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Straumanns Fokus am Wochenende - Die Gewährleistung der Narrenfreiheit

DMZ – POLITIK ¦ Dr. Reinhard Straumann ¦   

KOMMENTAR

 

Die Inzidenzzahlen schiessen durch die Decke, die Fallzahlen jagen täglich neue Rekorde. Spitaleinweisungen gibt es zwar nicht mehr ganz so viele wie in den früheren Wellen der Pandemie, aber die absoluten Zahlen der Neuinfizierungen sind so hoch, dass die Gesundheitssysteme der deutschsprachigen Länder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stossen. Die Schweiz zaudert noch (wohl wegen der bevorstehenden Abstimmung über das Covid-Gesetz), aber Deutschland hat die flächendeckende 2G-Regel bereits vorankündigt. Am Dramatischsten ist es bei unseren östlichen Nachbarn. In einem Spital in Oberösterreich – war am Donnerstag in den Zeitungen zu lesen – habe es so viele Todesfälle gegeben, dass der Anfall an Leichen nicht mehr würdig bewältigt werden konnte; sie wurden einfach fürs erste in den Hausgang gerollt und dort liegen gelassen. Gemäss den «Salzburger Nachrichten» wurde in der Mozartstadt wegen «totaler Überlastung» der Landeskliniken konkretisiert, was seit Beginn der Pandemie vor zwanzig Monaten angedroht war, aber doch nie jemand wirklich geglaubt hat: Salzburg hat ein Triage-Team zusammengestellt, welches entscheidet, welche Patienten und Patientinnen noch intensivmedizinisch behandelt werden können. Für die andern gibt es nur noch gute Wünsche, dann den Abgang.

 

So weit, so tragisch. Das wahrhaft Unfassbare an der Sache ist jedoch, dass es sich um ein Problem handelt, für das es eine Lösung gäbe. Aber Millionen von Menschen verweigern sich dieser Lösung, der Impfung. Warum? Man könnte viele Gründe aufzählen… Angst und Unwissenheit zählen dazu, aber erst in zweiter Linie. Zuvorderst steht der Hochmut der Impfskeptiker, der sich in ihrer Hybris manifestiert, wir könnten mit einem Problem von Leben und Tod umgehen wie mit einer gesellschaftlichen Laune. Offenbar gehört es zum westlichen Wohlfahrtsstaat, dass einer Minderheit gewährt werden muss, die Mehrheit in Geiselhaft zu nehmen. Während in weniger entwickelten Ländern die Menschen nach der Impfung flehen, lassen wir unsere eingelagerten Dosen vergammeln. Die Angehörigen der Minderheit machen ihr Recht der Impfverweigerung zur Pièce de résistance ihrer Vorstellung von Freiheit. Die Folge ist eine Unzahl von Erkrankungen, von Folgeleiden und Todesfällen, die – anders als zu Beginn der Pandemie – heute absolut vermeidbar wären. Das ist der eigentliche Skandal. Dazu kommt eine Verluderung des Freiheitsbegriffs und damit der Demokratie.

 

Derzeit wird «Freiheit» am lautesten von denjenigen in die Welt posaunt, die sich offenbar am wenigsten über den Begriff Gedanken gemacht haben. Beispielsweise vernehmen wir aus den Verhandlungen um eine zukünftige Regierungsbildung in der Bundesrepublik Deutschland («Ampelkoalition»), dass für die FDP eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen exakt ihrer Vorstellung von Unfreiheit entspreche. Christian Lindner, der smart auftretende FDP-Chef, erhebt sie zur Conditio sine qua non für das Weiterführen der Verhandlungen mit rot und grün.

 

Mehr intellektuelle Bedürftigkeit ist kaum denkbar, als in diesem Verständnis von Freiheit zum Ausdruck kommt. Dabei müssten doch gerade die Liberalen, die das Freiheitliche im Namen tragen, die Experten sein. Aber weiter als bis zur Ablehnung eines Staates, von dem immer alles Mögliche gefordert wird, der aber selbst offenbar nie etwas fordern darf, kommen sie nicht. Trotz des weltmännischen Auftretens ihres Chefs sind sie mit den hinterwäldnerischen «Freiheitstrychlern» der schweizerischen Urkantone geistesverwandt. Beide stranden dort, wo an die Stelle der Verweigerung eine Reflexion über Verantwortung treten müsste. Was sie verbindet, ist das Libertäre: die dumpftumbe Ablehnung des Staates um ihrer selbst willen.

«Freiheit bedeutet Verantwortung», sagte einst George Bernhard Shaw, und fuhr fort: «darum fürchten sie die meisten Menschen.» Die Definition des irischen Dramatikers und die daraus abgeleitete Konsequenz würden das Nachdenken lohnen – aber beide Sätze haben mit der libertären Lebenswirklichkeit nicht das Geringste zu tun. In einer Zeit, in der manche Menschen durch Selbstsucht den Respekt vor jedem höheren Wert marginalisieren, verlieren sie den Respekt vor der Freiheit. Denn sie sind zu beschränkt, den Zusammenhang mit der Verantwortung zu erkennen. Wie sollten sie auch, wenn es in ihrem Weltbild die Verantwortung nicht gibt?

 

Die deutsche FDP will Regierungsverantwortung, aber ihre Parteispitze ist nicht fähig zu erkennen, dass Freiheit mehr ist als das unbeschränkte Dahinbretterns auf Autobahnen mit unbeschränkter PS-Zahl unter der Motorhaube. Und unsere «Freiheitstrychler» (und alle ihre Zugewandten) sind unfähig zu erkennen, dass das Covid-Zertifikat, dem ihr Zorn gilt, der Gesellschaft nebst ein paar (minimalen) Beschränkungen einen unglaublichen Zugewinn an Freiheit für diejenigen gewährt, die sie in Verantwortung wahrnehmen: indem sie sich impfen lassen.

 

Wenn die Querdenker, die nicht denken können und stattdessen nur Querköpfe sind, ein Grundrecht mit Erfolg verteidigt haben, dann ist es die Gewährleistung der Narrenfreiheit. Sie äussert sich im Missverständnis, die politische Idee der Freiheit sei ein Freifahrschein für Eigennutz. Dies ist das Fiasko unseres Zeitalters. Das aufklärerische Konzept vom mündigen Menschen verknüpfte Freiheit mit Verantwortung. Das libertäre Konzept vom unmündigen Menschen verknüpft Freiheit mit Egoismus.

 

 

 

 

 

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Seit einem Jahr finden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der «Mittelländischen» Woche für Woche einen Kommentar von Dr. Reinhard Straumann. Mal betrifft es Corona, mal die amerikanische Aussen-, mal die schweizerische Innenpolitik, mal die Welt der Medien… Immer bemüht sich Straumann, zu den aktuellen Geschehnissen Hintergründe zu liefern, die in den kommerziellen Medien des Mainstream nicht genannt werden, oder mit Querverweisen in die Literatur und Philosophie neue Einblicke zu schaffen. Als ausgebildeter Historiker ist Dr. Reinhard Straumann dafür bestens kompetent, und als Schulleiter an einem kantonalen Gymnasium hat er sich jahrzehntelang für die politische Bildung junger Menschen eingesetzt. Wir freuen uns jetzt, jeweils zum Wochenende Reinhard Straumann an dieser Stelle künftig unter dem Titel «Straumanns Fokus am Wochenende» in der DMZ Mittelländischen Zeitung einen festen Platz einzuräumen.  


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