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Unsichere Zeiten – so anfällig sind wir alle für Sekten und sektenartiges Denken

DMZ – SOZIALES / Natalie Barth ¦                                         

KOMMENTAR

 

Wie kann man denn bitte auf eine Sekte oder einen Kult reinfallen? Die Frage ist begründet und dennoch mag die Antwort viele überraschen. Denn auf Sekten oder hochmanipulative und destruktive Gemeinschaften oder Einzelpersonen hereinzufallen ist kein «Privileg» von ungebildeten Menschen. Es kann wohl beinahe jeden treffen, auch den, der diesen Gedanken für sich selbst erst einmal ausschliessen mag.

 

In dem Artikel «10 Dinge, die Sie über die Psychologie von Kulten wissen sollten» wird gesagt: «Die Menschen sind oft überrascht, wenn sie erfahren, dass diejenigen, die sich Sekten anschließen, größtenteils ganz normale Menschen sind. Sie kommen aus allen Schichten, allen Postleitzahlen und allen Steuerklassen.» Auch wenn es gewisse Gemeinsamkeiten oder Vorgeschichten gibt, die anfälliger für Sekten machten.

 

Die Bedürfnisse eines Menschen

Was aber macht Sekten und Kulte so erschreckend und faszinierend zugleich? Aus welchen Gründen haben sektenähnliche Gruppen und Personen einen solchen Zulauf?

 

Wir alle haben Bedürfnisse, die wir befriedigen wollen und müssen. Eines davon ist Trost, ein anderes die Suche nach Antworten in einer unsicheren Welt oder Zeit, wie wir sie jetzt im Moment zum Beispiel gerade, oder wie sie Menschen in persönlichen Krisen, erleben. Diese Antworten und diesen Trost können wir manchmal nicht an den Stellen finden, an denen wir sie vermuten oder uns wünschen, und vielen Menschen macht das Angst oder enttäuscht sie. Genau dies machen sich hochmanipulative Gruppen und Personen zunutze, in dem sie eine Illusion von Sicherheit und scheinbare einfache Antworten auf komplexe Fragen und Sachverhalte liefern. Ein ängstlicher Mensch, ein trauriger Mensch, ein Mensch, der sich verunsichert fühlt, saugt dies dann unter Umständen wie ein Schwamm auf, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er gerade manipuliert und sogar instrumentalisiert wird.

 

Der amerikanische Psychologe Jon-Patrik Pedersen erklärt, „dass Sektenführer oft Versprechungen machen, die völlig unerreichbar sind, aber auch von keiner anderen Gruppe in der Gesellschaft angeboten werden. Dazu gehören beispielsweise finanzielle Sicherheit, völlige Gesundheit, ständiger Seelenfrieden und ewiges Leben - Dinge, die sich jeder Mensch im tiefsten Inneren wünscht.“*

 

Wenn grosse Religionen, die Politik oder auch persönliche Vertrauensbeziehungen diese Ansprüche und Wünsche – teilweise massiv – enttäuschen, werden der Halt, der Trost und die Antworten eben auf alternative Anlaufstellen ausgeweitet.

 

Unsichere Zeiten machen anfällig für Sekten und Verschwörungstheoretiker

Wir leben, wie gesagt, in einer sehr unsicheren Welt und seit etwa 2 Jahren sogar in einer Art Ausnahmezustand, der plötzlich für viele Menschen mehr oder weniger grosse Einschnitte und Veränderungen bedeutet. Es gibt auf so viele Fragen nur unbefriedigende und keineswegs klare Antworten. Versprechungen werden nicht gehalten. Entschuldigungen für offensichtlich gemachte Fehler sind ebenfalls eine Seltenheit. Vertrauen wird immer wieder gebrochen. Wer sich mit Veränderungen und Flexibilität generell schwertut und wer klare Antworten auf sämtliche Fragen braucht, wird sich in so einer Zeit nicht leicht zurechtfinden und ist damit aufgeschlossener für populistische Botschaften und Halbwahrheiten.

