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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Der chinesische Drache, der sich um einen Handspiegel schlang. Teil II

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

In der selbstgewählten Quarantäne habe ich den Silvesterabend damit verbracht, die Mäuse davon abzuhalten sich in Pferde zu verwandeln. Und den Kürbis in eine Kutsche. Die Einzige die hierfür Verständnis zeigte, war die alte Eule. Die mag es nicht so, jeweils in einen Fuhrmann mutiert zu werden. Die Mäuse hingegen musste ich mit Käse bestechen. Einem alten gereiften Cheddar. Ich hatte keine Wahl… Und den Kürbis bestach ich so heftig, dass mir bis jetzt noch Suppe übriggeblieben ist. Was dies alles mit meiner aktuellen Kolumne zu tun hat? Nichts! Da geht es weiter mit meinem Fortsetzungsroman über Frida Kahlo und dem chinesischen Drachen, der sich um einen Handspiegel schlang.

 

Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn hier gerne nachlesen:

https://bit.ly/3mRdWNY

 

1984 war Karins Mutter aus Südafrika in die Schweiz gekommen, um in Jona zu heiraten. Und hier wurde Karin auch geboren.

Seit sie denken konnte, waren ihre Gliedmasse in fliegender Bewegung. Einem Wirbelwind gleich pflegte sie schon als kleines Mädchen durch die Gänge zu huschen. Und so war es kein Wunder, dass sie schon früh die Ballettschule in Zürich besuchte. Dabei waren es vor allem die Pirouette, der Taubenflügel und die Arabesque, die sie sehr mochte. Aber auch die Ballonné, die Attitude und die Fouétte en tournant gehörten zu denjenigen Bewegungen und Posen, die sie an allen möglichen und unmöglichen Orten aufführte.

Der kleinen Ballerina lagen aber nicht nur das Tutu und die Ballettschuhe am Herzen, sondern auch ein kleiner silberner Handspiegel, den sie von ihrer Grossmutter zum sechsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Stundenlang konnte sich Karin damit beschäftigen. Der Griff und die Fassung waren in der Gestalt eines chinesischen Drachens geformt, wobei sich das silberne Reptil um den ovalen Spiegel schlang und sein Kopf oben rechts zu liegen kam. Derweil es seinen Schwanz nach unten baumeln lies und dieser somit den Stil formte.

 

Wobei das so ganz eigentlich nicht stimmt. Der Schwanz bildete im Griff des Spiegels nämlich eine Schleife, man muss sich das vorstellen wie ein langgezogenes U, denn es drängte den Schwanz nach oben, er wollte den unteren Teil des Ovals umfassen, um mit seiner Spitze den Kopf des Drachens zu berühren. Chinesische Drachen sind bekanntlich wie Schlangen, sie umkreisen gerne die Dinge... Dieser hier hatte auch einen ganz wunderbaren Schnauz und leuchtende Augen aus Lapislazuli. Später würde sich Karin wundern wie die alte Dame zu einem solchen Spiegel gekommen war. Denn in Südafrika, da wo ihre Grossmutter herkam, waren solche asiatischen Kostbarkeiten nicht verbreitet.

 

In ihrer Fantasie war Malu, so nannte sie den Drachen, echt. Und die beiden bestanden gar manches Abenteuer. Auch spuckte er Feuer und stiess Wolken aus Dampf aus. Kein Wunder, dass sich der Spiegel immer wieder beschlug.

 

Eines Tages machte sie eine seltsame Entdeckung. Zeichnete sie eine Tür auf den angelaufenen Spiegel, so liess sich diese öffnen...

 

Manche Ärzte hatten die Hoffnung schon aufgegeben, doch das Wunder geschah und Fridas Knochen wuchsen wieder zusammen. Ihr Zustand verbesserte sich und sie lernte wieder zu gehen.

In der jungen Frau reifte der Wunsch, Künstlerin zu werden. Sie wollte sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen und fragte den seinerzeit berühmtesten Maler Mexicos, Diego Rivera, der damals gerade im Erziehungsministerium an riesigen Wandmalereien arbeitete, ob sie das Zeug dazu hätte. Rivera erkannte nicht nur ihr Talent, sondern verliebte sich auch in sie. Die beiden heirateten im August 1929. Ihre Mutter nannte das Ereignis die Hochzeit einer Taube mit einem Elefanten. Denn er war nicht nur 21 Jahre älter Frida, sondern mit seinen 1,85 Meter und über 130 Kilo Gewicht auch eine kolossale Gestalt. Während sie selbst sich eher von kleiner und zierlicher Statur war.

 

Als äusseres Zeichen ihrer neuen Rolle an Diegos Seite, kleidete sich Frida nun typisch mexikanisch. Sie kombinierte volkstümliche Kleidung mit Accessoires aus unterschiedlichen Regionen des Landes. Ganz bewusst bekannte sie sich zur Mexikanidad, der mexikanischen Tradition. Kleidung war für die Künstlerin eine Sprache mit der sich Identität bilden liess. So entwickelte sie einen ganz eigenen Stil, der zu ihrem wichtigsten Erkennungsmerkmal wurde.

 

Ein Grossteil der Gemälde von Frida Kahlo besteht aus Selbstporträts oder hat Themen zum Inhalt, die ihre Existenz als Frau betreffen. Sich selbst malte sie zumeist mit zusammengewachsenen Augenbrauen, Oberlippenbart und typischer mexikanischer Flechtfrisur. Wie ein Star machte sie sich dabei zu ihrer eigenen Ikone. Zu ihrem eigenen Kunstprodukt.

 

Frida Kahlo war fasziniert von Gegensätzen. Kunst und Natur, Fantastisches und Realistisches, Intuitives und Rationales. Sie nannte sich selbst «La Obscura». Die Dunkle, Geheimnisvolle.

Die Welt, in die Karin nun hineintrat, war eine gar wunderliche. Denn durch ihren Handspiegel hindurch war sie auf einen grossen Platz gelangt. Überquerte man diesen, erreichte man ein Milchgeschäft, das Drossel hiess. Schritt man dann durch das O von Drossel, erreichte man das Innere der Erde... Und da war es warm. Und es sprühte und funkelte. Und wo man nur hinschaute, glitzerten Diamanten. Flackernde Feuer und kleine Bäche aus Lava erhellten das unterirdische Höhlensystem. Aber das Beste war, dass nach einer Weile ein Mädchen auftauchte. Eine kleine, süsse..

 

1930 zog es die Riveras in die USA. Diego sollte sich unter anderem mit einer Wandmalerei im berühmten Rockefeller Center in Detroit verewigen. Doch während ihr Ehemann die High Society genoss, fand Frida das Leben und die Leute abscheulich. Um sich Luft zu machen, begann sie, die feinen Damen mit Fäkalausdrücken zu provozieren. Gleichzeitig verpasste ihr das Leben den nächsten Tritt. Hatte sie wenige Jahre zuvor schon eine Fehlgeburt erlitten, folgte nun die zweite. Doch anstatt in einer Depression zu versinken, verarbeitete sie ihren Verlust in Bildern. Sie malte sich weinend mit geschwollenem Bauch, umgeben von Symbolen verhinderter Mutterschaft. Trostlos, allein im Bett in einem weiten Raum.

Nächste Woche geht sie weiter, meine kleine Geschichte. Und sie wird ganz anders enden als Ihr denkt... Dies sei an dieser Stelle schon Mal versprochen.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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