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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Ich lasse die Hosen herunter - Teil II

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Wie ein schwarzer Panther schleicht sich die Migräne meist von hinten an. Die Ohren gespitzt, die Schnurrhaare vibrierend streicht sie auf sanften Pfoten durchs Gebüsch.

Im glänzenden, finsteren Fell leuchten ihre gelben Augen wie die Himmelskörper in Van Goghs Sternennacht. Sie ist ihre Majestät, die Königin des Unterholzes.

 

Dabei ist es die Witterung die sie führt, die sie intuitiv und zielgenau ihre Opfer finden lässt. Ist man einmal in ihren Radar geraten, gibt es kein Entrinnen mehr.

Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne. Heute dreht sich alles um die Migräne. Sie ist der Freund den man niemals haben wollte. Ein stetiger Begleiter, der einem den dunklen Umhang der Qual sanft um die Schultern legt. Dabei lächelt sie verwegen und strahlt in ihren weissen Handschuhen und dem dunklen, dreiteiligen Herrenanzug Überlegenheit aus. Rot ist ihre Krawatte und weiss die Nelke im Knopfloch ihres Jacketts.

 

Ihre Hosen stecken in schwarzen Reiterstiefeln und in der Rechten hält sie eine Gerte, eine kurze Longierpeitsche mit der sie ihre Kunden auf trab bringt. Und wenn man dann vor ihr liegt, sich wälzt, röchelt und stöhnt rammt sie einem den Absatz ins Genick und reisst sich die Bluse auf. «Schaut her!», brüllt sie «ich habe die schönsten Brüste der Welt!» Und tut man genau dies und schaut hin, dann durchzuckt einen der Blitz! Eine Kreissäge setzt an, um den Kopf zu spalten, die Augäpfel drohen aus der Höhle zu springen und eine Feder dringt tief in den Rachen ein! Auf dass sich die Köstlichkeiten der letzten drei Tage auf dem Perserteppich ergiessen.

 

So oder noch viel schlimmer dürft Ihr Euch eine ausgeprägte Migräne vorstellen. Bei mir kündigt sie sich zumeist durch die Ahnung eines unmerklichen Schmerzes in der Stirn an. Anders kann ich es nicht erklären. Es ist kein wirklicher Schmerz. Es ist sein Schatten! Es ist die Annahme, die Erwartung, der Instinkt, dass da etwas auf einen zugerollt kommt, das mindestens so gross wie ein Nashorn, ein Lastwagen oder ein Güterzug mit dreissig Anhängern ist.

 

Dieses Gefühl, dass mehrere Stunden anhalten kann, verdichtet sich dann allmählich zur Gewissheit. Der Schmerz wird fassbar und breitet sich über die ganze Stirn aus.

Wobei dies nicht flächendeckend geschieht, sondern man sich ein Meer aus kleinen Lämpchen denken muss, die schimmernd und blinkend kleine Funken über meinen Denkapparat jagen. Je länger dies andauert, desto pochender wird die Pein. Die Funken sammeln und ballen sich zu einem Knäuel, der sich dann als Zentrum der Qual auf einer Seite des Schädels niederlässt. Zumeist über der linken oder der rechten Schläfe. Von da aus verbreitet er dann sein Unwesen.

In Mitleidenschaft kann er auch die Wurzel der Nase, das Gebiss, den Kiefer oder den Nacken ziehen. Oder er wandert. Und man weiss dann gar nicht mehr so recht wo genau das Kopfweh denn nun auszumachen wäre. Gleichzeitig wird mir ganz flau im Magen. Es ist, als ob sich eine ätzende Leere in meinem Verdauungstrakt breit machen würde. Und nur schon beim Gedanken an Essen sträuben sich die Haare und das Blut gefriert mir in den Adern.

 

Und ja, es ist tatsächlich die Witterung, die sie führt. Migräne Attacken ereilen mich zumeist bei Wetterumschwüngen. Am Tag bevor der Regen oder der Schnee einsetzt und in den Wochen, wenn der Föhn die Täler umspült und sich in die Weiten des Mittellandes vorwagt.

Die Witterung ist aber nicht nur die Ursache für die Migräne. Sie ist auch in mir drin, wenn das Ungeheuer tobt. Denn dann spielen die Sinne verrückt. Jegliche Art von Lichteinwirkung treibt mich in den Wahnsinn. Die Sonne, Lampen, der Display meines Handys – ihre Strahlen treffen auf meine Netzhaut und zünden ein Feuerwerk des Ungemachs. Es ist, als ob ich in zwanzig Zentimeter Abstand zu einer sprühenden Rakete liegen würde.

 

Und das Gleiche gilt für Geräusche. Nur schon das Ticken einer Uhr, der Schall der einsetzt, wenn sich ein Heizkörper erwärmt oder das Klirren eines Kühlschrankes nehmen sich aus, als ob ich während des Konzertes von Metallica oder System of a Down neben den Boxen stünde.

Und das alles ist nichts, aber auch rein gar nichts im Vergleich dazu was jeweils mit meinem Geruchssinn geschieht. Es wächst mir die Nase! Es wachsen mir die Nase, die Arme und der Schwanz. Und ein braunes Fell überzieht meinen Körper. Wedelnd stehe ich dann neben mir und rieche Dinge, die sich dutzende Meter von mir entfernt befinden. Pizza, Raclette, Fondue, Knoblauch, Eiscrème, Wandfarbe, Nagellack, Tankstellen, Chlor, Parfum, Lederbezüge, neue Bücher und frisch gedüngte Felder.

 

Und während sich diese Düfte an den erregten Haaren vorbei durch meine Nüstern empor arbeiten meldet sich der Magen mit dem dringenden Wunsch, Werke der abstrakten Malerei zu produzieren.

Das einzig Gute, was ich der Migräne abgewinnen kann, sind die Träume. So intensiv, so real, so farbenreich träume ich nur während eines Anfalls. So, stelle ich mir die Einnahme von LSD vor. Besser war eigentlich nur die Lungenentzündung, die mich 2019 befiel. Da wurde ich derart mit Morphium vollgepumpt, dass ich 10 Tage auf rosa Wolken ging.

 

Anfang 2020 nahmen die Attacken dermassen zu, dass ich fast jeden dritten Tag an einem Anfall litt. Seither bin ich auf einer Prophylaxe. Das Epilepsiemittel

Topamax singt mir jeden Abend vor dem Einschlafen eine kleine Weise.

Nächste Woche berichte ich Euch über den Brainfog, der mir an manchen Tagen zu tapsenden Abenteuern verhilft.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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