 

Wir leben in einer Welt, in der es nicht nur schwarz-weiss, richtig-falsch, böse-gut gibt. Da wir gerne geordnete Verhältnisse, besonders in unserem Gehirn, bevorzugen, stellen solche Grautöne und dass wir vieles nicht mehr in Schubladen stecken oder definieren können, eine ganz besondere Herausforderung dar. Wenn uns dies nicht bewusst ist, macht uns das anfällig. Anfällig für Menschen und Ideologien, die die gewünschten Antworten einfach liefern. Antworten, die scheinbar Sinn ergeben. Antworten, die sich gut anfühlen. Antworten, die klar definieren: Wer ist gut und wer ist böse. Vor allem aber auch Antworten, die absolut sind und keine anderen Ansichten, Kurskorrekturen oder gar Kritik zulassen.

 

Die Schweiz – das Land der Sekten

Wir könnten – und das wird auch gemacht – sämtliche gefährliche Gruppen und Bewegungen beim Namen nennen und davor warnen, sich diesen anzuschliessen. Auf der Seite der schweizerischen Sektenberatungsstelle Infosekta werden derzeit mehr als 50 verschiedene Gruppierungen aufgeführt und beschrieben, die aus den ein oder anderen Gründen bedenklich sind.

 

Im Tagblatt wurde am 27.02.2019 in einem Artikel über Sekten gar von knapp 1000 aktiven Sekten in der Schweiz berichtet, von denen Experten mehrere von ihnen als gefährlich einstufen. „Vor allem kleinere Gruppierungen, bei denen sich Anhänger um eine Einzelperson scharen und diese als Anführer oder Guru verehren, nehmen stark zu.»

 

Genau das stellt uns aber vor folgendes Problem: Wir können nicht jede hochmanipulative, destruktive Gruppe oder Person erfassen und rechtzeitig davor warnen. Es würde vielen Menschen ausserdem auch eine gewisse Selbstverantwortung nehmen oder manch einem ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln, der bereits tief in solch destruktiven Bewegungen drinsteckt. Nur weil diese nicht das Label „Sekte“ tragen oder nicht einmal einen religiösen Hintergrund haben, scheint es dort fälschlicherweise nicht gefährlich zu sein.

 

Was ist denn überhaupt eine Sekte?

Bei der Verwendung des Begriffs „Sekte“ scheiden sich die Geister. Die einen haben eine ganz genaue Definition dessen, was eine Sekte ausmacht und verwenden diesen Begriff, um die Negativität und Gefährlichkeit einer Gruppe herauszustellen. Die anderen wollen dieses Wort überhaupt nicht mehr verwenden und stattdessen durch wertfreie Bezeichnungen wie „religiöse Sondergemeinschaft“, „neue religiöse Bewegung“ oder andere Wörter ersetzen, um nicht kleinere Glaubensgemeinschaften zu stigmatisieren. Gleichzeitig werden für gefährliche Gruppierungen – egal ob religiös oder nicht – Begriffe wie zum Beispiel „destruktive Gruppen“ oder „hochmanipulative Gemeinschaften“ verwendet.

 

Die Bedeutung des Wortes „Sekte“ hat sich im Lauf der Zeit sehr verändert, bezeichnete es doch ursprünglich einfach nur ganz neutral eine Abspaltung von einer grösseren Religion (Mutterreligion). Als Mitglied dieser abgespaltenen Gruppe glaubte man, einen anderen und besseren Glaubensweg gefunden zu haben. Das allein macht natürlich noch nicht unbedingt gefährlich. Da jedoch oft kleinere Gruppen immer wieder mit fanatischen, extremistischen, teilweise gewalttätigen oder hochmanipulativen Handlungen ins Licht der Öffentlichkeit rückten, ist der Begriff Sekte in unseren Breitengraden in der Regel negativ besetzt. Manchmal zu unrecht, manchmal zurecht.

 

Der Grund, warum ich den Begriff „Sekte“ oder „sektenähnliches Denken“ weiterhin sowohl für Zeugen Jehovas als auch andere Gruppen, Strukturen und Einzelpersonen verwenden möchte, ist der, dass ein neutraler Ausdruck in den angesprochenen Fällen zu verharmlosend wirken würde. Ich verwende aber auch sehr gerne die Begriffe „destruktiv“ oder „hochmanipulativ“, da diese den Kern von gefährlichen, auch nichtreligiösen Gruppen herausstellen.

