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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Der chinesische Drache, der sich um einen Handspiegel schlang

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Einbalsamiert in den Krümeln von Brunslis, Zimtsternen, Engelsaugen und Spekulatius, mit einer grünen Girlande um mein Haupt geschlungen wie eine Federboa, Glitter im Gesicht und einem Champagnerglas in der Hand möchte ich Euch ganz herzlich zu meiner neuen Kolumne willkommen heissen. Heute geht es um die Geschichte, die ich anlässlich der Dezemberausgabe des Literaturfestivals www.dierahmenhandlung.com geschrieben habe. Ihr wisst schon, das Festival, das bei mir Zuhause stattfindet. Ich erlaube mir, sie in den nächsten Wochen als Fortsetzungsroman zu veröffentlichen.

 

Die Inspiration für die Erzählung bildet meine Krankheit, die mich nun schon seit vier Jahren begleitet. Und das Schicksal einer mit mir befreundeten Tänzerin. Und obwohl ich mich dann doch eher weit von diesem Ursprung entfernt habe... Ach was, lest selbst:

 

Der chinesische Drache, der sich um einen Handspiegel schlang

«Ich muss sechs Jahre alt gewesen sein, als ich in der Fantasie eine intensive Freundschaft zu einem Mädchen in meinem Alter durchlebte. Auf das Fenster meines damaligen Zimmers, das auf die Allendestrasse hinausging, hauchte ich einen Nebel aus Dunst, so dass sich die Scheibe beschlug, und mit einem Finger zeichnete ich darin eine Tür. Durch diese ging ich in meiner Vorstellung mit grosser Freude und Eile hinaus, blieb kurz stehen, schaute nach links und nach rechts und überquerte dann den Platz, bis ich zu einem Milchgeschäft kam, das Drossel hiess. Durch das O von Drossel trat ich ein und stieg hinab, in das Innere der Erde, wo mich meine imaginäre Freundin immer erwartete. Ich erinnere mich weder an ihr Aussehen noch an ihre Farbe. Aber ich weiss genau, dass sie fröhlich war. Sie lachte viel. Auch waren ihre Kleider bunt und verliehen ihrem Wesen Freundlichkeit. Sie war flink und tanzte, als wäre sie ganz und gar schwerelos. Ich folge allen ihren Bewegungen. Und erzählte ihr, während wir jauchzend um uns selber taumelten, alle meine Geheimnisse.

 

36 Jahre sind seit jener zauberhaften Freundschaft vergangen. Und jedes Mal, wenn ich mich an sie erinnere, lebt sie wieder auf, blüht sie wieder auf und ein Kribbeln durchfährt meinen Körper, als ob ich in diesem Moment alles stehen und liegen lassen sollte, um jetzt gerade an eine Scheibe zu hauchen, um sie aufzusuchen. Und dann.... verlässt mich das Ansinnen und ich lasse es bleiben.»

 

Als Frida Kahlo die Erinnerungen an ihre Phantasiefreundin in ihrem Tagebuch festhält, sind bereits viele ihrer Selbstporträts gemalt. Sie offenbaren die lebenslange Suche nach einem anderen «ich». Frida Kahlo hat ihre Kunst immer wieder dazu genutzt, sich selber zu entdecken. Beziehungsweise sich selber zu entwerfen, sich zu inszenieren. Und immer wieder neue Elemente zu ihrer Identität hinzuzufügen. Und sie auch immer wieder dem Betrachter vor Augen zu führen. Sie ist eine der ersten Malerinnen, die das Thema der Identität in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellt. Person und Werk verschmelzen in ihren Selbstporträts zu einer untrennbaren Einheit.

 

Später wird sie behaupten, sie sei 1910 geboren, dem Jahr in dem die mexikanische Revolution begann. Doch in Wahrheit war sie damals schon drei Jahre alt. Fridas Mutter, eine Mexikanerin, mit spanischen und indianischen Wurzeln, wurde streng katholisch erzogen. Ihr Vater, war ein deutsch-ungarischer Einwanderer jüdischer Abstammung. Und obwohl er fünf Töchter aus zwei Ehen hatte, waren das Mädchen und ihr Papa besonders eng verbunden. Wilhelm Kahlo war als angesehener Architekturfotograf Beamter im mexikanischen Staatsdienst. Frida brachte er nicht nur bei, wie man Fotos retuschierte, sondern sie begleitete ihn auch auf seinen Touren, um ihm im Notfall zu helfen. Denn er war Epileptiker. Und so kam sie schon früh mit Kunst und Fotografie in Berührung.

 

Nachdem Frida mit sechs Jahren von der Kinderlähmung befallen wurde, musste sie einen Monat lang im Bett liegen. An der Viruserkrankung Poliomyelitis, kurz Polio genannt, starben bis zur Entwicklung eines geeigneten Impfstoffs in den 60er- Jahren des 20. Jahrhunderts Zehntausende von Kindern oder blieben mit schweren Lähmungen zurück. Dieses Ereignis prägte sie sehr, denn als Folge ihrer Erkrankung blieb ihr rechtes Bein dünner und kürzer.

 

Nach den Jahrzehnten der Diktatur setzte durch die Revolution ein politischer Wandel ein, der das Land reformierte. Mit fünfzehn gehörte Frida zu den ersten fünfunddreissig Mädchen, die auf die beste Schule der Stadt gehen durften. Sie war sehr ehrgeizig und wollte sich auf das Medizinstudium vorbereiten. Aber sie war auch ein wildes Mädchen. So schloss sie sich den Cachuchas an, einer Clique, die sich für den Kommunismus interessierte und keine Lust verspürte sich von Lehrern und anderen Autoritäten bevormunden zu lassen.

 

Im Alter von achtzehn Jahren forderte sie das Leben erneut heraus. Der Bus, in dem sie sass, wurde von einer Strassenbahn gerammt. Nicht nur brach dabei ihr rechtes Bein elfmal, während ihr Fuss zerquetscht wurde, auch durchbohrte eine Haltestange ihre linke Hüfte und trat aus der Vagina wieder hinaus. Ihr Rückgrat und ihr Schambein waren dreifach gebrochen, das Schlüsselbein und drei Rippen ebenso. Monatelang musste sie liegen, erst im Krankenhaus und dann zu Hause. Nach zahlreichen Operationen folgte ein Ganzkörpergips...

 

Zeitlebens würde sie an den Folgen dieses Unfalls leiden. Die körperliche Behinderung sollte fortan ihr Selbstbild prägen. Aber Aufgeben war nicht ihre Sache. Also legt sie sich eine neue Identität zu und begann zu malen. Sie soll einmal gesagt haben: «Ich necke den Tod und lache ihn aus, damit er mich nicht so leicht unterkriegt.» Ihre Mutter beauftragte einen Zimmermann, eine massgefertigte Staffelei zu bauen. Eine, die man jeweils über dem Bett errichtete, zu dem Zweck, dass sie im Liegen malen konnte. Und unter der Decke ihres Himmelbettes waren Spiegel angebracht, damit sie ihr Antlitz stets im Blick hatte. So entstand mit neunzehn Fridas erstes von insgesamt fünfundfünfzig Selbstporträts.

 

Hat sie Euch bis anhin gefallen, meine kleine Geschichte? Fein. Nächste Woche geht es weiter. Versprochen.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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