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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Der chinesische Drache, der sich um einen Handspiegel schlang. Teil III

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Das Ende ist nicht das Ende. Denn mit dem Ende endet nichts. Rein gar nichts! Es ändern nur die Umstände. 

Geschichten, Bücher und Beziehungen, solche Dinge enden und mögen viel verändern. Protagonisten, Liebschaften und Lebensmittel verderben und verenden. Wie alles im Leben liegt es an uns, die Dinge zu wenden! The End.

Endlich ist er da, der dritte und letzte Teil meiner Fortsetzungskolumne über Frida Kahlo und dem chinesischen Drachen, der sich um einen Handspiegel schlang.

Wer die ersten beiden Teile verpasst hat, kann diese hier gerne nachlesen:

https://bit.ly/3mRdWNY & https://bit.ly/3HIBYCP

 

Immer öfter besuchte Karin nun diese unterirdische Welt. Und freute sich jedes Mal sehr, ihrer kleinen Freundin zu begegnen. Die beiden verbrachten gar manche glücklichen Tage, Wochen und Monate miteinander. Doch eines Tages erschien sie nicht mehr. Und so sehr sie Karin auch suchte und verzweifelt nach ihr schrie - sie blieb verschwunden.

 

Später, viel später sollte ihr Malu berichten, dass Frida an Polio erkrankte. Und obwohl sie diese Krankheit fast heil überstand, ihr Zugang zur gehauchten Tür von da an wie gelähmt war... Ihr erleuchteter chinesischer Drache verriet ihr auch, dass ihre Freundin zu einer anderen Zeit in einem anderen Land wohnte. Und dass es theoretisch möglich sei, wieder an den ersten Abend ihrer Begegnung zurückzukehren und sie dieses Mal nach Hause zu begleiten. Damit sie wisse, in welchem Haus am anderen Ende des Platzes sie lebe. Und sie somit, wenn sie sie schon nicht treffen, dann doch regelmässig besuchen könne.

 

Versteckt hinter der Scheibe ihres Zimmers, hinter dem Spiegel über ihrem Bett, demjenigen auf ihrem Nachttisch und demjenigen in ihrem Baderaum verfolgte Karin fortan die Geschehnisse im Leben der Malerin.

 

Die Schmerzen wurden zum Mittelpunkt von Fridas Arbeiten. Sie wollte nicht leiden. Und so verzieh sie ihrem Ehemann unzählige Seitensprünge. Doch als er, zurück in Mexiko, eine Affäre mit ihrer kleinen Schwester begann, zog sie aus. Sie trennte sich aber nicht, sondern machte sich daran, sich die gleichen Rechte zu nehmen wie er. Auch Frida hatte jetzt immer häufiger Abenteuer, vor allem mit Frauen. Die störten Diego weniger, dafür die wechselnden Männer.

 

Und jedes Mal war Karin mit dabei. Sie beobachtete die wilden und gierigen Blicke, die Liebesschwüre, die leidenschaftlichen Küsse, die Leiber, wie sie sich die Kleider vom Körper rissen und übereinander herfielen. Sie hörte das Stöhnen, das Schreien, das Wimmern und folgte dem Flug des Ejakulats.

1939 liessen sich Diego und Frida scheiden. Kahlos Bild «Die zwei Fridas» ist eine Reaktion darauf. Stoische Gesichter in einem Doppelporträt mit reicher Symbolsprache vor einem aufgewühlten Himmel. Zweimal Frida. Europäisch und Indianisch. Herausgerissene Herzen symbolisieren ihren Zorn und ihren Liebeskummer. Spiegelungen und Verdoppelungen ihrer selbst finden sich auch in ihrem Tagebuch. Sie durchziehen die Seiten wie ein roter Faden. In dem Bild «Die zwei Fridas» teilt die mexikanische Frida ihr Herz mit einer zweiten Frida, die ein Hochzeitskleid im Kolonialstil trägt. So unterschiedlich sie sind, halten sich die beiden an der Hand und sind über eine Ader miteinander verbunden. In der Zweiheit gelingt es ihr, das Scheitern ihrer Ehe mit Würde zu tragen.

 

Karin bedeutete dieses Bild viel. Wusste sie doch, dass Frida hier auch ihre innige Verbundenheit dargestellt hatte. Eine Verbundenheit, die weit über die Schranken der Kunst, der Zeit und der Dimensionen hinausreichte.

1940 heirateten Diego und Frieda in San Francisco wieder. Allerdings vereinbarten sie, künftig keinen Sex mehr miteinander zu haben.

Es war genau diese zutiefst persönliche und gleichzeitig stolze Darstellung ihrer inneren Verletzungen und Schmerzen, welche die Menschen begeisterte. Noch zu Lebzeiten stellte sie bereits in New York und Paris aus.

 

Ihr gesundheitlicher Zustand wurde ab Ende dreissig immer schlechter. Bis zu ihrem Tod wurde sie fünfunddreissig Mal operiert und trug mehr als fünfundzwanzig Korsetts aus Gips, Leder oder Stahl. In ihren letzten Jahren konnte sie ihr Zimmer aus eigener Kraft kaum noch verlassen. Zwischen Rollstuhl, Bett und Spiegel gefangen, isoliert und gefesselt an einen engen Lebensbereich, schuf sie sich ein Universum aus Dingen und Erinnerungen.

 

In diese Zeit fallen auch die Tagebucheinträge über ihre Fantasiefreundin aus ihrer Kindheit. Immer öfters schien sie sich an sie zu erinnern. Immer öfters schien sie ihr gewahr zu werden. Oder war dies nur der Zeitpunkt, in dem sie dies festhielt? Hatte sie nicht schon immer das Gefühl, von einer guten Freundin umgeben zu sein? War da nicht die ständige Gewissheit, geliebt und getragen zu sein? War dies auch der Grund für ihre unzähligen Affären mit Frauen? Um ihr näher zu sein, um mit ihr zu verschmelzen?

Zu ihrer ersten Einzelausstellung in Mexiko konnte Frida zwar nicht mehr zu Fuss, hin, kam aber trotzdem. Im Bett wurde sie zu ihrer Vernissage getragen. Kein Wunder, dass Frida Kahlo für viele ein Vorbild ist. Ihr Leben lang hat sie gemacht, was sie wollte und hat sich weder von ihrer Behinderung noch von Geschlechterrollen einschränken lassen. Anstatt sich zu schämen, hat sie das, was sie von anderen unterscheidet, zu ihrem Markenzeichen gemacht. Doch als man ihr das rechte Bein amputierte, konnte selbst Frida ihr Leiden nicht mehr ertragen. Kurz darauf starb sie mit 47 Jahren an einer Lungenembolie.

Schon vorbei? Ich weiss, ich bin auch ganz traurig. Aber nächste Woche geht es weiter mit meiner Kolumne. Passt gut auf Euch auf.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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