 

Die „Wir gegen sie“ - Mentalität

Erkennungsmerkmale von gefährlichen Sekten, sektenähnlichen Gemeinschaften und Einzelpersonen gibt es inzwischen genügend. „Checklisten“, die aufzeigen, wie diese agieren, sollen helfen, zu erkennen, wann es kritisch wird und wann es Zeit ist, sich selbst oder andere zu hinterfragen. Einige Beispiele finden sich hier:

 

 

Eines dieser Merkmale ist zum Beispiel eine „Wir gegen sie“- Mentalität. Im vorher angeführten Artikel* wird dazu folgendes gesagt: „Sekten erweisen sich als mächtig, weil sie in der Lage sind, ihre Mitglieder erfolgreich von ihrem früheren, nicht sektenähnlichen Leben zu isolieren. Eine der Methoden, mit denen die Sektenführer dies erreichen, besteht darin, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass sie denjenigen, die nicht in der Sekte sind, überlegen sind. Diese "Wir-gegen-sie"-Mentalität führt letztlich dazu, dass sich Sektenmitglieder sozial von Freunden und Familie isolieren. Sie ersetzen diese Beziehungen durch neue Beziehungen innerhalb der Sekte.“

 

Man möge hier nun das Wort Sekte streichen und es gegen umfassendere Ausdrücke wie „Personen“ oder „Gruppierungen“ ersetzen. Eine „Wir gegen sie“- Mentalität ist derzeit in einigen Bewegungen zu finden, die sich in der Corona-Pandemie mobilisieren und radikalisieren. Diese würde wahrscheinlich niemand mit dem Wort „Sekte“ betiteln. Und dennoch agieren viele ihrer Anführer wie Sektenanführer und ihre Befürworter laufen ihnen nach, als wären sie die nächsten mutigen Heilsbringer und Revolutionäre, die sie in die Freiheit führen und an deren Aussagen es keine berechtigten Zweifel geben darf. Gleichzeitig wird ein grosses Misstrauen gegenüber allen geschürt, die nicht zur „Gruppe“ gehören oder andere Ansichten vertreten.

 

Etwas ähnliches passiert schon seit langem in so vielen anderen Bereichen, sei es in der Persönlichkeitsentwicklung, in der spirituellen Szene, in der Alternativmedizin, im Beruf, in der Politik, ja eigentlich in sämtlichen Bereichen, in denen Menschen in Beziehung zueinander stehen und es eine gemeinsame Ideologie oder Mission gibt. Ich möchte hier betonen: Es geht mir nicht darum, eine Szene, ein System oder eine Branche per se abzuwerten. Es geht mir darum, darauf hinzuweisen, dass nicht nur in religiösen Bewegungen gefährliches und sektenähnliches Denken und Handeln stattfindet.

Sich zu einer erwachten Elite oder zu einem Vorreiter einer neuen Epoche dazugehörig zu fühlen, scheint für viele ein sehr verlockender Gedanke zu sein, wertet er doch ein vielleicht fehlendes oder vermindertes Selbstwertgefühl auf und verleiht ein gewisses Gefühl von Macht.

 

«Wir sind etwas Besonderes, denn wir haben erkannt, was wirklich richtig oder wahr ist. Wir können hinter die Kulissen sehen, im Gegensatz zum Rest der schlafenden, hörigen Masse.» Und dann sind manche sogar plötzlich bereit, bestimmte Missionen oder Tätigkeiten auszuführen, die ihnen eigentlich sonst widerstreben würden oder sogar illegal und gesetzeswidrig sind. Auf einmal heiligt der Zweck die Mittel und die «Wahrheit» oder Botschaft muss unter allen Umständen unter die Leute gebracht werden, notfalls mit Gewalt oder einfach mit sehr manipulativen Methoden. Andere Meinungen werde nicht mehr akzeptiert, denn sie stellen eine Bedrohung für das persönliche Weltbild, die eigene Identität und die Mission dar. Ängste werden durch „Was nicht sein kann, ist auch nicht“ kompensiert und somit prallt jegliche Kritik gegen eine Mauer des Widerstands.

