlerweile verfügt die Gesellschaft global über 9400 Mitarbeiter*innen.

 

Die Transparenz geht aber auf jeden Fall so weit, dass Netflix seinen Algorithmus, der die individuellen Empfehlungen berechnet, mit der Frage wer denn das besser hinbekommen würde, schon mal im Netz offenlegte, und als dann ein Team von Princeton Studenten ihn um 10% effizienter machte, hierfür eine Million US Dollar bezahlte. Das Ziel der Firma ist es nämlich nach wie vor, genau diese Vorschläge zu perfektionieren. Es sollen immer weniger Empfehlungen an den Kunden hinaus, aber diese sollen dafür möglichst ins Schwarze treffen. Und ausserdem sollen die Gehälter beim Streamingdienst scheinbar überdurchschnittlich hoch sein. So ganz im Gegensatz zu Amazon. Auch hier spürt man den Willen heraus, Geld in die Hand zu nehmen.

 

2020 konnte Netflix aufgrund der veränderten Lebensumstände in der globalen Corona- Pandemie 36,5 Millionen neue Abonnent*innen gewinnen und verzeichnete bis zum Ende des Jahres über 200 Millionen zahlende Kund*innen. Bis Ende Juni 2021 hatte das Unternehmen 209 Millionen Nutzer*innen, davon 73 Millionen in den USA und Kanada, 68 Millionen in Europa, 38 Millionen in Lateinamerika und 27 Millionen in Asien.

 

Aufgrund der weltweiten Beliebtheit südkoreanischer Filme, Fernsehserien und des K-Pops (südkoreanische Popmusik) verstärkt das Unternehmen sein Engagement in den besagten Markt fortlaufend. Dies um sowohl lokale Abonnenten anzusprechen als auch um international von der koreanischen Welle zu profitieren. So investierte Netflix zwischen 2015 und 2020 700 Millionen US Dollar in dortige Produktionen. 2021 alleine waren es schon über 500 Millionen. Dass sich ein solches Investment längerfristig auszahlt, hat ihnen dieses Jahr recht geben, ist doch die Mitte September veröffentlichte Serie «Squid Game» die bis anhin erfolgreichste aller Zeiten, und stellt die bisherigen Blockbuster «Bridgerton», «Stranger Things», «Haus des Geldes», «The Witcher», «Lupin», «13 Reasons Why» und «Queen’s Gambit» völlig in den Schatten.

Was auffällt: unter den fünf erfolgreichsten Serien befinden sich überraschend viele Schöpfungen, die nicht aus den USA stammen. Neben «Squid Game» sind dies: «Haus des Geldes» aus Spanien und «Lupin» aus Frankreich.

 

Nur wenige wissen, dass der Aufstieg von Netflix im Jahr 2012 mit einer nicht amerikanischen Produktion begann. Ein Jahr bevor der heutige Streaming-Gigant mit «House of Cards» und «Orange Is The New Black» anfing, Hits am laufenden Band herzustellen, entwickelte er mit dem norwegischen Fernsehsender NRK die Krimiserie «Lilyhammer». Und je weiter das Unternehmen aus dem kalifornischen Los Gatos sich in den Jahren danach über die Weltkugel ausbreitete, desto öfter schloss es auch Filmschaffende ausserhalb der Vereinigten Staaten in ihre Produktionen mit ein. In siebzehn verschiedenen Sprachen und rund zwei Dutzend Ländern werden mittlerweile eigene Serien gedreht. Mit «Queen Sono» hat letztes Jahr auch der afrikanische Kontinent sein erstes Original erhalten. Leider jedoch gehen viele dieser oft kleinen Produktionen in der Flut neuer Serien und Filmen unter.

 

Natürlich weist Netflix deutschsprachige Kunden auf Produktionen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz hin. Und einheimische Originale wie «Dark», «How to Sell Drugs Online», «Freud», «Unorthodox» und «Biohackers» erfreuen sich dann auch grosser Beliebtheit. Gleiches geschieht mit Schöpfungen aus anderen Sprachregionen. Aber wenn es eine nationale Produktion nicht schafft, wie «Haus des Geldes», zu einem internationalen Hit zu werden, dann muss man dem Streamingdienst schon seine spezielle Vorliebe für die Filme eines bestimmten Landes nahegelegt haben, damit sie einem überhaupt angeboten werden.

Diesem Makel zum Trotz, wird in naher Zukunft sogar auf ein weiteres Angebot gesetzt. Videospiele sollen die Unterhaltungspalette erweitern. Im Juli dieses Jahres wurde hierfür extra eine Entwicklungsabteilung gegründet.

 

Ungeachtet aller Vorteile die uns Streamingdienste bieten, wäre es doch sehr schade, wenn Netflix & Co das Kino ersetzen würden. Denn gar manche Filme sind schlicht und ergreifend fürs Kino gemacht und nicht für den Laptop, das Tablett, oder den Flachbildschirm. Und das Kino ist auch der einzige Ort, indem der Film die Gewalt über die Zuschauer*innen hat und nicht umgekehrt.

 

Man kann nicht pausieren, man kann nicht vorspulen, man kann keine Stelle nochmals anschauen: man muss sich dem Gesamtwerk in seiner ganzen visuellen und akustischen Opulenz ohne Kompromisse hingeben. Die guten Szenen geniessend, die schlechten ertragend.

 

Wie sieht es denn bei Euch aus? Was ist Eure Meinung zu den ganzen Online Streamern? Fast jeder schaut sie ja vermutlich. Aber bedeutet dies für Euch auch, dass Ihr deswegen weniger ins Kino geht? Wartet Ihr auch manchmal bis es einen Film bei HBO, Mubi, Sky, Disney oder Netflix gibt? Und schaut ihn Euch erst dann an? Mich würde dies sehr interessieren.

 

Ganz liebe Grüsse und bis nächste Woche.

Euer Alon

 

 

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