 

Paranoia als Manipulationsinstrument

Ein Mittel, dessen sich hochmanipulative Anführer auch oft bedienen, ist Paranoia. Und dies mit dem Ziel, ein falsches Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. „Die Sektenführer überzeugen ihre Opfer davon, dass eine Gruppe, ihre Familien und/oder die Regierung hinter ihnen her sind, dass aber die Sekte ihnen Sicherheit bieten kann. Sobald ein Sektenmitglied zu dem Schluss kommt, dass seine Familie und sein Land ihm keine Sicherheit bieten können, beginnt es, seinen Sektenführer anzubeten und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken.“*

Der „Sektenführer“ kann in dem Fall auch ein Anführer jeglicher Gruppe sein, die behauptet, die ganze Wahrheit zu kennen, egal zu welchem Thema. Das „Anbeten“ muss kein typischer religiöser Akt sein. Es kann eine Glorifizierung, ein Verklären und Idealisieren eines Menschen und seiner Worte sein, denen man kritiklos und nahezu blind folgt.

 

Der absolute Wahrheitsanspruch

Mit dem Wort „Wahrheit“ kommen wir zu einem weiteren Merkmal, das gefährliche Gruppen ausmacht: Sie kennen die ganze und absolute Wahrheit über bestimmte Themen oder Fragen des Lebens, wie das Geheimnis über das Glücklichsein, über (finanziellen) Erfolg, über Gesundheit, Politik oder Moral, über Gott und den Sinn des Lebens. Kritik oder Zweifel sind weder an diesen Wahrheiten noch an der Struktur oder Führung erwünscht. «Wenn jemand sich negativ über die Gruppe äußert, werden dessen Argumente als Zeichen der Unwissenheit oder als feindliche Absicht interpretiert.»**

 

In den diversen Checklisten zur Erkennung von hochmanipulativen Gruppen oder Personen sind so viele Merkmale aufgeführt, dass es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Ich habe nur wenige, für mich persönlich sehr markante herausgestellt, weil diese mir nicht nur in der fundamentalistisch christlichen Gruppe, in der ich aufwuchs, begegneten, sondern in den letzten Jahren und auch letzten Monaten immer wieder in anderen Bewegungen. Ich empfehle jedem, der sich und andere präventiv schützen möchte, sich über die Merkmale und die Arten der Manipulation in solchen Gruppen ein umfassendes Bild zu machen und selbst nachzuforschen. Dieser Artikel soll lediglich einen Anstoss dazu geben.

 

Wie ich eingangs erwähnte: Es kann wohl beinahe jeden treffen. Auf hochmanipulative Gruppen oder Menschen hereinzufallen, kann ausserdem erhebliche emotionale Folgen nach sich ziehen, die für Betroffene oft noch Jahre bzw. Jahrzehnte an Aufarbeitung bedeuten. Unter dem Begriff „Religious Trauma Syndrome“ (Religiöses Trauma Syndrom) werden vor allem in den USA in den letzten Jahren, diese Folgen speziell im religiösen Kontext thematisiert und auf die – hier in Europa noch weitestgehend unbekannte – Problematik aufmerksam gemacht.

 

Gut, dass es immer mehr Hilfe für Betroffene gibt - wenn das Kind also schon in den Brunnen gefallen ist. Noch besser wäre es, wenn Menschen von vornherein befähigt werden würden, Manipulation zu erkennen und zu lernen, mit den Unsicherheiten und Veränderungen des Lebens angemessen umzugehen.

 

 

*Quelle: «10 Dinge, die Sie über die Psychologie von Kulten wissen sollten»

**Quelle: Checkliste zur qualifizierten Beurteilung des Gefährdungspotenzials von Sekten und Psychogruppen

 

Foto von Rizki Nurul von Pexels

 

 

Natalie Barth schreibt für den Blog www.nataliesdiary.com und betreibt den Aufklärungskanal auf YouTube «Natalie Barth – Die Sekte und das Leben danach» (Link: https://www.youtube.com/c/NatalieBarth) 


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Kommentare: 1
  • #1

    Thomas Dombai (Sonntag, 19 Dezember 2021 20:32)

    Als ehemaliges Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas musste ich mit Entsetzen feststellen, dass für die meisten ehemaligen Zeugen Jehovas nach der WTG vor der WTG ist. Selbst sogenannte öffentliche Aufklärer und Ankläger der WTG, benutzen weiterhin die verwerflichen Methoden der WTG. Öffentlich verurteilen sie die Methoden der WTG, wenn sie selbst diese Methoden anwenden, sehen sie nichts verwerfliches darin.

    Das Problem der Manipulation, der Gehirnwäsche, des Gruppenzwangs, des blinden Glaubens und Gehorsams, ohne eine persönliche Verantwortung zu übernehmen, geht weit hinaus über Sekten und religiöse Gruppen.